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Regisseur

Andrang bei Wim Wenders im „Regina“

Der Starregisseur präsentierte in dem überfüllten Regensburger Kino seinen Film „Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes“.
Von Helmut Hein

In seinem Dokumentarfilm „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ zeigt Wim Wenders den Papst als einen, der Schluss macht mit Hierarchien und sich dorthin begibt, wo es weh tut.Foto: Universal Pictures Germany
In seinem Dokumentarfilm „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ zeigt Wim Wenders den Papst als einen, der Schluss macht mit Hierarchien und sich dorthin begibt, wo es weh tut.Foto: Universal Pictures Germany

Regensburg. Der Papst schaut einem ein letztes Mal tief in die Augen, dann braust ein geradezu pfingstlicher Applaus durchs selbst zu dieser Mittagszeit bis auf den letzten Platz gefüllte Regina-Kino. Aber der Beifall, man könnte von sitting ovations sprechen, gilt nicht dem Regisseur, sondern seinem Hauptdarsteller. Wim Wenders nimmt das nicht übel, obwohl er doch aus alter Verbundenheit den weiten Weg nicht gescheut hat. Von Stuttgart direkt nach Würzburg wäre es ein Katzensprung gewesen, während sich der Umweg über Regensburg in größter Sommerhitze wie eine kleine Weltreise anfühlt.

Wenders nimmt es nicht übel, weil ihn einerseits ein vereinzeltes „Grandios!“ aus heller Frauenkehle, das eindeutig ihm gilt, tröstet und er andererseits Profi genug ist, um zu wissen, dass der tiefe Eindruck, den Franziskus bei seinen Fans hinterlassen hat, auch sein filmemacherisches Werk ist. Wenders hat seit längerem schon ein Faible für Porträts. Mal dokumentierte er Leben und Werk japanischer Modemacher oder deutscher Tanztheater-Königinnen („Pina Bausch“), versenkte sich in die Welt des Blues oder der kubanischen Son-Musik: „Buena Vista Social Club“, ein Riesenerfolg, weltweit!

Ein Meisterwerk mit Gschmäckle

Dennoch ist das Franziskus-Porträt etwas Besonderes, fällt so sehr aus dem Rahmen, dass Wenders, um jedweden Verdacht, der vereinzelt schon geäußert wurde, zu vermeiden, ausführlich erläutert, wie es zu diesem Film kam. Nein, es war keine Auftragsarbeit, nein, er hat sich nicht zum Domestiken des Vatikans bzw. einer bestimmten Fraktion gemacht. Zwar kam die allererste Initiative oder Anregung tatsächlich aus dem Vatikan. Aber dass es so war und dass die Wahl ausgerechnet auf ihn fiel, hatte nur damit zu tun, dass der zuständige Sekretär ein Cinéast und obendrein ein Wenders-Fan ist, der ihn schon vor vielen, vielen Jahren, noch als Student, in seinen römischen Filmklub einlud. Wenders kann sich nicht mehr erinnern, was die Sache noch unverdächtiger macht. Es wurde ihm fest versprochen, dass sich der Vatikan nicht einmischen werde – und die Unabhängigkeit ging so weit, dass er sich selbst um Produktion und Budget kümmern musste. Kein Cent floss aus den Tresoren des Vatikan in seine bedürftigen Filmtaschen. Was er aber bekam, waren viermal zwei Stunden mit dem Papst – und ungehinderter Zugang zu den vatikanischen Archiven.

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Und, ist der Film so schlecht, wie schon von manchen, die ihn nicht mit Fan-Augen betrachteten, zu hören war? Keineswegs. Man könnte sogar sagen, es ist ein filmisches Meisterwerk, wenn auch mit leicht propagandistischem Gschmäckle.

Was aber nur zum Teil an Wenders liegt. Zwar bleibt die poetologische Grundentscheidung, dass einem der Papst den ganzen Film hindurch tief in die Augen schaut, so dass man sich exklusiv gemeint fühlen kann, nicht ohne Folgen.

