MyMz

ZIS

Süchtig? Ich doch nicht!

Interessanter Besuch der Klasse 8d der Staatlichen Realschule Riedenburg in der Caritas-Suchtambulanz Kelheim.
von der Klasse 8d der Staatlichen Realschule Riedenburg

Cannabis wird oft unterschätzt – das wird den Realschülern bei einem besuch in der Caritas Suchtambulanz erklärt. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa
Cannabis wird oft unterschätzt – das wird den Realschülern bei einem besuch in der Caritas Suchtambulanz erklärt. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa

Kelheim.Egal ob Drogenabhängige, Nikotinsüchtige, Medikamentenabhängige, Alkoholsüchtige oder Menschen mit Essstörung – in der Suchtambulanz in Kelheim kann diesen Menschen geholfen werden.

Christine Gais, Leiterin der Caritas Kelheim, begrüßt die Schüler der Klasse 8d der JSM-Realschule Riedenburg mit deren Deutschlehrerin und Klassenleitung Elke Aigner-Haberstroh. Neben ihr stehen Laura Schmitt und Robert Hadyna – zwei weitere Sozialpädagogen, die uns in den nächsten Stunden viele interessante Dinge zum Thema Sucht erzählen.

Laura Schmitt und Robert Hadyna von der Suchtambulanz Foto: Elke Aigner-Haberstroh
Laura Schmitt und Robert Hadyna von der Suchtambulanz Foto: Elke Aigner-Haberstroh

„Man kann schnell von Suchtmitteln abhängig werden, obwohl man das gar nicht will“, beginnt Frau Schmitt ihren Vortrag über Suchtproblematik. Als Erstes informiert uns die Sozialpädagogin über die Kontaktmöglichkeiten und die Beratungszeiten. Anschließend erklärt sie uns, welche Hilfsmöglichkeiten es bei einer Sucht gibt. So werden beispielsweise Gesprächsgruppen, Achtsamkeitsgruppen, Selbsthilfegruppen und Außensprechstunden angeboten. Man kann aber auch in ein Krankenhaus gehen oder an Freizeitangeboten teilnehmen.

Verschwiegenheit garantiert

Für die Sozialpädagogen ist es wichtig, mit den Patienten zusammenzuarbeiten. Alles, was ihnen erzählt wird, steht unter Schweigepflicht. So entsteht zwischen den Betroffenem und dem Therapeuten Vertrauen – eine wichtige Basis für das Gelingen der Behandlung. Die Therapien sind freiwillig und kostenlos, denn sie werden von der Rentenversicherung, der Caritas und dem Bezirk finanziert. Auf Wunsch des Klienten ist die Behandlung anonym. Auch über die Dauer von Therapien werden wir aufgeklärt. Diese kann sehr unterschiedlich sein. Die Behandlung bei Alkohol- und Medikamentenabhängigen dauert zwischen acht und 16 Wochen, während es bei Drogensüchtigen 24 Wochen sind. Eine ambulante Behandlung gibt es ebenfalls. Diese findet einmal wöchentlich als Gruppentherapie statt. „Sowas dauert sechs bis 18 Monate. Nach der Behandlung kann man noch ein Jahr nach Therapieende zur ambulanten Nachsorge gehen. Dort hat man dann Einzelgespräche mit dem Sozialpädagogen“, sagt Schmitt, bevor sie an Robert Hadyna übergibt.

Sucht oder Genuss?

  • Sucht:

    Den Schülern wurde bei der Suchtambulanz der Unterschied zwischen Genuss und Sucht erläutert. „Ist es eine Sucht oder Genuss, wenn man ab und zu ein Glas Wein trinkt?“, fragte Herr Hadyna. „Es ist Genuss, weil es ja nur ab und zu ist und nicht dauernd“, antwortet einer der Schüler. „Das ist richtig!“, stimmt der Sozialpädagoge zu. „Und was ist, wenn man es jeden Abend trinkt?“ „Dann wird es zur Gewöhnung und kann schnell zu einer Sucht führen“, meint eine Schülerin. „Stimmt!“

  • Alkohol:

    68 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren haben in Deutschland Erfahrung mit Alkohol. Von Jugendlichen im Alter zwischen 18 und 25 haben 98,3 Prozent Alkoholerfahrung. Im Alter von zwölf bis 17 konsumieren ihn 10,9 Prozent regelmäßig.

