MyMz

Pop

Abba steht für die Hoffnung

Die schwedische Popgruppe ist ein Phänomen. Seit 40 Jahren fasziniert sie. Carl Magnus Palm hat über die Band geschrieben.
Von Olaf Neumann

Abba-Experte Carl Magnus Palm Foto: Olaf Neumann
Abba-Experte Carl Magnus Palm Foto: Olaf Neumann

Stockholm.Abba-Hits wie „Waterloo“, „Mamma Mia“ oder „SOS“ faszinieren die Menschen seit über 40 Jahren – mittlerweile sogar generationsübergreifend. Weil sie bis heute über 400 Millionen Tonträger verkauft haben, können Björn, Benny, Frida und Agnetha es sich leisten, noch so verlockende Angebote für eine Comebacktour auszuschlagen. Stattdessen wollen sie demnächst als Avatare mit alten und neuen Songs um die Welt reisen. Bevor die Abba-Hologramme die Bühnen erobern, zelebriert die erfolgreiche Tribute-Show Abbamania noch einmal leibhaftig die größten Hits der schwedischen Pop-Ikonen, 2019 sogar mit zwei neuen Sängerinnen. Olaf Neumann traf im Vorfeld den Bandbiografen Carl Magnus Palm in Stockholm. Er gilt weltweit als führender Abba-Historiker.

Herr Palm, Sie sind weltweit der einzige Abba-Experte, der von seiner Arbeit leben kann. Ist das ein Vollzeit-Job?

Die meiste Zeit ja. Zwischendurch arbeite ich auch an anderen Projekten, aber eigentlich beschäftige ich mich nur mit Abba. Ich schreibe Bücher über die Band, unterstütze ihre Plattenfirma bei CD-Wiederveröffentlichungen, mache etwas fürs Abba-Museum hier in Stockholm und halte Vorträge.

Steigt das Interesse an der Band, die sich bereits 1982 aufgelöst hat?

Definitiv. Das liegt hauptsächlich daran, dass sie einfach gut waren und sich immer neue Generationen für sie interessieren. Zudem leben wir in politisch unruhigen Zeiten und Abba stehen für pure Freude. Danach sehnen sich viele Menschen. Das Phänomen Abba ist wie ein rollender Schneeball, der immer größer wird und sich nicht mehr aufhalten lässt. Das Ganze hat ein Eigenleben entwickelt und existiert außerhalb der vier ehemaligen Bandmitglieder Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad.

Die schwedische Popgruppe Abba mit (v. li.) Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson 1978 bei einem Auftritt in der deutschen Fernsehshow „Am laufenden Band“. Foto: Schilling/dpa
Die schwedische Popgruppe Abba mit (v. li.) Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson 1978 bei einem Auftritt in der deutschen Fernsehshow „Am laufenden Band“. Foto: Schilling/dpa

Die Band existierte gerade mal zehn Jahre. Wird es nicht irgendwann langweilig, sich mit ihr zu beschäftigen?

Das ist wirklich selten der Fall, weil es immer etwas Neues zu entdecken bzw. zu lernen gibt. Und was Abba betrifft, gibt es noch vieles, was wir nicht wissen. 2017 etwa habe ich ein Buch über ihre sämtlichen Aufnahmesessions herausgebracht. Es war die überarbeitete Fassung eines älteren Titels. Während ich daran arbeitete, bekam ich Zugang zu Musik, die ich vorher nie gehört hatte. Wir haben jetzt viel mehr Fakten darüber, wie Abba ihre Songs kreiert haben.

Warum hat Abba sich zu einem zeitlosen Phänomen entwickelt?

Ihre Musik wurde in den 1970er aufgenommen. In den Songs hört man zum Beispiel deutlich die Bass-Drum und die Snare-Drum. Ich glaube, solche Details lassen sie heute noch modern erscheinen. Vielleicht sogar noch moderner als die Beatles. Aber die Beschäftigung mit Abba ist auch eine Zeitreise. In den 1970ern war das Leben de facto nicht leichter als heute. Es gab Terrorismus, den Kalten Krieg, die Ölkrise. Aber aus heutiger Sicht erscheint einem diese Zeit als leichter. Die Gegenwart ist ja sehr komplex. Wir leben in dunklen Zeiten, und Abba symbolisiert Hoffnung.

Lieben alle Schweden Abba?

Die meisten schon. Es wäre schrecklich, wenn wir alle denselben Geschmack hätten. Die Schweden sind stolz auf den weltweiten Erfolg von Abba. Damals hatte unser Land nur acht Millionen Einwohner, aber wir konnten trotzdem eine Band hervorbringen, die mit ihrer Musik die Welt eroberte! Es hat jeden einzelnen Schweden erstaunt, dass dergleichen jemals geschehen konnte.

Gäbe es heute eine so starke schwedische Musikindustrie ohne Abba?

Schwer zu sagen. In den 1970ern hatten Teile der Medien ein eher kritisches Verhältnis zu Abba, was etwas mit dem damaligen kulturellen Klima zu tun hatte. Man warf Abba vor, kommerziell zu sein. Sie wären nur wegen des Geldes dabei. In den 1970ern war die Stimmung hier nicht so, dass es alle möglichst so machen sollten wie Abba. Aber Abba zeigte allen, dass man es schaffen konnte, von Schweden aus Musik für die ganze Welt zu machen.

