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Kultur
Montag, 25. Juni 2018 23° 3

Ausstellung

Anregendes Doppel im Kunstkabinett

Shopping Queen mit Rabe: Die Regensburger Galerie stellt Skulpturen von Peter Hermann neben Grafiken von Paul Flora.
Von Gabriele Mayer

Der Bildhauer Peter Hermann bei der Eröffnung der Ausstellung im Kunstkabinett: Zu sehen sind Skulpturen von Hermann und Grafiken von Paul Flora. Foto: Kunstkabinett
Der Bildhauer Peter Hermann bei der Eröffnung der Ausstellung im Kunstkabinett: Zu sehen sind Skulpturen von Hermann und Grafiken von Paul Flora. Foto: Kunstkabinett

Regensburg. Seit über 30 Jahren präsentiert das Kunstkabinett immer wieder Arbeiten von Paul Flora (1922-2009), dem Südtiroler Zeichner und Grafiker mit der scharfen, ausgefeilten Handschrift. Seine Arbeiten sind geradezu eines der Markenzeichen der Galerie geworden.

Das prägnanteste von Floras eigenen Markenzeichen ist wohl der freche Rabe, der sich auf vielen von Floras Bildern in verschiedensten Rollen tummelt. Sein langer Schnabel ist so spitz wie die Feder seines Erfinders, der als Karikaturist und Illustrator lange Jahre für die Wochenzeitung „Die Zeit“ tätig war. Doch die Bezeichnung „Karikaturist“ ist, das große Werk von Paul Flora betreffend, natürlich zu kurz gegriffen.

Die Arbeiten der neuen Ausstellung umfassen etliche Schaffensphasen. Gezeigt werden vor allem Radierungen, Lithografien und zehn rare Zeichnungen in zarter Colorierung. Eine von ihnen trägt besonders karikaturistische Züge, obwohl auch sie, allein schon in der künstlerischen Ausführung, kostbar ist, und ihre Ironie weist, wie üblich bei Flora, Allgemeingültigkeit auf: Eine Dame steht mit überdimensioniertem Reifrock steif da, doch ganz klein schaut unten aus dem Rock wie aus einem Souffleurkasten der Kopf eines Männchens heraus, das sich tief im Rock versteckt hat.

In den Fängen unserer Triebe

Da sind wir auch schon bei einem der Dauerthemen von Floras leichtstrichig-präziser, oft melancholischer Kunst: dem Theater, der Welt als Bühne, der Gaukelei, den Marionetten. Unter der karnevalesken Maske zeigt sich die conditio humana. Wir alle zappeln bei Flora als Marionetten an den Schnüren von kleinlichen Trieben, großen Ängsten und Wichtigtuereien.

Die Raben oder andere bunte Vögel sind nicht nur unsere Spiegelbilder, sie scheinen die rationaleren Wesen zu sein, aber auch die Exponenten unserer Ängste und Aggressionen. Die Tragik, sie liegt bei Flora in der Zeitlosigkeit, darin, dass der Mensch anscheinend nichts dazulernt, stattdessen stets an den Fäden seiner selbst baumelt. Die Komik liegt in diesem Verspielten, Übertriebenen der Figuren und der Szenerien, wenn etwa wackelige Wanderer als Strichmännchen in der Leere vor den riesigen Bergen des Lebens laufen, alles mit diesem überdeutlich bitteren, spitzen Strich inszeniert.

Bis 28. August

  • Die Ausstellung:

    Die Ausstellung ist bis 28. August im Kunstkabinett zu sehen, Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr, Sa. 10 bis 14 Uhr.

  • Die Künstler

    Paul Flora aus dem Vinschgau (1922-2009) gehörte zu den bekanntesten Zeichnern und Grafikern seiner Generation im deutschsprachigen Raum. Der Bildhauer Peter Hermann, Jahrgang 1962, lebt und arbeitet in Ludwigsburg.

Der Blick von außen auf diese Tumulte, vom Zuschauerraum aus sozusagen, den gönnt sich und uns der Zeichner. Mal ist die Strichdichte groß und düster, mal gibt es nur magere, kantige Umrisse, mal ein ganzes Netzwerk von Grautönen mit Stimmungen zwischen Leichtigkeit und Ernst. Technisch und kompositorisch brillant, sehr gekonnt. Auch deshalb ist Paul Flora so zeitlos. Schaut man sich seine stolze Blaskapelle an, dann denkt man an Rembrandts Gilde-Bild. Aber der dortige Glanz wird hinterfragt: Aufgeplustert ist die ganze Maskerade, aber auch so menschlich. Die Transferfähigkeit des Betrachters wird stets herausgefordert, auf dass er das, was er sieht, auf sich selbst bezieht.

Die Figuren wirken greifbar echt

Auch Bildhauer Peter Hermann, der Zweite Künstler der Ausstellung, ist nicht zum ersten Mal im Kunstkabinett. Seine großen Figuren aus Lindenholz mit ihren runden Köpfen wirken grob und doch realitätsnah. Auch er stellt dem Betrachter Typen entgegen, aber nicht solche der conditio humana, sondern des Alltags: stoische Figuren des Hier und Jetzt. Ein „Junge“, eine „Shopping Queen“ oder ein „Dandy“. Alle in gerader, legerer Haltung, bunt angemalt. Wie Platzhalter wirken sie. Sie könnten die Beobachter der Aufruhre und Kämpfe bei Flora sein.

Metaphorisch ist bei Hermann nichts, anders als bei Flora, bei dem alles zur Metapher wird. Aber das Holz ist poliert und die Farben sind eindeutig, das macht diese Bildhauereien in ihrer physischen Greifbarkeit noch echter. Die Augen jeder Figur schauen auf dieselbe Art haarscharf am Betrachter vorbei, sie machen sich nicht mit ihm gemein. Ihre Rolle ist von anderer Art, nämlich dass sie einfach unbeweglich dastehen, und man seine Gemütszustände an ihnen abstreifen kann.

Lesen Sie mehr über Ausstellungen im Kunstkabinett: „Ein Poet mit der Kamera“

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