MyMz

Energie

Netzleitstelle hält das Stromnetz stabil

Bei der Bayernwerk Netz GmbH in Neunburg vorm Wald erfahren Schüler, wie komplex die alltägliche Versorgung mit Strom ist.
Von der Klasse MME 10c der Städtischen Berufsschule I aus Regensburg

Betriebsingenieur Thomas Bösl zeigt den Besuchern anhand eines Modells eines Minikraftwerks mit angeschlossenen Verbrauchern, wie die Steuerung des Stromnetzes funktioniert. Foto: Martin Koller
Betriebsingenieur Thomas Bösl zeigt den Besuchern anhand eines Modells eines Minikraftwerks mit angeschlossenen Verbrauchern, wie die Steuerung des Stromnetzes funktioniert. Foto: Martin Koller

Neunburg vorm Wald.Morgens klingelt der Wecker, das Licht im Haus geht beim Druck auf den Schalter an, die Kaffeemaschine brodelt, auf dem Smartphone schießen aktuelle Nachrichten und soeben eingetroffene E-Mails auf das Display: Strom ist unser permanenter Begleiter im Alltag, wir nutzen die Elektrizität ohne darüber nachzudenken.

Dabei ist es keine Selbstverständlichkeit, dass wir kontinuierlich mit Strom versorgt sind, denn ohne die Mitarbeiter in der Netzleitstelle der Bayernwerk Netz GmbH in Neunburg vorm Wald würde unser Alltag stillstehen. Um über die komplexen Hintergründe der Stromversorgung informiert zu werden, besuchten wir, die angehenden Mechatroniker der Klasse MME 10c der Städtischen Berufsschule I, die Netzleitstelle, wo uns Betriebsingenieur Sebastian Schleicher empfing.

Ein Film aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zeigte uns eingangs, wie damals gearbeitet wurde, wenn Störungen bei der Stromversorgung auftraten. Schuhe mit Erdung? Arbeitssicherheitskleidung, die einen Lichtbogen aushält? Fehlanzeige! Stattdessen wird in Lederhose und ohne jede Sicherung auf die Hochspannungsmasten geklettert. Unvorstellbar in der heutigen Zeit, in der Störungen digital ausgemessen und lokalisiert werden.

Interessant ist der geschichtliche Überblick, den Sebastian Schleicher liefert: Nach dem Aus für die geplante WAA in Wackersdorf wurde in Neunburg vorm Wald die Solar-Wasserstoff-Bayern GmbH angesiedelt, die sich mit der Vision einer zukünftigen CO2-freien Energieversorgung beschäftigte. Das Projekt wurde 1999 erfolgreich beendet.

50 000 Schaltungen pro Jahr

Nach Umbaumaßnahmen wurde in den Räumlichkeiten des Infozentrums der Solar-Wasserstoffanlage dann im Jahr 2007 die Netzleitstelle der Bayernwerk Netz GmbH in Betrieb genommen, deren Mitarbeiter nun 70 Prozent des bayerischen Mittelspannungsnetzes überwachen und steuern. Eine weitere Netzleitstelle der Bayernwerk Netz GmbH befindet sich in Dachau. Dort wird die Hochspannung geschaltet.

In Neunburg vorm Wald sind 52 Mitarbeiter beschäftigt, 33 davon im Drei-Schicht-Betrieb. Jährlich werden hier rund 50 000 Schaltungen durchgeführt – mit dem Ziel, „die Stromflüsse so zu gestalten, dass das Netz stabil funktioniert“, erklärt Sebastian Schleicher. Im Zuge der Energiewende werde diese Aufgabe immer komplexer, so der Betriebsingenieur, da das Management von immer mehr dezentralen Erzeugungsanlagen hinzukomme. „Die Stromerzeugung wird immer dezentraler“, betont Sebastian Schleicher.

Die Mitarbeiter der Netzleitstelle, die für 50 000 Kilometer Mittelspannungsnetz zuständig sind, müssen dafür sorgen, dass die Netzspannung einigermaßen konstant bei 230 Volt liegt, die Abweichung darf allerhöchstens zehn Prozent betragen. Außerdem muss die Frequenz stabil bei 50 Hertz liegen. Sollten die Werte unterhalb der Normbereiche liegen, werden Kraftwerke hinzugeschaltet. Liegen sie über den Sollzahlen, werden Kraftwerke vom Netz genommen. Dies ist nötig, damit das Netz nicht zusammenbricht.

Zu den Aufgaben der Netzsteuerung gehört neben dem Störungsmanagement, der Koordination von Instandhaltungsmaßnahmen und dem Management dezentraler Erzeugungsanlagen zunehmend die Bereitstellung von Systemdienstleistungen aus dem Verteilernetz. Die Liberalisierung des Strommarktes hat die Aufgabe, zu allen Zeiten stets genügend Strom zu erzeugen und an den Endverbraucher zu liefern, nicht einfacher gemacht. Nun muss der Strom, den man, so Sebastian Schleicher, nicht großindustriell speichern könne, auf Strombörsen eingekauft werden: „Aufgrund dessen, was an Verbrauch zu erwarten ist, wird ein Fahrplan erstellt und entsprechend Kraftwerksleistung eingekauft.“

Absicherung gegen Blackout

420 Umspannwerke und 630 Schaltstationen sind von Neunburg aus steuerbar. Im Versorgungsgebiet liegen circa 50 000 Ortsnetzstationen. Rund 8000 Megawatt Strom benötigen die Bayernwerk Netz GmbH und ihre unterlagerten Netzbetreiber an einem kalten Wintertag. Im Falle eines Blackouts, eines großflächigen Stromausfalls, würde es Tage dauern, das Problem zu beheben. Mögliche Ursachen für einen Blackout könnten, so Sebastian Schleicher, Hacker-Angriffe, Leitungsüberlastungen, der Ausfall großer Kraftwerke oder Sabotage sein.

„Wir halten einen Blackout für grundsätzlich möglich, aber für äußerst unwahrscheinlich“, erklärt der Fachmann. Das Netz werde permanent überwacht, die Mitarbeiter regelmäßig trainiert. Alle Räume der Netzleitstelle können nur mit einem Mitarbeiterausweis und einer PIN betreten werden, im zentralen Raum der Netzsteuerung, in dem die Mitarbeiter vor jeweils vier großen Monitoren sitzen, dürfen keine Fotos gemacht werden. Die Fachleute haben den Überblick über bunte Linien und Kästchen, Zahlen, Kurven, Diagrammen. „In diesem Raum läuft alles zusammen“, erläutert Sebastian Schleicher. „Wir wissen immer über den aktuellen Schaltzustand des Stromnetzes Bescheid und können zusammen mit unserem Service-Personal Störstellen lokalisieren und beseitigen.“

Mehr ZiS-Artikel lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht