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Bühnen

Anpfiff für die neue Theatersaison

Das Programm des Theaters Regensburg für 2014/15 steht – und verspricht neben acht Uraufführungen auch dramatische Szenen im alten Jahnstadion.
Von Claudia Bockholt, MZ

Regensburg.Erst kürzlich, bei einer Diskussionsveranstaltung zur Kulturpolitik in Regensburg, kam es wieder zum Fankurven-Clash: Da wurden die Millionen fürs neue Jahnstadion und die Millionensubventionen fürs Theater gegeneinander in Stellung gebracht. Dabei sind Kunst und Fußball keineswegs natürliche Feinde. Nicht nur die recht erfolgreiche Nationalelf der deutschen Schriftsteller beweist das, sondern auch der Intendant des Theaters Regensburg.

Hertha-BSC-Fan Jens Neundorff von Enzberg bereichert die Dramen und Tragödien auf dem Rasen des SSV Jahn in der nächsten Spielzeit um weitere theatrale Effekte. „Abpfiff“ heißt die Großveranstaltung, bei der Theater- und Fußballfans 2015 gemeinsam vom alten Stadion, das schon immer eine Bühne war, Abschied nehmen. „12 000 Freunde sollt ihr sein“, könnte das Motto ¨für diesen Auftritt vor gewaltiger Kulisse lauten.

„Partnerschaft“ ist die neue Spielzeit des Theaters Regensburg überschrieben. Der Intendant betont seit seinem Amtsantritt, wie wichtig es ihm ist, „in die Stadt hineinzugehen“. Er will bestehende Bande festigen, neue knüpfen. Es wird wieder ein Bürgertheater geben, kritische „Zwischenrufe“ der Zuschauer und die kleinen, experimentellen „Nachtdienste“ für jüngeres Publikum.

Und einmal mehr holt sich Neundorff die regionale Musikszene ins Haus. „Der Sommernachtsalptraum auf St. Emmeram“ heißt eine freche Rock-Revue unter musikalischer Leitung von Gerwin Eisenhauer und Bernhard Mayer, getextet und inszeniert von einem Berliner mit Regensburger Wurzeln: Jens Schmidl. Das Stück hat einen Trash-Horror-Plot, spielt aber bei den T&T-Schlossfestspielen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen dürften unvermeidbar sein – aber die „Persönlichkeitsrechte“, versichert der Intendant mit feinem Lächeln, „bleiben gewahrt“.

„Doktor Schiwago“ als große OperAnpfiff für die neue Theatersaison

Auf seinem ureigensten Terrain, das Musiktheater, hat Neundorff einen echten Leckerbissen parat, der Regensburg wieder überregionale Beachtung einbringen dürfte: Der Russe Anton Lubchenko, Jahrgang 1985, wird hier seine Oper „Doktor Schiwago“ uraufführen. Er ist ein Meisterschüler deswegen seiner Nähe zu Putin umstrittenen Dirigenten Valery Gergiev. Der designierte Chefdirigent der Münchner Philharmoniker wird möglicherweise zur Uraufführung nach Regensburg kommt. Lubchenko, Generalmusikdirektor in Wladiwostok, hat bereits Tolstois „Anna Karenina“ in ein dramatisches Poem für großes Orchester verwandelt. Seine vierte Oper „Doktor Schiwago“, erzählt Neundorff, hat er den Erben Boris Pasternaks persönlich vorgestellt – und sie überzeugt. Regie führt der renommierte rumänische Regisseur Silviu Purcarete. „Energiegeladen, mit scharfen Kontrasten, aber auch lyrisch-zart und sehr atmosphärisch“ sei Lubchenkos Musik, heißt es im Programm. In der Regensburger Inszenierung werden russsische und heimische Chorsänger gemeinsam auf der Bühne stehen.

Nach Ungarn führt „Die Vaterlosen“ des jungen Autors Csába Mikó, das in Regensburg und Budapest nahezu zeitgleich auf die Bühne kommt. Es geht um die Generationen und den Wandel der Gesellschaft seit dem Zusammenbruch des Kommunismus. Ein echtes Herzensanliegen für Schauspieldirektorin Stephanie Junge, die das Stück gemeinsam mit ihrem aus Ungarn stammenden Mann Arpad Dobriban übersetzt hat.

