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Ausstellung

An der Schnittstelle zur Erkenntnis

Die Regensburger Galerie ArtAffair bringt drei junge Regensburger Künstler zusammen, die nicht kleckern, sondern klotzen.
Von Helmut Hein, MZ

  • Ein Ort des Transfers: Stefan Bircheneder vor seinem Gemälde „Schaltzentrale Orion“ in der Galerie ArtAffair in Regensburg Foto: altrofoto.de
  • Stephanie Walter vor ihrem Bild „Café International“ in der Galerie ArtAffair in Regensburg Foto: altrofoto.de
  • Roman Jörg Mayer vor seinem Bild „Lacoste“ in der Galerie ArtAffair in Regensburg Foto: altrofoto.de

Regensburg.Die Schnittstelle ist der Ort, wo alles passiert. Permanente Party gewissermaßen für alle Sinne und für den Intellekt. Aufregend wird es ja immer, wenn sich zwei oder mehr Dinge oder Menschen berühren, austauschen und so neu konfigurieren. Schnittstelle nennt man überdies, ganz profan, den PC- oder Tablet- oder Smartphone-Bildschirm. Nur hier und so kann man mit dem Wissen, das der Computer archiviert, kommunizieren. Der Witz der Schnittstelle ist zudem, dass es diesseits und jenseits von ihr dunkel bleibt. Die Welt ist eine Black Box, das Ich auch. Nur dazwischen ereignet sich etwas, es blinkt und blitzt. Das nennt man dann Erfahrung oder Erkenntnis.

„Schnittstellen“ heißt die aktuelle und wirklich formidable ArtAffair-Ausstellung mit Arbeiten von drei Regensburger Künstlern der jüngeren Generation, die sich aber längst einen Namen gemacht haben: Stefan Bircheneder, Roman oder, wie er sich neuerdings nennt, Roman Jörg Mayer und Stephanie Walter. Alle drei kleckern nicht, sondern klotzen.

Am meisten Stephanie Walter. Da klagt der Galerist, dass ihre Bildformate seine durchaus üppigen Wände sprengen. Stephanie Walter unternimmt etwas, was charakteristisch ist für alle bessere Kunst: Sie lehrt die Dinge neu zu sehen. Dafür verwendet sie einen Trick: Sie schraubt an der Perspektive und damit an unserem Realitätsbewusstsein. Ihre Bilder sind weder flächig noch dezentriert, aber sie wählt einen extremen Blickwinkel, so eine Art schiefe Draufsicht.

Vier Menschen von schräg oben

Begonnen hat sie mit Tischbildern, die von schräg oben einen Blick auf eine Szene werfen, der ungewohnt ist und einen schwindeln machen kann. Diese Manier bzw. dieser Waltersche Markenartikel ist auch in der aktuellen Ausstellung vertreten, etwa bei „Café International“, bescheidene 2,50 mal 1,40 Meter groß, die vier junge Menschen an einem Tisch zeigt, voneinander abgewandt, versunken ins televisionäre bzw. -auditive Sehen und Hören via Smartphone. Auf dem Tisch steht, soweit man das erahnen kann, eine Art biomorpher Schreibmaschine. Fast noch verblüffender aber in der handwerklichen Souveränität ist eine neuere Arbeit, Titel: „Es“, ein Doppel-Halbakt zweier junger Frauen mit entblößten Brüsten und obligatem Großvogel, sehr weiß das Ganze, fast schon gespenstisch leuchtend.

Roman Mayer hat seine selbst im Gedächtnis noch höchst eindrucksvolle Horror-Phase mit virtuosen Verformungen oder Deformationen aller Art hinter sich gelassen und beschäftigt sich neuerdings vor allem mit Räumen. Räumen freilich, die nicht wüst und leer sind, sondern, und das ist typisch Mayer, zugestellt mit Gerümpel und Accessoires. Und zwar so, dass permanent Mini-Räume und schwer entzifferbare Perspektiven entstehen. Schnittstellen zuhauf jedenfalls. Die Lust an der schöpferischen Verwirrung reicht bis zu den enigmatischen Titeln: „Lacoste“ etwa. Da sucht man das Krokodil vergeblich. Und an die Stelle von glattem Design tritt eine Unruhe und Unordnung, die durchaus bilderrätseltauglich ist.

Mayers Bilder wirken, obwohl sich ihre Ursprungsinspiration meist realen oder virtuellen objets trouvés verdankt, unheimlich; auch im Sinne von „schwer zu verorten“. Das gilt vor allem für seinen gründlich zugestellten „Schrein“. Roman Mayer verblüfft und irritiert auch, weil er konsequent und mit unbestreitbarer logischer Schärfe Interieurs entwickelt, die nicht zum Verweilen einladen.

Bauten im Zustand des Verfalls

Stefan Bircheneders Faszination gilt der Architektur, Bauten im Zustand des Verfalls. Die einstige Funktion der technoiden Zweckgebäude lässt sich oft nur noch erahnen. Dabei ist Bircheneder nicht ohne Witz: „Schaltzentrale Orion“ betitelt er ein Großformat, das bestenfalls für eine Art Retro-Futurismus steht. Man sieht sich mit einer Souterrain-Leitstelle konfrontiert, die in dem Moment, wo sie endgültig dysfunktional geworden ist, eine morbide Schönheit verströmt. Strom scheint überhaupt eine Passion des Künstlers zu sein. „Rückstrom“ heißt eine neuere Arbeit und wie bei einer seiner Installationen in der Galerie liegen auch hier die Kabel bloß: Schnittstellen, Orte eines Transfers, der nicht in jedem Fall gesichert scheint.

Es macht Spaß, diesen drei jungen Künstlern zuzuschauen, wie sie sich Jahr für Jahr entwickeln. Man spürt, dass da Potential ist – und hat Lust auf mehr Bilder.

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