Waren Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad ausgebrannt, als sie sich 1982 nach zehn gemeinsamen Jahren trennten?

Also, sie haben definitiv nicht zu viel getourt. Es gab nur zwei große Tourneen. Aber es waren zehn sehr intensive Jahre. Die Songschreiber Björn und Benny hatten nach zehn Jahren das Gefühl, in dem Format alles gesagt zu haben. Sie suchten nach neuen Inspirationen. Aber Agnetha und Frida fühlten sich nach zehn Jahren mit Abba und den Scheidungen von Björn und Benny müde und ausgebrannt. Agnetha kam mit dem Ruhm nicht zurecht. Frida sagte damals, ihr ganzes Leben sei im Abba-Netz gefangen.

War Abba eine gute Live-Band?


Es wurden genau zwei ihrer Konzerte gefilmt, mehr Live-Aufnahmen gibt es von ihnen nicht. Sie waren keine wirklich große Live-Band, aber sie waren besser als sie selbst dachten. Das lag auch an ihrer professionellen Begleitband, in der die besten Musiker Schwedens spielten. In „Abba The Movie“ zum Beispiel legen sie eine ziemlich gute Show hin. Aber sie waren nicht Led Zeppelin oder Kiss, sondern eher schlicht. Sie sind auf die Bühne gegangen und haben gesungen.

„Das Phänomen Abba ist wie ein rollender Schneeball, der immer größer wird und sich nicht mehr aufhalten lässt“,

Carl Magnus Palm

Demnächst wollen die Abba-Musiker als Avatare mit alten und neuen Songs um die Welt reisen. Was kann man davon erwarten?

Ich gehe davon aus, dass dieses Projekt Qualität haben wird, sonst würden sie es nicht machen. Björn und Benny sind sehr zupackend. Sie würden nichts tun, was nicht dem von ihnen geschaffenen Standard entspricht.

Wie finden Sie generell die Idee, Hologramme auf Tour zu schicken?

Wenn Björn und Benny es machen wollen, dann macht es Sinn. Ich kann aber verstehen, wenn man ihr Vorhaben seltsam findet. Sie leben ja noch, warum gehen sie dann nicht selbst auf die Bühne? Ich glaube, wenn sie die Avatar-Tour irgendwann starten, müssen sie genau erklären, warum sie es so und nicht anders machen. Sie sehen halt nicht mehr aus wie 1979, deshalb entwickeln sie diese digitalen Hologramme von sich selbst. Sie möchten nicht als über 70-Jährige auf der Bühne stehen und das Image von Abba zerstören.

Abba mit Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus 1974 beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson im südenglischen Brighton. Foto: dpa
Abba mit Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus 1974 beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson im südenglischen Brighton. Foto: dpa

Haben Abba wie jede andere Popband der damaligen Zeit gearbeitet?

Die Band bestand aus zwei Ehepaaren, aber das gab es auch bei Fleetwood Mac. Der herkömmliche Weg einer Band ist, dass vier Freunde zusammen in einem Keller proben. Dann spielen sie in irgendwelchen Bars für kleines Geld, bis sie eines Tages von einer Plattenfirma entdeckt werden. Abba hingegen begann als Studioprojekt. Sie waren plötzlich da und haben sich nicht hochgespielt wie die Beatles. Die populärsten Bandmitglieder waren Agnetha und Frida, die gar keine Songs schrieben.

Haben Björn Ulvaeus und Benny Andersson die Hits aus dem Ärmel geschüttelt?

Björn und Benny brauchten immer eine Ewigkeit, um einen Song zu schreiben, mit dem sie zufrieden waren. Sie sind wirklich schonungslos mit sich selbst umgegangen. Mit „fast gut“ waren sie nicht zufrieden, es musste immer 100-prozentig sein.

Welches ist Ihr Lieblingssong von Abba?

„The Winner Takes It All“. Für mich ist das der perfekte Popsong. Er hat nur zwei Melodiestimmen, die sich die ganze Zeit wiederholen. Aber sie schaffen es, dass es nicht langweilig klingt. Man hat das Gefühl, dass die ganze Zeit etwas passiert. Besser kann man es in der Popmusik nicht machen. Und Agnetha hat nie aufrichtiger gesungen als in diesem Song.

Weitere Kulturnachrichten lesen Sie hier.

Zur Person

  • Autor: Carl Magnus Palm wurde 1965 geboren und wuchs im Stockholmer Vorort Jakobsberg auf. Er studierte Anglistik und Kinogeschichte und begann anschließend, Bücher über die schwedische Popgruppe Abba zu schreiben.

  • Bücher:

    Bis heute erschienen sind „The Complete Recording Sessions“ (1994), „The People and the Music“ (1996), „From Abba to Mamma Mia!“ (2000), „Bright Lights Dark Shadows - The Real Story of Abba“ (2001), „Benny’s Road to Abba“ (2004), „The Complete Guide to their Music“ (2005), „The Story about the super Group“ (2008) und „The Backstage Stories“ (2014).

  • Historiker:

    Palm gilt als führender Abba-Historiker. Seine Texte finden sich sowohl in den Booklets offizieller Abba-CDs als auch im Abba-Museum in Stockholm.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht