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Vordenker

Adorno – Der vielseitige Philosoph

Vor 50 Jahren starb Theodor W. Adorno. Er war der bedeutendste Intellektuelle der frühen Bundesrepublik.
Von Helmut Hein

Theodor W. Adorno (Mitte, hier mit Schriftsteller Heinrich Böll und Verleger Siegfried Unseld) am 28. Mai 1968 bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung in Frankfurt am Main. Adorno gehörte zu den Kritikern dieser Gesetze, hielt aber Distanz zum studentischen Aktionismus. Foto: Rehm/dpa
Theodor W. Adorno (Mitte, hier mit Schriftsteller Heinrich Böll und Verleger Siegfried Unseld) am 28. Mai 1968 bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung in Frankfurt am Main. Adorno gehörte zu den Kritikern dieser Gesetze, hielt aber Distanz zum studentischen Aktionismus. Foto: Rehm/dpa

Frankfurt am Main.Fünfzig Jahre nach seinem plötzlichen Tod am 6. August 1969 ist Adorno mit einem Mal ein Bestsellerautor. Seine „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, mit ausführlichem Nachwort von Volker Weiß, steht auf Platz acht der einschlägigen Charts. Alle großen Zeitungen und Zeitschriften widmeten dem kleinen Buch ausführliche Analysen.

Eine Entdeckung oder ein Missverständnis? Beides. Denn der Text ist eigentlich gar kein Text, sondern die Transkription eines weitgehend frei gehaltenen Vortrags, den Adorno auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs am 6. April 1967 in Wien hielt, um Erklärungen für die beunruhigenden Erfolge der Neo- oder eher Alt-Nazi-Partei NPD zu finden.

Der Erfolg des schmalen Bandes verdankt sich freilich der Suggestion, dass die damalige Situation mit der heutigen vergleichbar sei und man also von Adorno Aufschlüsse über die Gründe der grassierenden Erfolge der europäischen Rechtspopulisten erwarten könne. Ein Ansinnen, das Adorno sicher abgelehnt hätte. Denn wie er im Vorwort zur Neuausgabe der „Dialektik der Aufklärung“ schrieb: „Das wäre unvereinbar mit einer Theorie, welche der Wahrheit einen Zeitkern zuspricht, anstatt sie als Unveränderliches der geschichtlichen Bewegung entgegenzusetzen.“

Ein öffentlicher Intellektueller

Dennoch lässt sich an seinem – wie er meinte bewusst „simplen“ – Rechtsradikalismus-Vortrag eines ablesen: dass es Adorno gewissermaßen doppelt gab. Einmal als Verfasser „großer“ Bücher („Dialektik der Aufklärung“, „Negative Dialektik“), die zu den Schlüsselwerken der Moderne zählen, aber nur schwer, gewissermaßen mit viel philosophischem Schweiß zu entziffern sind. Und zum zweiten als öffentlichen Intellektuellen, der das geistige Klima der Nachkriegszeit wesentlich mitbestimmte, weil er sich um Verständlichkeit bemühte – und bei jeder sich bietenden Gelegenheit intervenierte: in Vorträgen, Rundfunkbeiträgen, Diskussionen mit Weggefährten und Antipoden.

Sein Ziel dabei: das, was er selbst schockartig erfahren musste – den Totalitarismus und vor allem den millionenfachen Mord an den europäischen Juden – durch volkspädagogischen Furor an der Wiederkehr zu hindern. Was Brecht schrieb, galt auch für Adorno: „Der Schoß ist fruchtbar noch ...“ Dabei sind seine Bemühungen nicht frei von Widersprüchen. Denn einerseits ist für Adorno die stets bedrohte Freiheit des Einzelnen das wichtigste Gut, andererseits will er ihm aber, anders als die großen Religionen der Tradition, die Freiheit zum „Bösen“, sprich zu Faschismus und Massenmord, ein für alle Mal nehmen. Dem Hegelianer Adorno war durchaus bewusst, dass auch der Kampf für die gute Sache einem Schlachtfeld und einer Schädelstätte gleicht.

Mythos als früheste Form der Emanzipation

Warum sind Adorno und Max Horkheimer – einst Adornos Chef erst am Frankfurter, dann am New Yorker Institut für Sozialforschung, später eher sein Juniorpartner – bis heute so wichtig? Weil sie das leisteten, was Hegel von der Philosophie fordert: dass sie ihre Zeit auf den Begriff bringen muss. Wobei Adorno und Horkheimer, später dann Adorno allein, weit ausgreifen. In der „Dialektik der Aufklärung“ beginnt die Ur-Geschichte der Moderne und des bürgerlichen Subjekts schon im vorklassischen Griechenland.

Theodor Adornos künstlerische Seite

  • Kindheit:

    Wie sein Fast-Altersgenosse Sartre (Jahrgang 1905) wuchs Adorno (geboren 1903) in einem Frauenhaushalt auf, fürsorglich betreut von zwei Müttern: der Sängerin Maria Cavelli-Adorno und seiner Tante Agathe, einer bekannten Sängerin und Pianistin. Sein Vater, der jüdische Weinhändler Oscar Wiesengrund, war weitgehend abwesend.

