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Musik

Anastacia: Die Stehauffrau ist zurück

Der Star aus Chicago spricht über Kampf, Krebs und Klamotten. Im Juli singt sie bei den Thurn und Taxis-Schlossfestspielen.
Von Olaf Neuman

Anastacia ist am 16. Juli zu Gast in Regensburg. Foto: Peter Svenson
Anastacia ist am 16. Juli zu Gast in Regensburg. Foto: Peter Svenson

Chicago.Anastacia, Sie haben Ihr aktuelles Album „Evolution“ in Schweden aufgenommen. Wie kam es dazu?

Das hatte etwas damit zu tun, dass ich voriges Jahr für Aldi meine erste Modelinie konzipiert habe. Eigentlich sollte sie in der Saison Frühling/Sommer 2018 rauskommen. Dann hätte ich mich vorher auf mein Album und meine Tournee konzentrieren können. Aber ich verstand mich mit den Aldi-Leuten so toll, dass wir die Modelinie in Rekordzeit entworfen haben. Und dann brauchte ich noch Begleitmusik in Form einer Platte. Also fing ich im März 2017 während einer Englandtournee an zu schreiben. Zwischendurch flog ich immer wieder nach Schweden, um an Songs zu arbeiten. Ich fühlte mich wie ein Roadrunner und zuweilen überfordert, aber die Songs wollten plötzlich aus mir heraus.

Bisher haben Sie Ihre Platten in Amerika aufgenommen. War es schwer, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen?

Anastacia: Ich habe bisher auch sämtliche Songs in meinem Haus geschrieben. Normalerweise benutze ich mein eigenes Auto, wenn ich an einer Platte arbeite. Ich mag es, wenn es entspannt zugeht. Diesmal fühlte es sich aber an, als würde mir jemand eine Pistole auf die Brust setzen. Ich muss darüber lachen, weil ich noch immer nicht begreife, wie ich das alles geschafft habe. Ich hätte auch grandios scheitern können. Schlimmstenfalls hätte es zu dieser wundervollen Modelinie keine Platte gegeben. Das wollte ich aber unbedingt vermeiden.

Sie gelten als Kämpfernatur, spätestens seit Sie den Krebs besiegt haben.

Anastacia: Ich bin ein Boxer im Regen! Wenn ich an etwas glaube, dann stehe ich voll dahinter, aber ohne jemanden von meiner Meinung überzeugen zu wollen. Als ich die Diagnose Brustkrebs bekam, habe ich das Wort „Cancer“ (Krebs) umgeändert in „Can“ (kann). Die ersten drei Buchstaben fand ich super, die restlichen drei brauchte ich nicht.

Hat die Krankheit Sie nicht aus der Bahn geworfen?

Anastacia: Nein. Aber sie hat auf jeden Fall mein Tempo gedrosselt. Als ich das erste Mal die Diagnose Krebs bekam, dachte ich im ersten Moment, ich müsste sterben. Ich wusste ja überhaupt nichts über diese Krankheit. Mit der Zeit habe ich mich schlaugemacht und wurde fast schon wütend, dass ich als Frau so wenig über Brustkrebs wusste. Auch meine Ärzte hatten mich nicht informiert. Als Person des öffentlichen Lebens verspüre ich die Verpflichtung, alle Frauen über ihre Brüste zu informieren. Ich möchte niemandem Angst einjagen, aber aufmerksam machen. Aufmerksamkeit ist der Schlüssel im Kampf gegen den Krebs. Bei 70 Prozent der Frauen, die an Brustkrebs erkranken, ist keine genetische Disposition vorhanden. Diese Zahl war wie ein Schock. In der eitlen Entertainmentbranche redet man nicht gern über solche düsteren Themen, man will einfach perfekt sein. Ich habe das aufgegeben, seit ich diese riesige Narbe auf meinem Bauch habe. Ich scheue mich nicht davor, sie zu zeigen. Eitle Menschen fangen wegen sowas an, sich selbst zu hassen.

