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2019: Ein bewegtes Jahr am Kunstforum

Im kommenden Jahr steht eine Gesamtsanierung an, dabei bleibt das Haus offen. Vielversprechende Ausstellungen sind geplant.
Von Katharina Kellner

Dr. Alexandra Demberger, hier mit einer Skulptur von Renée Sintenis (1888-1965), kuratiert die Retrospektive „Zwischen Freiheit und Moderne“. Die Künstlerin war eine der ersten Frauen in der Bildhauerei. Fotos: Kellner
Dr. Alexandra Demberger, hier mit einer Skulptur von Renée Sintenis (1888-1965), kuratiert die Retrospektive „Zwischen Freiheit und Moderne“. Die Künstlerin war eine der ersten Frauen in der Bildhauerei. Fotos: Kellner

Regensburg.Renée Sintenis war eine Erscheinung: Mit einer Körpergröße von 1,80 Metern, mit Bubikopf und im Herrenanzug verkörperte sie den Typ der „neuen Frau“ zur Zeit der Weimarer Republik. Sintenis wurde häufig von Zeitgenossen porträtiert und fotografiert und pflegte Kontakte zu berühmten Zeitgenossen wie die Schriftsteller Rainer Maria Rilke und Joachim Ringelnatz. Doch sie war auch selbst eine erfolgreiche Künstlerin: Sie habe ein komplexes Werk geschaffen, sagte Dr. Agnes Tieze, Direktorin des Regensburger Kunstforums Ostdeutsche Galerie. Sintenis, die eine der ersten Frauen war, die sich in der Männerdomäne der Bildhauerei behaupteten, wird im Oktober 2019 am Kunstforum eine große Retrospektive gewidmet sein. Dies war nur eine der Ankündigungen der gestrigen Jahrespressekonferenz des Kunstforums.

Die Teilnehmer der Jahrespressekonferenz: Manfred Pitzl vom Sparkassen-Vorstand (Sponsor), Dr. Kirsten Remky, Vorstandsvorsitzende des Fördervereins, Direktorin Dr. Agnes Tieze, Stiftungsvorstandsvorsitzender Dr. Wolfgang Schörnig, Kuratorin Dr. Alexandra Demberger und Geschäftsführer Maximilian Obermeier (von links)
Die Teilnehmer der Jahrespressekonferenz: Manfred Pitzl vom Sparkassen-Vorstand (Sponsor), Dr. Kirsten Remky, Vorstandsvorsitzende des Fördervereins, Direktorin Dr. Agnes Tieze, Stiftungsvorstandsvorsitzender Dr. Wolfgang Schörnig, Kuratorin Dr. Alexandra Demberger und Geschäftsführer Maximilian Obermeier (von links)

2019 wird ein bewegtes Jahr für das Haus werden. Denn es steht eine Gesamtsanierung an – gleichzeitig soll der Ausstellungsbetrieb weitergehen. Die Sanierung sei „keine gestalterische, sondern eine funktionelle Maßnahme mit dem Ziel, den Charme der End-Siebziger zu vertreiben“, sagte Tieze. Hauptaugenmerk der Sanierung liegt auf dem Grafiktrakt. Dort werden Klima- und Beleuchtungsverhältnisse dem aktuellen Standard angepasst, damit die Räumlichkeiten für Ausstellungen genutzt werden können. Mancher hochkarätige Künstler mache seine Zusage zu einer Ausstellung von den räumlichen Gegebenheiten abhängig, sagte Tieze. Nach der Sanierung könnten verstärkt großformatige Exponate ausgestellt werden. Außerdem gewinne das Museum Platz, um mehr Werke aus dem eigenen Bestand zu zeigen. „Wir werden besucherfreundlicher“, sagte die Direktorin, nicht nur wegen der Barrierefreiheit, die die Sanierung bringen werde. Der Besucher werde insgesamt mehr Kunst zu sehen bekommen. Einzelne Räume im Erdgeschoss sollen im Sinne der Museumspädagogik optimiert werden.

Was unter der Leinwand liegt

Die Maßnahmen im Verwaltungsgebäude dienen der Sicherung der Bausubstanz. Die Arbeiten beginnen Anfang 2019 und dauern voraussichtlich bis Ende 2020. Der städtische Rechtsreferent Dr. Wolfgang Schörnig, der Vorstandsvorsitzender des Kunstforum ist, freute sich über die 2018 erfolgte Dachsanierung am Kunstforum, die im Kostenrahmen geblieben sei. Er sagte, das Gesamtbudget für die kommende Sanierung des 80 Jahre alten Hauses betrage 4,5 Millionen Euro. Laut Geschäftsführer Maximilian Obermeier beteiligt sich die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien mit 2,25 Millionen Euro, der Freistaat Bayern mit 1,35 Millionen Euro und die Stadt Regensburg mit 900 000 Euro. Obermeier nannte 2018 ein wirtschaftlich schwieriges Jahr – bedingt durch die späte Verabschiedung des Bundeshaushalts und die Zurückhaltung des Freistaaats Bayern bei der Projektförderung. Das Kunstforum sei zum „rigorosen Sparkurs“ gezwungen gewesen, doch ein positiver Haushaltsabschluss sei für 2018 erreicht worden.