  • Talent:

    Musik spielte für Adorno lange eine entscheidende Rolle, er kokettierte mit einer Karriere erst als Pianist, dann als Komponist, ging Mitte der 1920er Jahre nach Wien, studierte beim Schönberg-Intimus Alban Berg, arbeitete zeitweise als Musikkritiker. Einige Kompositionen Adornos werden heute noch gelegentlich aufgeführt. (mhi)

Die früheste Form der Emanzipation des Menschen, also der Aufklärung, ist für sie bereits der Mythos, der in seinen Erzählungen Strukturen schafft, die den Menschen vom erdrückenden Absolutismus der natürlichen und sozialen Wirklichkeit befreien (sollen). Aber die Emanzipationsgeschichte, die sich durch die Jahrtausende zieht, hat ihre Tücken und ist vom Umschlag in ihr Gegenteil bedroht. Je mehr sich die Herrschaft über die äußere Natur steigert, desto mehr nimmt auch die Herrschaft über die eigene innere Natur und über den Mitmenschen zu. Die verkürzte, „instrumentelle“ Vernunft, die nur Mittel für Zwecke ist, die sie selbst nicht setzen oder zumindest kontrollieren kann, führt wenn schon nicht zum Terror des Totalitarismus, so doch zu einer „verwalteten Welt“, die, unter dem Vorwand der Effizienz und Rationalität, Freiheit be- und verhindert und den Einzelnen mit den falschen Paradiesen der Kultur- und Entertainment-Industrie ruhigstellt.

Kunst als Refugium für das Nicht-Angepasste

Der Sündenfall beginnt für Adorno aber schon früher: mit einer Philosophie und Wissenschaft, die identifizierend vorgehen und dem „Nicht-Identischen“, wie es bei Adorno heißt, also dem „Diversen“, wie man vielleicht heute sagen würde, keinen Raum und keine Chance lassen. Die zentrale Aufgabe des Denkens besteht für Adorno in der „Rettung“ dessen, was am Einzelnen nicht in dem aufgeht, was alle anderen auch sind und was die sozialen Werte und Normen als allein zulässig vorschreiben.

Wenn Adorno oft melancholisch, manche würden sagen: resigniert wirkt („Es gibt kein richtiges Leben im falschen“), so deshalb, weil er in den zentralen Institutionen moderner Gesellschaften, auch denen des organisierten Denkens, keinen Zufluchtsort für die Eigenheiten des Subjekts entdecken kann. Das einzige Refugium, das für das Nicht-Identische, das Nicht-Angepasste und -zugerichtete Leben bleibt, ist für ihn am Ende die Kunst. Am deutlichsten wird das in seiner „Ästhetischen Theorie“.

Produktive Jahre im US-Exil

Halb Künstler war Adorno von Anfang an. Dann entschied er sich doch für die Philosophie, habilitierte sich mit einer Arbeit über Kierkegaard, schloss sich dem Kreis um Horkheimer an, tat sich aber anders als dieser schwer mit der Emigration, wollte sich anfangs sogar halbwegs mit dem Nazi-Regime arrangieren. Als Jude empfand er sich, wie er selbst betonte, nicht. Erst die Nazis haben ihn, wie es bei Nobelpreisträger Imre Kertesz heißt, „zum Juden gemacht“. Alle Identitäten sind voller Fallen, am meisten aber die, die einem von außen zugeschrieben werden. In Amerika fühlte er sich, als er 1938 nach einem England-Aufenthalt dorthin übersiedelte, nicht unwohl, sein Bekannten- und Freundeskreis war groß, intellektuell waren seine amerikanischen Jahre die fruchtbarsten.

Mit der Studentenbewegung musste sich Adorno als Hochschullehrer auseinandersetzen. Seine Vorlesungen wurden wiederholt gesprengt. Foto: Reiss/dpa
Mit der Studentenbewegung musste sich Adorno als Hochschullehrer auseinandersetzen. Seine Vorlesungen wurden wiederholt gesprengt. Foto: Reiss/dpa

Als er, bereits 1949, nach Frankfurt zurückkehrte, verdankte er seinen frühesten Ruhm paradoxerweise Thomas Mann, seinem Nachbarn in Pacific Palisades, an dessen „Doktor Faustus“ er wesentlich mitgearbeitet hatte. In den 50er und 60er Jahren war Adorno vor allem ein begnadeter Lehrer, der einen großen Schülerkreis um sich versammelte. Sein Wohlwollen war stets groß, umso schockierender musste es für ihn sein, als auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, „seine“ Studenten, angeführt von seinem Liebling Hans-Jürgen Krahl, im Winter 1969 sein Institut besetzten, weil sie ihn zu einer revolutionären Praxis nötigen wollten, die Adorno entschieden ablehnte – und statt dessen lieber die Polizei rief.

Anfang August 69 sollte er, am Tag vor seinem Urlaub, als Zeuge im Prozess gegen Krahl aussagen. Das nahm ihn offenbar so mit, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in der Schweiz viel zu früh an Herzversagen starb.

Viel zu früh? In einer Hinsicht zumindest nicht. So musste er wenigstens nicht mehr miterleben, dass im bleiernen Herbst 1977 die kritischen Theoretiker, die mit der RAF nicht das mindeste zu tun hatten, zu entwürdigenden Treuebekundungen gegenüber dem Staat gezwungen wurden – ein Tiefpunkt der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, von dem man aber nicht guten Gewissens behaupten kann, dass er ein für alle Mal überwunden sei.

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