Papst Franziskus und Regisseur Wim Wenders.Foto: Focus Features/AP/dpa
Papst Franziskus und Regisseur Wim Wenders.Foto: Focus Features/AP/dpa

Aber Franziskus ist auch ohne diesen inszenatorischen Trick ein Charismatiker, ein Menschenfänger und -fischer ersten Grades, obwohl (oder gerade weil) er betont, der Gläubige müsse eins auf jeden Fall vermeiden: andere bekehren zu wollen.

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Freilich: Dieser humoristische Herr Bergoglio, der schon bei seinem ersten Auftritt spottete, seine Kardinalskollegen hätten sehr weit, bis ans Ende der Welt gehen müssen, um endlich einen Bischof von Rom zu finden, hat es faustdick hinter den Ohren. Das hat er mit seinem Vorbild Franz von Assisi gemein, der einst die hohen Herren der Kurie in große Unruhe versetzte, weil er durch sein Vorbild, seine existenzielle Radikalität wirkte. Das tut seit fünf Jahren auch Bergoglio, der sich als Papst programmatisch Franziskus nennt. Er predigt Armut – und lebt sie auch. Schluss mit all den Gucci- oder Prada-Schühchen, dem Kleider- und sonstigen Pomp. Ein einfaches Blechkreuz reicht. Und wenn er auf Staatsbesuch ist, dann wirkt es komisch-beschämend, dass der neue Franziskus zwischen all den Luxus-Karossen in einem Kleinstwagen unterwegs ist.

Wie steht er zur Homosexualität?

Franziskus wäscht auch nicht mehr wie seine Vorgänger ausgewählten Honoratioren die Füße, sondern tatsächlich den Erniedrigten und Beleidigten und schwersten Verbrechern und Sündern. Er macht Schluss mit den Hierarchien. Er begibt sich dorthin, wo es weh tut, wie man im Fußballerjargon sagt: also in die Elendsviertel und Flüchtlingslager und Zuchthäuser. Obwohl das ja für Franziskus gewissermaßen Heimspiele sind. Er schaut da in gläubige, dankbare Augen. Er tröstet. Aber hat der Trost Hand und Fuß? Hilft er aus dem Jammertal oder vertröstet er nur?

Das Regina-Kino mit seinem freilich ausschließlich bürgerlichen Publikum, hat er im Sturm erobert. Der große Saal war für zwei Stunden fest in franziskanisch-jesuitischer Hand: Neben Wenders saß auf dem Podium Pater Sievernich, ein Jesuit von der Hochschule St. Georgen in Frankfurt, bei dem Bergoglio einst in den 80ern mit einer Arbeit über Romano Guardini promovieren wollte. Wenn man begeistert, vielleicht auch „begeistet“ ist, kann der Verstand ruhig schweigen, man fragt dann nicht so sehr nach. Wie steht Franziskus zur Homosexualität? Man darf niemanden ausschließen, man muss alle lieben – sehr gut, aber das war eigentlich nicht die Frage. Und wie ist es mit der „Geburtenverhütung“, wie das eine Frau aus dem Publikum nannte. Nun, der Beitrag der Frauen ist unverzichtbar. Das versteht sich von selbst. Dafür gibt es Beifall. Aber beantwortet das die Frage? Und heißt das: Natürlich können Frauen auch Priesterinnen werden?

Franziskus schaut allen tief in die Augen, aber er drückt sich vor Entscheidungen. Ausgerechnet die doch eher kirchenaffin-konservative FAZ hat ihn mit Trump verglichen. Heftige Proteste bei den Lesern. Vielleicht ähnelt er ja wirklich mehr Angela Merkel.

Anders als sein Held drückt sich Wenders nicht vor Entscheidungen. Als Franziskus gleich zu Weihnachten in seinem ersten Amtsjahr den Kardinälen heftig die Leviten liest, da kommentiert er das mit leicht denunzierenden Gegenschnitten auf die Gesichter der Kurialen. Und in die Interviews und in die vielen Reisen des Papstes schneidet er – extra in abblätterndem Schwarzweiß gedreht – eine kleine Lebensgeschichte des Franz von Assisi.

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