mz_logo

Kultur
Dienstag, 17. Juli 2018 30° 3

Theater

Antiker Stoff mit aktueller Deutung

Am Samstag hat das Drama von Königstochter Medea Premiere im Großen Haus – neu inszeniert von Constanze Kreusch.
Von Michael Scheiner

Schauspieler Gunnar Blume als Jason in „Medea“ Foto: Jochen Quast
Schauspieler Gunnar Blume als Jason in „Medea“ Foto: Jochen Quast

Regensburg.Kindsmörderinnen stehen auf einer ähnlich niedrigen sozialen Stufe wie Kinderschänder – der untersten. Vielleicht liegt darin ein Teil des Reizes begründet, den Euripides’ Medea-Tragödie auch nach zweieinhalb tausend Jahren auf uns auszuüben vermag. Wie kann eine Mutter ihre eigenen Kinder umbringen? Wo bleibt die grenzenlose, mütterliche Liebe? Das scheinbar erbarmungslose Töten wirkt unfassbar und lässt daneben andere besser dastehen.

Dabei wird die Reduzierung der großen Frauenfigur, einer Königstochter, Zauberin und eines Götterabkömmlings, auf die Todbringerin ihrer zwei Söhne ihr nicht gerecht. Diese Verkürzung ist weder der Vielschichtigkeit dieser Gestalt, noch der Komplexität der Situation angemessen, in der Medea zur Mörderin wird. Kommendes Wochenende erlebt dieser antike Stoff, der in seinem mythologischen Kern sogar weit in die Vorzeit zurückreicht, eine Neuinszenierung von Constanze Kreusch im Theater Regensburg.

Vielschichtige Figur


„Diese Frau als gefühlsgesteuerte Kindsmörderin zu sehen“, verwahrt sich Kreusch gegen die Dichotomie vom rationalen Mann und der emotionalen Frau „ist mir zu einfach“. Das sei ja fast 19. Jahrhundert. Man müsse nur wenige Sätze lesen, dann könne man sehen „wie bewusst sich Medea in jedem Moment ihrer Geschichte ist“. Ihr sei klar „was sie da tut, warum sie es tut“ und, „dass sie aber auch tun muss, was sie da an Schrecklichem tut“.

„Medea“ im Regensburger Theater

  • Termin

    Premiere hat die Tragödie von Medea am Samstag, 24. März um 19.30 Uhr, im Theater am Bismarckplatz in Regensburg. Der Dramatiker Euripides lebte im vierten Jahrhundert vor Christus und galt als modernster Autor seiner Zeit.

  • Mitwirkende

    Mitwirkende der Aufführung sind unter anderem Monika Frenz (Bühne und Kostüme), Martin Stevens (Licht), Gunnar Blume (Jason) und Philipp Quest (Aigeus, König von Athen). Darüber hinaus sind die Mitglieder des Cantemus-Chores als Chor der Kinder dabei.

Kurz gerafft die Geschichte des Dramas: Jason fährt mit den Argonauten nach Kolchis und bringt sich mit Medeas Hilfe in den Besitz des Goldenen Vlieses. Selbiges gehörte ihrem Vater König Aites. In Korinth finden sie bei König Kreon Asyl. Jason verlässt Medea, um Kreons Tochter Glauke zu heiraten. Damit will er sich und den Seinen einen höheren Status sichern. Medea soll ausgewiesen werden, weil Kreon Angst vor der Macht ihrer Zauberkünste hat. Doch sie verschafft sich Aufschub und tötet mit einer List Jasons Künftige, den König und ihre beiden Söhne.

Einerseits um die Kinder der Rache der Korinther zu entziehen und um andererseits ihren untreuen Gatten durch deren Tod grausamst zu strafen. Im Laufe der Jahrhunderte ist diese Geschichte immer wieder neu erzählt worden. Sie diente als Vorlage für Gedichte, Gemälde und Skulpturen, Romane und Opern, von denen es mindestens 24 gibt. Die Geschichte wurde in Theaterstücken verarbeitet – das von Euripides ist am bekanntesten.

Tiefe Kränkung


Seine Medea ist in der dramatischen Zuspitzung, die fast einem Blutrausch gleicht, von universellem Charakter. Daraus bezieht das Stück seine Kraft und Gültigkeit, die selbst heute erschüttern kann. Die Radikalität dieser Frau entsteht „aber keineswegs aus dem Überschwang der Verletzung“, ist Kreusch überzeugt, auch wenn der Verlust an Ehre und die Wut über die tiefe Kränkung der Ausgangspunkt für ihre Rache ist. Über diesen emotionalen Aufruhr hinaus „ist Medea von Anfang bis zum bitteren Ende sehr klar“. Den Männern bleibt nicht viel mehr, als zu reagieren.

Gewinner gibt es „am Ende keine, weder auf männlicher noch auf weiblicher Seite“. Auch Medea, dieser starke Frau, im Grunde mächtiger, als alle die mächtigen Männer, bleibt am Ende nichts als zu fliehen. Ihre Faszination aber ist ungebrochen, hat doch jede Zeit „diese Figur benutzt, um die Frau nach dem jeweils herrschenden Bild zu beschreiben“.

In der Zeit der Frauenbewegung war „Medea das Opfer, das unter dem Patriarchat der Männer gelitten hat“. Im 19. Jahrhundert wurde in der Psychiatrie gar das „Medea-Prinzip“ angewandt. Heute sei der Blick freier von Kategorisierungen. „Wir können die Frau in Gänze anschauen“, bekräftigt Kreusch. Es gehe um Fragen, „wie viel Recht wird ihr, der Frau, heute zugesprochen“. Auf dem „Tableau der Medea Euripides“ seien gerade diese Fragen „extrem gut zu untersuchen“ und für sie, wie für das ganze Ensemble mit Susanne Berckhemer (Medea), Oliver Jaksch (Kreon) und den anderen „eine große Herausforderung“.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht