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Adele Neuhauser und ihre Zauberformel

Die Tatort-Kommissarin und Regensburger Mephisto-Darstellerin packt in ihrer Autobiografie aus. Ein spannendes Werk.
Von Harald Raab, MZ

Eine Frau, die keine Herausforderung scheut: Adele Neuhauser Fotos: dpa
Eine Frau, die keine Herausforderung scheut: Adele Neuhauser Fotos: dpa

Regensburg.Dem deutschsprachigen Fernsehpublikum ist sie als ziemlich derangierte Kommissarin Bibi Fellner in der Wiener Staffel der Tatort-Serie bestens vertraut, einer Frauenrolle randvoll mit Abgründigem und Alltagsskurrilitäten austriakischer Provenienz, Stiegenhaus-Charme und Dritter-Mann-Zwielichtigkeiten. Den Regensburgern ist Adele Neuhauser obendrein bekannt als Mephisto-Darstellerin in der legendären Faust-Inszenierung von Michael Bleiziffer, an ihrer Seite Martin Hofer als Faust. Fast einhundert Mal brachte diese Produktion ein volles Haus. Nicht zuletzt wegen der magischen Interpretation des Teufels in der schillernden Sphäre des Bösen, wechselnd zwischen den Geschlechterrollen.

Jetzt hat die 58-jährige Schauspielerin im Wiener Brandstätter-Verlag eine Autobiografie herausgebracht; der verstörende Titel: „Ich war mein größter Feind“. Um das gleich vorweg anzusprechen: Adele Neuhauser hat als Mädchen und junge Frau sechs Mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie sieht es heute als eine Art sinistere Mutprobe.

Allerdings – für eine runde Lebensbilanz ist es noch zu früh. Das kann noch nicht alles gewesen sein. Da mag noch viel kommen. Eine faszinierende, lebenskluge, gut geerdete Zwischenbilanz ist es allemal geworden. Eine einfache, unprätentiöse Sprache unterstreicht den Anspruch auf authentische Wahrheit im Blick zurück auf einen ungewöhnlichen Lebensweg, voller Überraschungen, Brüchen, Höhen und Tiefen, Niederlagen, Erfolgen, Verzagtheiten, Mut und viel, viel Energie eine individuelle Existenz zu gestalten. Getreu dem Motto des Dichters Gottfried Benn: „Du musst dir alles geben. Götter geben dir nichts ...“

Neuhauser, die Dienstleisterin

Adele Neuhausers Anspruch gilt im Theater, im Film und jetzt auch in einem Buch: Sie will von möglichst vielen verstanden werden – ohne Pathos. In diesem Sinn sieht sie sich als Volksschauspielerin, als Dienstleisterin.

Der zweite Aspekt, warum dieses Buch Aufmerksamkeit verdient: Adele Neuhauser reflektiert ihren so schwer zu fassenden, und reichlich missverstandenen Beruf als Schauspielerin mit großem Einfühlungsvermögen. Wann gelingt eine Rolle, wann eine ganze Produktion? Ihre Zauberformel heißt: magische Energie, ein schwer zu schaffender, aber glückhafter Zustand. Nur so springt der Funken über auf das Publikum.

Adele Neuhauser bezeichnet sich als „Kind zweier Welten“. Obwohl sie der griechischen Sprache nur noch bedingt mächtig ist, gilt sie vielen als die Griechin – ihres Aussehens und ihres mediterranen Temperaments wegen. Ihre Herkunft und die Geschichte ihrer Familie mit dem gar nicht hellenistisch klingenden Namen sind Beweis dafür, dass Multikulti nicht erst ein Phänomen unserer Tage ist.

Erst Knödelakademie dann Bühne

Berufliche Wanderungen über Grenzen hinweg und die Liebe würfelten bereits früher Menschenschicksale kräftig durcheinander. Ihr Großvater aus der Steiermark ging als Wasserbauingenieur nach Griechenland. Sein Sohn Georg, Adeles Vater, wurde in Piräus geboren und ist auf der Kykladen-Insel Syros aufgewachsen. Als Architekturstudent heiratete er die 16-jährige Elisabeth, Adeles künftige Mutter, in Wien. Adele kam 1959 in Athen zur Welt. Sie war noch ein Kind, als die Familie nach Wien übersiedelte. Die weitere Sozialisation fand im 10. Gemeindebezirk, Favoriten, statt, in einem typischen Arbeitermilieu. Die Eltern trennten sich. Adele wuchs beim Vater auf.

Wien in den 70er-Jahren, Adele, ein erlebnishungriger Teenager, da blieb wenig Zeit und Lerneifer, die Matura zu machen. Ihr Berufswunsch erst Tänzerin und nach einer Verletzung Schauspielerin zu werden, schien nicht in Erfüllung zu gehen. Sie wurde in die Höhere Lehranstalt für Hauswirtschaft gesteckt, verspottet als „Knödelakademie“. Das war wohl nicht das Passende für so eine wilde Hummel. Mit der gefälschten Unterschrift ihres leidgeplagten Papas meldete sich die Sechzehnjährige ab und machte die Aufnahmeprüfung am renommierten Max-Reinhardt-Seminar – und fiel prompt durch.

