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Wackersdorf.

Als der Tod mit dem Fahrrad fuhr

Mit ihrem Feature „Der Fahrradspeichenfabrikkomplex“ erinnern Angela Kreuz und Dieter Lohr an die Ereignisse in Wackersdorf vor zwanzig Jahren.

Auch Joschka Fischer (Mitte) war vor 20 Jahren in Wackersdorf Foto: MZ-Archiv

Von Florian Sendtner, MZ

„Damals, da is mei guada Wille zu da CSU ganz zammabrocha.“ Richard Salzl erinnert sich an Wackersdorf. Der vollbärtige, gemütlich-freundliche Pfarrer ist eine der Ikonen des Widerstands gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA), die in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in der Nähe von Schwandorf gebaut werden sollte. Damals wie heute Pfarrer von Penting in unmittelbarer Nachbarschaft der geplanten WAA, hatte er auch Liegenschaften zu verwalten, die von der achso harmlosen „Fahrradspeichenfabrik“ (Franz Josef Strauß) direkt betroffen gewesen wären. Schon ganz allein deshalb wurde er rebellisch. Das heißt, den Ausschlag gab, wie Salzl sich heute erinnert, das Diktum von Strauß. Die Pfarrer, die am Franziskusmarterl mit den WAA-Gegnern beteten, besorgten nicht das Werk Gottes, sondern das des Teufels. Ab da war’s vorbei. Strauß hatte es geschafft, was wahrlich nicht leicht zu bewerkstelligen war: einen Oberpfälzer Pfarrer von seinem Glauben an die CSU abzubringen.

Salzls Stimme ist eine von 35, die Angela Kreuz und Dieter Lohr eingefangen und in 54 kurzen Passagen zu einem fesselnden Politkrimi zusammengestellt haben. Bei der Vorstellung des zweieinhalbstündigen Hörbuch-Features im Regensburger Turmtheater war viel Prominenz aus dem Widerstand gegen die WAA vertreten: Zum Beispiel der damalige Landrat Hans Schuierer, der sich weigerte, die Genehmigung für die Atomfabrik zu unterschreiben und deshalb mit einem eigens für ihn geschaffenen Gesetz (das die Jurastudenten heute noch als „Lex Schuierer“ lernen) entmachtet wurde, oder Helmut Wilhelm, damals Richter am Landgericht Amberg, Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs und nachmaliges langjähriges Mitglied des Bundestages.

Von der anderen Seite der Barrikade, den WAA-Befürwortern, die auf dem Hörbuch keineswegs unterschlagen werden (prominenteste Vertreterin: Monika Hohlmeier), war niemand erschienen. Kreuz und Lohr halten sich mit ihrer eigenen Meinung zurück; zu hören sind ausschließlich die Äußerungen der Interviewten. Allein in einem kleinen Detail auf dem Cover lassen sie erkennen, auf welcher Seite sie stehen: Da sitzt ein Skelett auf einem Fahrrad, dessen Räder Radioaktivitätssymbole sind. Der Tod radelt durch die Fahrradspeichenfabrik. Die, wie die Journalistin Ute Kätzel zugibt, die an sich durchaus witzige Straußsche Metapher angemessen kontert. Aber natürlich war das damals kein Spaß. Da erzählt Schuierer, wie betont wurde, „dass es sich um eine völlig harmlose chemische Anlage handelt“. Schuierer, anfangs selbst WAA-Befürworter, kam bald zu dem Schluss, „dass wir angelogen worden sind, denn bei einem der Gespräche, als ich die Frage stellte, wieso auf diesen Plänen ein 200 Meter hoher Kamin notwendig sei, wurde mir klar geantwortet: damit die radioaktiven Schadstoffe möglichst breit verteilt werden.“

Im Mai 1989, genau vor zwanzig Jahren, wurden die Arbeiten im Taxöldener Forst eingestellt. Die Oberpfälzer WAA-Gegner, damals von Strauß als „Chaoten“ geschmäht, wissen seit damals, wie dünn das Eis der Demokratie ist. Eginhard König erinnert an das Lied, das damals auf die Melodie „Die Pinzgauer wollten wallfahrten gehen“ gesungen wurde: „Die Freiheit ist unser höchstes Gut, die versteck’ ma, dass sie sich nicht abnützen tut.“

Angela Kreuz, Dieter Lohr: Der Fahrradspeichenfabrikkomplex, LOhrbär-Verlag, 156 Minuten, 2 CDs, 17.90 Euro

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