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Malerei

Ana Matts widersprüchliche Bilderwelt

Kultur im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder zeigt bis Ende Oktober die Ausstellung „Illusion“ der Regensburger Künstlerin.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Die Ausstellung im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder ist noch bis Ende Oktober zu sehen. Foto: Scheiner
  • Ohne Titel (1994) Foto: Scheiner

Regensburg.Derart konträre Reaktionen auf Bilder erfährt man nicht allzu oft. „Ich bin begeistert von Frau Matts Farbgestaltung und ihrer Technik“, sagt eine Besucherin im Krankenhaus Barmherzige Brüder. Ihre Augen leuchten. „Hier“, meint ein anderer, älterer Kunstbetrachter und deutet ostentativ auf sein Herz, „berühren mich die Bilder einfach nicht“. Mit einem Achselzucken wendet er sich von dem düsteren Bild, auf dem ein grauweißer Keil durch tiefe Schwärze getrieben ist, ab und geht den Flur entlang an den Bildern von Ana Matt vorbei.

„Illusion“ nennt die Regensburger Künstlerin die Ausstellung, die sich gut ausgeschildert im Erdgeschoss, dem Treppenhaus und im unteren Flur über zwei Etagen verteilt. Rund 40 vorwiegend Ölbilder, manchmal collagiert und vielfach beschriftet, hat Kurator Bernhard Löffler ausgesucht. Damit wird ein Überblick aus einem Schaffenszeitraum von über 20 Jahren ermöglicht. Darunter sind viele abstrakte, aber auch einige figurativ-gegenständliche Arbeiten mit architektonischen Motiven, menschlichen oder einmal sogar Tierfiguren.

Inhaltsleere Einführung

Die abstrakten Motive lassen sich grob in jeweils stark dominierende Farbkompositionen einteilen: leuchtend gelb, pulsierend feuerrot oder schwarz-grau. Alle ihre Bilder, sagt Löffler bei der Eröffnung in seiner Rede, seien „immer Ausdruck unbedingter Empathie mit der Kreatur“. Die Künstlerin befasse sich „mit den Bedürfnissen und Gefühlen“ der Menschen, las Löffler mehr oder weniger wortgleich den Text von der Einladungskarte ab, ergänzt um ein Zitat Picassos. Eine derart lieblose, fast ausschließlich auf nichtssagenden, inhaltsleeren Floskeln beruhende Einführung ist für den Kurator, der selbst eine kleine anspruchsvolle Galerie in der Stadt betreibt, höchst ungewöhnlich.

Ana Matt

  • Die Künstlerin

    Ana Matt ist in Regensburg aufgewachsen. Malerei hat sie von 1989 bis 1992 an der Kunstschule Zürich studiert.

  • Seit 1993 bestreitet

    sie Ausstellungen in verschiedenen Ländern (u. a. Basel/Schweiz, Prag/Tschechien, Vincenza/Italien) und in der Region.

  • „Illusion“ von Ana Matt

    ist bis zum 30. Oktober täglich von 8 bis 20 Uhr, Krankenhaus Barmherzige Brüder (Prüfeninger Strasse 86), zugänglich.

Vielleicht ist die darin zum Vorschein kommende Widersprüchlichkeit aber gerade ein bestimmendes Kennzeichen für die Kunst Ana Matts. Als Teil von „Evas Töchter“ hat sie seit über einem Jahrzehnt oft mehr Aufmerksamkeit für ihre sozialen und pädagogischen Projekte bekommen, als für ihr eigentliches künstlerisch-kreatives Schaffen. Handwerklich und technisch steht Matt glänzend da. Was Farbe, Bildaufbau und andere formale, wie gestalterische Elemente angeht, können ihr nur wenige etwas vormachen. Sie nutzt Schrift und Zitate als Stilmittel, bewegt sich ungezwungen zwischen einer expressiven Ausdrucksweise, kraftvoller Dichte und einem zurückgenommenen Ausdruck, der gelegentlich ein surreales Moment enthält.

Ungeheueres Sendungsbewusstsein

Inhaltlich dagegen offenbaren Matts Arbeiten gigantische Widersprüche. Man könnte eigentlich erwarten, dass diese die Künstlerin innerlich zerreißen, so eklatant und unvereinbar erscheinen sie nach außen. Dabei spielen sowohl die Zitate, wie auch die teils unsäglichen Titel der Bilder eine Rolle. Zeilen und Gedichte des osmanischen Dichter-Philosophen Khalil Gibran, von Christian Morgenstern oder von Künstlern wie Salvador Dali, kreisen um die Themen Liebe, Vergänglichkeit, Sehnsucht und Tod. In anderen Texten werden esoterische Spruchweisheiten zitiert. Insgesamt kommt darin ein ungeheueres Sendungsbewusstsein zum Ausdruck, das verborgene und zugrundeliegende Weisheiten reklamiert. Manchmal bebildert Matt diese Spruchgelehrtheiten, manchmal scheint sie die Texte im Nachhinein aufgenommen zu haben.

Utzon 2009 Foto: Scheiner
Utzon 2009 Foto: Scheiner

Löffler hat Matts Kunst als „offen und tiefgründig“ beschrieben. Sie selbst will damit „Interpretationen herausfordern, um den Betrachter aktiv zu beteiligen“. Mit bedeutungsschwangeren Bildtiteln wie „Die eigene Tiefe erkennen“, „Ich bin nun ganz in deiner Macht“, „Ein Teil von jener Kraft“ oder „Die Liebe genügt der Liebe“ engt sie aber vielmehr ein. Und wenn sie noch Raum für Interpretationen lässt, dann verlängert sich die Auslegung nur noch weiter in einen esoterischen Sums, der alles und nichts aussagt. Vielleicht ist Matt deshalb in neueren Arbeiten dazu übergegangen, öfter einmal auf Titel zu verzichten.

Enorme Diskrepanz und Unstimmigkeit

Aber auch darüber hinaus ist Matts Schaffen von einer enormen Diskrepanz und Unstimmigkeit durchzogen. Neben kraftvollen und spannungsreichen Arbeiten wie dem seltsam betitelten „Königreich Natur“ oder drei schönen Karpfenbildern, stößt man im Treppenhaus auf den querformatigen „Denker“ – ein wertloses Klischee, das weder Witz, Kraft noch Tiefgang besitzt. Schon fast kitschig-plakativ wirkt ein fernöstlich anmutendes Mutter-Kind-Motiv in Blau, welches noch dazu wie ein Altarbild als Triptychon gestaltet ist. Im Unterschied zu Jenny Holzer, Henri Michaux oder Christopher Wool, die ebenfalls mit Schrift und Texten künstlerisch arbeiten, erwecken Matts Bilder oft den Eindruck, als entwerteten die Texte diese vielfach. Sie mutieren dann zu künstlerisch gestalteten, dekorativen Meinungsträgern und dienen, wie Bernhard Löffler ausführte, „der Ablenkung, Zerstreuung, Kurzweil“. So ziemlich alles also, wogegen Kunst oft alle Stacheln ausfährt.

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