  • Caritas Suchtambulanz:

    www.caritas-regensburg.de/suchthilfe

„Deutschlandweit sind von den Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren etwa 5,58 Millionen Menschen nikotinsüchtig, 1,77 Millionen alkoholsüchtig, 1,5 Millionen medikamentenabhängig und ca. 319 000 süchtig nach illegalen Drogen. Zudem haben 150 000 Menschen eine Essstörung und 290 000 Personen sind süchtig nach Glücksspielen“, erklärt er uns. Grundsätzlich seien 75 Prozent der Suchtbetroffenen männlich. 2018 wurden in Kelheim 396 Betroffene und 51 Angehörige gezählt. Insgesamt sind es 447 Patienten, die in Kelheim registriert wurden.

Besuch der Klasse 8d der JSM-Realschule vor der Suchtambulanz der Caritas Kelheim Foto: Elke Aigner-Haberstroh
Besuch der Klasse 8d der JSM-Realschule vor der Suchtambulanz der Caritas Kelheim Foto: Elke Aigner-Haberstroh

Gründe für den Konsum von Suchtmitteln seien familiäre Probleme, eine schwere Kindheit, Stress oder das Verlangen nach einem besseren Gefühl. Als häufigste Einstiegsdroge wird Cannabis genannt. Viele Jugendliche unterschätzen diesen Stoff und stempeln ihn als ungefährlich ab, da sie die schwerwiegenden Auswirkungen der Droge nicht kennen. Jedoch kann der frühe Genuss von Cannabis zu erheblichen negativen Folgen führen, zumal sich das Gehirn und der Körper in der Pubertät noch entwickeln. Ein weiteres unterschätztes Rauschmittel ist Alkohol. Da der Genuss schon ab 18 beziehungsweise ab 16 erlaubt ist, denken viele, dass dies nicht so schädlich sei. Die Zahl der Alkoholabhängigen aber zeigt die versteckte Gefahr. Anschließend werden wir über die Alkoholerfahrung und den regelmäßigen Konsum bei Jugendlichen aufgeklärt. 68 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren haben in Deutschland Erfahrung mit Alkohol. Von den Jugendlichen im Alter zwischen 18 und 25 haben schon 98,3 Prozent Alkoholerfahrung. Im Alter von zwölf bis 17 konsumieren ihn 10,9 Prozent regelmäßig.

Mutter und Tochter erzählen

Zum Ende unserer Recherche versammeln wir uns – nach einer Hausführung – wieder im Saal. Nun erzählen eine ehemals alkoholkranke Mutter und deren Tochter über ihr Leben mit der Sucht.

„Alles fing damit an, dass ich abends zur Entspannung oft ein Glas Wein trank. Durch Stress und Probleme in der Familie wurde der Konsum immer höher. Irgendwann trank ich so viel, bis ich in einem Rauschzustand war und mir selbst nicht auffiel, dass ich eine Sucht entwickelt habe“, erklärt die Frau. Durch das Suchtverhalten ihrer Mutter erlitt die damals 16-jährige Tochter schwere Depressionen. Nachdem die Familie nach Monaten keine Besserung sah, rief die Tochter in ihrer Verzweiflung den Caritas Verband Kelheim an. Nach langem Zögern überredete die Familie die Mutter, sich helfen zu lassen und sie kam zu ihrer ersten Besprechung mit Frau Gais. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Frau ihr Problem immer mehr bewusst und sie erschien wöchentlich bei Gruppen- und Einzelberatungen. Seit zwei Jahren ist sie nun „trocken“ und konsumiert keinen Alkohol mehr.

Am Ende des spannenenden Tages ist uns klar: „Man kann jede Sucht beenden, aber nur, wenn man es wirklich will“, so unsere übereinstimmende Erkenntnis.

Weitere Nachrichten aus dem Landkreis Kelheim finden Sie hier

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht