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Jedes Festival hat Höhen und Tiefen. Nur gut, dass Letztere meist die Ausnahme bilden. Beim Jazzweekend war das nicht anders.
Von Michael Scheiner, MZ

Anne Czichowsky holte im Degginger die deutsche Jazzsängerin Inge Brandenburg, gestorben im Jahr 1999, zurück auf die Bühne. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Häppchenweise genießen oder gezielt aussuchen? Besucher des Jazzweekends stehen jedes Jahr vor derselben Frage – soll man von Platz zu Platz, Location zu Location ziehen und viele verschiedene Bands und Musiker häppchenweise genießen? Oder wählt man lieber planmäßig einige vielversprechende Programmangebote aus und hört sich die Musik von Anfang bis zum Ende an? Viele entscheiden sich für eine Mischung, hören hier ein ganzes Konzert und schlendern dann wieder eine Zeit herum, bis sie etwas finden, von dem sie sich aus dem Stand fesseln lassen.

Stabil jedenfalls war das Publikum bei einem der ungewöhnlichsten Programmpunkte des Festivals im Degginger. Ungewöhnlich weniger von der Musik her gesehen, denn die war mit Songperlen wie „Body & Soul“, „Lover Man“ bis „It’s All Right With Me“ ganz klassisch ausgelegt – auf eigene Weise wunderbar interpretiert von Sängerin Anne Czichowsky.

Zusammen mit dem Filmemacher Marc Boettcher, dem Pianisten Andreas Kissenbeck und einem meist im Dunkel rechts auf der Bühne vor sich hinpinselnden Maler stellte sie die Sängerin Inge Brandenburg in Originalzitaten, Texten und Songs vor, die sie einst selbst gesungen hat. Völlig verarmt ist sie vor weniger als zwei Jahrzehnten in München gestorben, doch bis heute gilt die gebürtige Leipzigerin als eine der besten Jazzsängerinnen Europas und erste Deutschlands.

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Das Jazzweekend in Regensburg

Über sie hat Boettcher eine Biografie geschrieben, „Sing! Inge. Sing! – Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg“ nach der gleichnamigen Filmdokumentation. Abwechselnd mit Czichowsky las er daraus Passagen über das von schlimmen Erlebnissen geprägten und karrieremäßig tragisch verlaufene Leben der impulsiven Frau mit der großen Stimme. „Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt der Saxofonist Emil Mangelsdorff, der auch ein Vorwort für das Buch geschrieben hat, im Interview über das Leben der Sängerin.

Am Rand eines Desasters

Und – könnte man bissig hinzufügen – es ist bis heute nicht viel besser geworden für Jazzsängerinnen. Für Jazzmusiker überhaupt, die von ihrer Musik leben wollen. Gedrängt von einem Manager, begann Brandenburg irgendwann auch Schlager zu singen, denn „vom Jazz wird man nicht satt“. Die Lesung mit Musik, begleitet von Andre Meier, der parallel an einem großen Porträt arbeitete, begeisterte das Publikum, das den Bücherstand Boettchers anschließend regelrecht belagerte.

Noch voller als am Nachmittag war die In-Location am Abend beim Soloauftritt des Pianisten Chris Gall. In diesem Fall war der knackige Andrang aber eher unglücklich. Für den auftretenden Künstler und fast mehr noch für die Besucher, die zum Zuhören gekommen waren, geriet das Konzert gelegentlich an den Rande eines Desasters. Hinter den Reihen im vorderen Teil des Raums zur Bühne herrschte zeitweise ein Geräuschpegel, der die zarten Piano-Passagen in Galls dynamisch weit aufgefächerter Musik gnadenlos übertönte. Dezente Hinweise des exzellenten Pianisten, der sich zwischen Debussy und eigenen, von repetitiven Formen geprägten Kompositionen bewegte, fruchteten immer nur kurz. Ein ausdrucksstarker Musiker, der einen mit seinem innigen „Waltz“, dem sprühenden „Forr“ oder dem hypnotisch schwirrenden „A Roundabout´s Diary“ in ungeahnte Tiefen mitnehmen kann.