Über Mainz, Essen und Ingolstadt landete Adele Neuhauser schließlich am Regensburger Stadttheater.

Vorwärts stürmen, hinfallen, wieder aufstehen, besser fallen und weitermachen: Das war schon früh das Lebensmotto des willensstarken Mädchens. Bei der etablierten privaten Wiener Schauspielschule Krauss hatte sie Glück. Dort machte sie ihr Diplom. Erste, sehr praktische Bühnenerfahrung sammelte sie im Wiener Experimentiertheater „Paket“ und vorher in einer Tournee-Produktion beim Tingeln durch Wirtshaussäle der Provinz.

Es folgte das erste richtige Engagement am Stadttheater Münster, 1400 Kilometer vom vertrauten Wien entfernt. Dort funkte es zwischen ihr und dem ebenfalls aus Wien stammenden Kollegen Zoltan Paul. Die beiden kamen sich näher, als sie hinter der Bühne lautstark Beischlafgeräusche mimen mussten. Es folgten keineswegs langweilige Ehejahre, ein bisschen wohl nach dem Muster „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“.

Lesung in Regensburg

  • Adele Neuhauser stellt

    ihr autobiografisches Buch „Ich war mein größter Feind“ auf Einladung der Buchhandlung Dombrowsky am 21. und 22. November in Regensburg vor.

  • Das Buch ist

    im Wiener Brandstätter- Verlag Wien erschienen, umfasst 216 Seiten und kostet 21,90 Euro ( ISBN 978-3-7106-0090-6). Weitere Infos gibt es unter www.brandstaetterverlag.com.

Über Mainz, Essen und Ingolstadt landete Adele Neuhauser schließlich am Regensburger Stadttheater, angelockt durch das Angebot, als Frau die Mephisto-Rolle spielen zu können. Für Neuhauser mit ihrer markant tiefen Stimme war das eine der Herausforderungen, die sie suchte. Sie reizte das Abenteuer, sich immer wieder neu erfinden zu können. Sieben Jahre blieb sie in Regensburg. Die Geburt ihres Sohnes Julian und die Mutterrolle waren zehn Jahre lang weitere Herausforderungen. Die Ehe mit Zoltan ging in die Brüche. Mit ihm hat sie ihren ersten Film gedreht, Titel: „Gone – eine tödliche Leidenschaft“. Viele Schicksalsschläge waren zu verkraften: Tod der Eltern und des geliebten Bruders Alexander, für den sie noch eine Stammzellenspende leistete, ein vergeblicher Versuch, ihn zu retten. Schließlich noch der Verlust der Stimme, ihres wichtigsten Instruments für den leidenschaftlich geliebten Beruf. Eine riskante Kehlkopfoperation, die schließlich glücklich verlaufen ist.

Der große Karriereschritt kam mit dem Fernsehangebot, die Bäuerin Julia Zirbner in der ORF-Kult-Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ zu übernehmen. 2010 stieg sie als Kommissarin Bibi Fellner in das sonntägliche Tatort-Geschäft ein. Sie weiß, welch großes Los ihr das Schicksal damit zugespielt hat: „Wie viele Schauspielerinnen in meinem Alter haben schon das Glück, jahrelang zwei so unterschiedliche und spannende Frauenfiguren im Fernsehen verkörpern zu können.“ Der Tatort „Angezählt“ wurde mit dem begehrten Grimme-Preis ausgezeichnet.

Der große Karriereschritt kam mit dem Fernsehangebot, die Bäuerin Julia Zirbner in der ORF-Kult-Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ zu übernehmen.

„Wahrhafte Charaktere“ zu kreieren, ist Neuhausers Ehrgeiz. Sie erläutert: „Deshalb ist es mir zunehmend wichtiger geworden, Rollen zu verkörpern, die jenseits der Fiktion von Sauberkeit und Perfektion und einem bruchlos gelungenen Leben angesiedelt sind.“ Ihre Stärke liegt darin, eigene Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle für die Gestaltung ihrer Rollen produktiv werden zu lassen.

Nun ist sie immer noch unterwegs zu neuen Zielen: Adele Neuhauser hat zwar schon in sechs Kinofilmen mitgespielt. Es lockt sie jetzt, sich verstärkt in diesem Metier zu erproben. Ihr großes Vorbild ist Anna Magnani, ihr Idol als Regisseur Pedro Almodóvar. Dabei weiß sie aber genau: Wenn ihr eine spannende Rolle am Theater angeboten wird, kann sie dessen ganz besonderer Aura nicht widerstehen: Theaterspielen ist ihr „ein Moment des Glücks“, wie das Beobachten einer Sternschnuppe oder die Entgrenzung, wie bei einem sexuellen Akt.

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