Sie werden am 17. September 50 Jahre alt. Wie gehen Sie damit um?

Anastacia: Ja! Dann bin ich ein halbes Jahrhundert alt. Je älter ich werde, desto mehr liebe ich das Leben.

Die Tickets für das Anastacia-Konzert sind mit die begehrtesten der Schlossfestspiele. Foto: Peter Svenson
Die Tickets für das Anastacia-Konzert sind mit die begehrtesten der Schlossfestspiele. Foto: Peter Svenson

Die Musik auf „Evolution“ verströmt Kraft. Hat der Krebs Sie am Ende noch stärker gemacht?

Anastacia: Ich bin stärker geworden aus den verschiedensten Gründen. Das hat etwas zu tun mit Lebenserfahrung, dem Wandel in der Musikindustrie, der gesellschaftlichen und weltpolitischen Entwicklung und meiner eigenen Gesundheit. All das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. Manche Menschen mit meinen Erfahrungen werden immer wütender oder frustrierter, aber man kann auch einen postiven Weg finden, damit umzugehen. Vielleicht habe ich ja vom Buddhismus gelernt.

Was haben Sie Neues über sich herausgefunden, als Sie das Album machten?

Anastacia: Ich war wirklich von mir selbst beeindruckt, dass ich in solch kurzer Zeit ein Album machen kann. Ich glaube, diese Platte zeigt auf, wie glücklich ich gegenwärtig bin. Man muss mich nicht persönlich treffen, um das zu spüren. Ich war in London, als die furchtbaren Anschläge in Manchester und London passierten. Das hält mich aber nicht davon ab, aufzutreten. Die Terroristen glauben, sie könnten uns schwächen, indem sie uns Angst einflößen. Ich lasse mich aber nicht einschüchtern. Ich erinnere, wie ich direkt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wie ein Zombie durch Manhattan lief. Es fuhren keine Busse mehr und man konnte eine Stecknadel fallen hören. Diese Leere führte dazu, dass die unterschiedlichsten Menschen zusammenfanden. Ich wünschte, das wäre immer so. Aber scheinbar brauchen wir erst eine Tragödie, um wirklich menschlich miteinander umzugehen. Meine Platte sagt alles darüber, wer ich bin und was ich denke. Ich habe eigentlich schon immer meine Meinung laut und deutlich gesagt. Aber stets auf freundliche und positive Weise. Ich bin nicht aggressiv und ich möchte auch nicht, dass meine Fans es sind.

In dem Song „Why?“ stellen Sie sich die Frage, warum die Menschheit sich selbst und ihrem Planeten derartige Scheußlichkeiten antut. Ein optimistischer oder ein pessimistischer Song?

Anastacia: Für mich ist er optimistisch, auch wenn darin etwas Pessimismus mitschwingt. Es gibt auf diese Frage ja keine befriedigende Antwort. Man darf nicht aufhören zu fragen. Wenn du dich nur noch beschwerst über die Scheußlichkeiten dieser Welt, kommst du nicht weiter. Zum Glück gibt es da draußen Millionen Menschen, die sich für die Gemeinschaft engagieren. Wie eine Stimme zusammenzustehen, bedeutet etwas. Man muss denen etwas entgegensetzen, die andere ausgrenzen. Der Ku Klux Klan zum Beispiel hätte am liebsten eine weiße Nation. Aber wer weiß schon exakt, von wem er abstammt? Die Indianer waren jedenfalls die ersten auf dem amerikanischen Kontinent, dann kamen die Mormonen, die Franzosen, die Deutschen. Ich bin mir absolut sicher, sie alle hatten Sex miteinander. Es gibt auf dieser Erde keinen einzigen reinrassigen Menschen.

Haben Sie die Hoffnung, dass Donald Trump die Amerikaner doch noch vereinen und das friedvolle Miteinander steigern wird?