Gefühlstiefen anderer Art hatten am Abend zuvor am gleichen Ort die vier Musiker des Balogh Gyula Quartet aus Ungarn ausgelotet. Pianist Balogh und Saxofonist Mihály Bazsinka steigerten sich immer wieder in ihren ausladend expressiven Soli in eine aufwühlende, affektgeladene Stimmung. Mit ihrem von Coltrane, McCoy Tyner oder Wayne Shorter (von denen sie auch Stücke im Programm hatten) beeinflussten Spiel rissen sie die begeisterten Zuhörer in einen emotionalen Strudel. Manko: Der E-Bass von György Szentgallay dröhnte in einem bestimmten Frequenzbereich derart unangenehm, dass nur Ohrenzuhalten half. Überaus störend und aufdringlich war auch die Werbung eines Autohauses, die auf der Bühne zwischen den Musikern platziert war. Bei einer städtischen Veranstaltung fällt das doppelt unangenehm ins Gewicht und sollte künftig unterbunden werden.

Jasmin Bayer – hier mit Trompeter Peter Tuscher, der seinerseits mit mitreißenden Soli punktete – ist eine charismatische Sängerin mit einem Faible für leichte, aber nie seichte Unterhaltung. Foto: Scheiner

Am früheren Stammplatz der unvergessenen Kaiserjazzer, dem jetzigen „Amore, Vino & Amici“, gaben sich in diesem Jahr mehrfach junge Bands, Youngsters, die Klinke in die Hand. Mit einem gelungenen Debüt führte sich der Münchner Sänger und Textautor Kilian Sladek mit eigenem Quartett beim aufgeschlossenen Weekend-Publikum ein.

Zwischen Bebop-Klassikern wie dem schnellen „Donna Lee“, dem Sladek einen eigenen Text verpasst hat, und eigenen Kompositionen spannte sich ein stilistisch weiter und offener Bogen. Im schwebenden Sound der Gitarre (Moritz Werner) und stimmlichen Verführungen schien einmal von ferne der große Al Jarreau durchzuschimmern, bei „Legacy“ stand gewissermaßen das EST Trio Pate. Manchmal lag deutlich zu viel Hall auf dem Gesang, aber sonst überzeugte die junge Truppe, auch wenn sie noch weiter zusammenwachsen muss.

Und dann: oberflächlicher Klamauk

Nur wenige, richtig coole Nummern benötigte auch der Regensburger Roman Fritsch mit seinem Quartett, dann hatte er die Zuhörer im dicht besetzten Hof auf seiner Seite. Cool gilt bei dem jungen Saxofonisten nicht als allgemeine Anerkennung, sondern als stilistische Einordnung. Neben älteren Standards spielte das Quartett Titel aus der Cool-Ära vor allem von Gerry Mulligan, den Fritsch verehrt. Eigene Stücke hat er in einem ähnlichen Idiom geschrieben – und spannt damit einen Bogen zu Inge Brandenburg, die in dieser Zeit bekannt geworden ist.

Noch einen Schritt weiter dreht das Vokalquartett The Funny Valentines mit Band die Zeit zurück. Mit Swingtiteln von Cole Porter bis Duke Ellington, flotten Blues- und Tanznummern begaben sich die vier als Stewardessen gekleideten Sängerinnen auf einen Flug mit dem „Skyliner Valentine No. 7“.

Was musikalisch gut fundiert ein gelöstes Vergnügen hätte werden können, geriet mit der Show mit Werbeeinlagen indes zum oberflächlichen, banalen Klamauk – vergleichbar einem Billigflug mit aufgesetzter Fröhlichkeit. Als häufiger Dauergast bei vielen Jazzweekends sollten sich die Programmmacher einmal nach unterhaltsameren Formationen umsehen.

Bei Sängerin Jasmin Bayer klappte das hingegen ganz vorzüglich. In ihrem Programm mit „Summer Melodies“ aus der gleichnamigen aktuellen CD, erschienen bei Enja Records, bot die temperamentvolle Sängerin mit dem starken Vibrato leichte, dabei aber nie seichte Unterhaltung. Die Songs, oft latinbetont und voller Esprit – vor allem in den mitreißenden Soli des Pianisten Davide Roberts und des Trompeters Peter Tuscher –, machten Laune und animierten das Publikum zu anhaltendem Beifall.

Das komplette Programm des Jazzweekends finden Sie hier.

Alle Geschichten vom Jazzweekend 2017 finden Sie hier.

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