Ein Porträt Bohumil Hrabals

In Richtung Pilsen, Regensburgs Partnerstadt und Kulturhauptstadt 2015, weist „Hrabal und der Mann am Fenster“. Der Waldmünchner Schriftsteller Bernhard Setzwein hat das Stück über den böhmischen Schriftsteller Bohumil Hrabal (1914-1997) verfasst. Es wird im April 2015 im Turmtheater uraufgeführt und soll später als Gastspiel in Pilsen gezeigt werden. Setzwein zeichnet ein Porträt des in Brünn geborenen Dichters, beleuchtet den Menschen, seine Gedankenwelt, seine Arbeitsweise. Eine Dramatisierung seiner Werke hatte Hrabal noch zu Lebzeiten verboten. Mit Setzweins Hilfe kann sich das Theater Regensburg nun doch diesem Schriftsteller zuwenden, der zensiert und bespitzelt wurde und dessen Leben mit dem Sturz aus dem Fenster eines Prager Krankenhauses endete. Ob es ein Suizid oder ein Unfall war, ist bis heute nicht geklärt.

Größte Vorfreude bei allen Tanzfreunden – und derer gibt es vor Ort viele – wird der Name Stephan Thoss im neuen Spielplan wecken. Der Choreograf, der vor wenigen Tagen „Der Duft der Dinge“, seine letzte Arbeit in Wiesbaden, gezeigt hat, wird mit Ballettchef Yuki Mori einen Tanzabend auf die Bühne bringen. „Traum im Traum“ ist die Uraufführung überschrieben. Mori, der gerade mit „Sacre“ einen Publikumserfolg landete, und Thoss kennen sich aus langjähriger gemeinsamer Arbeit in Hannover und Wiesbaden. Mit Thoss’ witziger Choreografie „Carmencita“ mit puppenkleinen Tänzern auf einem riesengroßen roten Sofa begann Moris erster Ballettabend in Regensburg. Sie wurde begeistert aufgenommen.

„Neue Welt“ ist das Spielzeitmotto 2014/15 im Jungen Theater, das in der nächsten Spielzeit ins neue Domizil vis-a-vis am Bismarckplatz einziehen wird. Ein wenig rebellisch beginnt der Neustart mit einer satirischen Dystopie: George Orwells „1984“ in der Bühnenfassung von Alan Lyddiard wird am 21. Februar 2015 das erste Stück auf der neuen Bühne im ehemaligen Präsidialpalais sein. Die Theaterleitung unterstreicht den Schritt in die „Neue Welt“ durch neue Stellen: eine Theaterpädagogin und ein Schauspieler kommen hinzu. Um bereits Kinder an das Theater heranzuführen wurde „Dein: Theater“, ein „Nachhaltigkeitsprojekt“ mit Schulen aus der Region ins Leben gerufen. Sehr glücklich ist der Regensburger Intendant über die große Resonanz. „Wir arbeiten jetzt mit 15 Schulen zusammen. Mehr könnten wir gar nicht stemmen.“ Ziel ist, Kinder und Jugendliche möglichst über ihre gesamte Schulzeit hinweg regelmäßig Theater erleben zu lassen. Und damit schon die Kleinsten mit allen Sparten des Hauses vertraut werden, wechselt auch der Ballettchef mal auf die andere Seite des Bismarckplatzes: „Wie Ida einen Schatz versteckt und Jakob keinen findet“ ist ein Stück des Schweizers Andri Beyeler, für Menschen ab vier Jahren, choreografiert von Yuki Mori.

Konzerte im Dialog mit den Opern

Die Sinfoniekonzerte betrachtet der Intendant als Komplementäre zu den jeweils aktuellen Opern auf dem Spielplan. Wagner, Gluck, auch viel Richard Strauss stehen auf dem Programm. Als besonders spannenden Abend bewirbt Neundorff das fünfte Konzert mit „Des Knaben Wunderhorn“ und der einzigen Sinfonie von Mahlers Zeitgenosse und Studienkollege Hans Rott, der nach einer harschen Ablehnung durch Johannes Brahms dem Wahnsinn verfiel… Kurzum: Alles, was ein gutes Fußballspiel ausmacht, steckt drin im Spielzeitheft 2014/2015: Spannung, Drama und in jedem Fall anregende Unterhaltung.

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