Anastacia: Ich finde, Donald Trump sollte zurücktreten! Aber er wird es ganz bestimmt nicht tun. Stattdessen entzieht er den Bürgern ihre Rechte, kürzt Sozialleistungen und macht uns allgemein das Leben schwer. Meine Hoffnung ist, dass wir die Kraft finden, uns dagegen zu wehren. In Amerika gibt es zwei Parteien, die unterschiedlicher nicht sein können. Das ist an sich in Ordnung, dass diese Parteien sich jetzt aber gegenseitig verspotten und missachten, ist überhaupt nicht okay. Schuld daran sind die Pöbeleien unseres Präsidenten. Dagegen klingen Wladimir Putin und Kim Jong-un manchmal sogar noch intelligent. Jedenfalls setzen sie keine Tweets ab, wenn ein Wettermoderator ihre Frisur kommentiert. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Trump, der überhaupt keinen Plan hat, tatsächlich unser Land regiert.

Können Liebeslieder mehr verändern als Politsongs?

Anastacia: Ich glaube das. Ich bevorzuge Lieder, die zugleich stark und zerbrechlich sind, denn in ihnen steckt viel Wahrheit. Ich möchte mit meinen Songs hinter die Maske schauen. Ich mag keine sarkastischen oder unbarmherzigen Songs über Schießereien und Drogen. Ich klinge jetzt vielleicht altmodisch, aber es ist nicht cool, mit solchen Texten die Jugend erreichen zu wollen. Es gibt Songs, die treiben Kids sogar zum Selbstmord. Ich verspüre in meiner Position eine Verantwortung. Das habe ich meiner Mutter zu verdanken.

Hat Ihre Mutter Ihnen eingebläut, gefälligst die Finger von den Drogen zu lassen?

Anastacia: Ich hatte noch nie das Verlangen, mich abzuschießen. Meinen ersten Alkoholversuch unternahm ich mit 21, da war ich nach dem Gesetz volljährig. Aber ich war schon nach ein paar Bieren sturzbetrunken. Blackout. Da wusste ich, Alkohol ist nicht mein Ding. Als ich dann meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben hatte, habe ich das mit meinem Manager gebührend gefeiert. Seit meiner zweiten Krebserkrankung lasse ich aber die Finger vom Alkohol. Er ist für mich Gift. Brauche ich einen Kick, dann rühre ich einfach etwas Süßstoff in meinen Ice-Coffee. Wenn ich mit Freunden ausgehe, bin ich die erste, die auf dem Tresen tanzt - und zwar stocknüchtern!

Wenn wir Sie anschauen, sehen wir einen Popstar. Wen sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel blicken?

Anastacia: (lacht) Das hängt davon ab, ob ich geschminkt bin oder nicht. Mit Make-up sehe ich aus wie ein Popstar. Aber wenn ich morgens aufwache und in den Spiegel schaue, bin ich genauso normal wieder jeder andere auch. Ich gehe überall ohne Bodyguards hin. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen ich aus Sicherheitsgründen nicht auf sie verzichten kann.

Voriges Jahr schleusten Sie sich undercover mit Perücke und Baskenmütze bei der schwedischen Casting-Show „Idol“ ein. Doch die Jury machte Sie für Ihren Gesang fertig. Hatten Sie mit sowas gerechnet?

Anastacia: Ich war natürlich überrascht. Mein Ziel war, die Jury nicht merken zu lassen, dass ich es bin. Deshalb machte ich mich zurecht wie jemand, der gerade eine Bank ausgeraubt hat. Das wurde alles gefilmt. Als ich nach einer kurzen Pause zurückkam und mich als Anastacia zu erkennen gab, war die Jurorin ziemlich beschämt. Sie dachte, ich wäre sauer auf sie. War ich aber nicht, es hat mir sogar Spaß gemacht. Ich glaube, meine Nervosität und mein Aussehen haben sie sehr abgelenkt, so dass ihr Urteil lautete: „Du bist extrem talentiert, klingst fast wie Anastacia, aber niemand kann so singen wie Anastacia. Du bist viel zu nervös. Es ist zu spät für dich.“

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