Die Jahrespressekonferenz am Kunstforum

  • Teilnehmer:

    Manfred Pitzl vom Sparkassen-Vorstand (Sponsor), Dr. Kirsten Remky, Vorstandsvorsitzende des Fördervereins, Direktorin Dr. Agnes Tieze, Stiftungsvorstandsvorsitzender Dr. Wolfgang Schörnig, Kuratorin Dr. Alexandra Demberger und Geschäftsführer Maximilian Obermeier (v. l.)

  • Gemälde:

    Im Hintergrund ist „Frühlingsmorgen im Lauterbrunner Tal“ von 1827 zu sehen. 2017 wurde es als Werk Ludwig Richters identifiziert. Ein Regensburger Sammler hatte es 2009 im Keller eines Budapester Antiquitätenhändler entdeckt. Er gab es dem Kunstforum als Dauerleihgabe.

Dr. Kirsten Remky hat im Juli den Vorstandsvorsitz im Verein der Freunde und Förderer des Kunstforums übernommen. Sie ist auch neue Stiftungsrätin der Trägerstiftung. Der Verein mit aktuell 320 Mitgliedern beteilige sich am Erwerb von Kunstwerken für die Sammlung und fördere die Museumspädagogik. Im Gegenzug können Mitglieder zu guten Konditionen das Angebot des Museums nutzen und an organisierten Reisen teilnehmen, sagte Remky.

Neben der Retrospektive soll es 2019 drei Kabinettausstellungen geben. Im Mittelpunkt der ersten beiden stehe jeweils ein Prunkstück der Sammlung, sagte Tieze. Die erste Ausstellung „Ludwig Richter und Julius Schnorr von Carolsfeld – eine Künstlerfreundschaft“ ist ab 17. März zu sehen. Ein Dresdner Expertenteam hatte kürzlich bei einer Untersuchung des Gemäldes „Frühlingsmorgen im Lauterbrunner Tal“ Unterzeichnungen entdeckt, wie Tieze sagte. Diese deuteten darauf hin, dass der Landschaftsmaler Ludwig Richter sich für die Gestaltung der Figuren Anregungen von Schnorr von Carolsfeld holte.

Die zweite Präsentation widmet sich ab 7. Juni der Gegenwartskunst. Im Mittelpunkt steht die großformatige Fotografie „Deutschland wird deutscher“ (1992) von Katharina Sieverding, die unter dem Eindruck der rechtsradikalen Ausschreitungen nach dem Mauerfall entstand. Das Deutsche Historische Museum Berlin überlässt das Werk dem Kunstforum als Dauerleihgabe. Besonders interessiere die Künstlerin das Thema Identitätsfindung im wiedervereinten Deutschland, sagte Tieze.

Einblick in die Detektivarbeit

Die dritte Ausstellung „Verborgene Doppelbilder“ ab 21. Juni knüpft an die beidseitigen Präsentationen in der ständigen Schausammlung an. Sie versammelt Gemälde aus dem Bestand des Kunstforums, bei denen ein Künstler die Leinwand von beiden Seiten bemalte und die nicht in der Dauerausstellung zu sehen sind wie Arbeiten von Moriz Melzer, Jakob Steinhardt, Max Radler oder Ida Kerkovius. Häufig sei gerade die Rückseite eines Gemäldes interessant, sagte Tieze: Notizen, Stempel oder Klebezettel gäben Hinweise auf Herkunft, Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte. So erhielten Besucher Einblick in diesen beinahe detektivischen Bereich der kunsthistorischen Arbeit. Dies geschehe auch vor dem Hintergrund der Einrichtung einer systematischen Provenienzrecherche am Kunstforum. Ab Dezember 2018 gibt dafür eine Vollzeitstelle, gefördert vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg und von der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern, informierte Tieze.

Die Retrospektive zu Renée Sintenis zeigt rund 100 Werke aus der Sammlung und Leihgaben. Sie ermöglicht einen Überblick über das Werk der Bildhauerin, die für ihre kleinformatigen Tierplastiken bekannt wurde, aber auch Frauen-, Knaben-, Sportlerfiguren und Porträts und Grafiken schuf. Gut möglich, dass Renée Sintenis, die schon ihre Zeitgenossen beeindruckte, ab 12. Oktober 2019 auch viele Regensburger in ihren Bann schlägt.

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