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Musik

Applaus ist für Garrett keine Messlatte

Der Star-Geiger spricht im Interview über Slash, Gesundheit und den Anspruch, den er an sich selbst hat.
Von Olaf Neumann

David Garrett ist auch zehn Jahre nach seinem Durchbruch noch immer aufgeregt. Foto: W. Kumm/dpa
David Garrett ist auch zehn Jahre nach seinem Durchbruch noch immer aufgeregt. Foto: W. Kumm/dpa

Regensburg.David Garrett, Sie gelten als einer der erfolgreichsten Violinisten der Welt. Was ist Erfolg für Sie ?

Erfolg ist, wenn die Qualität stimmt. Ich habe Konzerte erlebt, bei denen das Publikum ausgerastet ist, aber ich bin deprimiert von der Bühne gegangen, weil ich nicht das abgeliefert habe, was ich kann. Da macht der Applaus auch keinen Unterschied. Im Gegenteil, er zieht einen eher runter. Andererseits hatte ich auch Konzerte mit minimalem Applaus, bei denen ich mit einem Grinsen von der Bühne ging, weil ich genau wusste, dass ich knapp an 100 Prozent dran war. Applaus ist für einen Künstler keine Messlatte.

Sie wurden als Geigenrebell bezeichnet. Gegen wen oder was rebellieren Sie?

Das Gefühl zu rebellieren hatte ich nie. Es kommt vielleicht so rüber, weil ich einer der ersten klassischen Musiker war mit einem Standbein außerhalb der Klassik. Das entspricht nicht der Norm. Und wenn etwas nicht normal ist, dann muss es ja irgendetwas Rebellisches sein. Aber ich habe einfach nur Spaß da dran. Mit dem Begriff „Rebellion“ kann ich nicht viel anfangen.

Sind Sie in den Crossover-Bereich gegangen, weil das Klassikpublikum langsam ausstirbt?

Ich hatte nie das Gefühl, dass das klassische Publikum ausstirbt. Aber dass man eine neue Generation für irgendetwas faszinieren muss, ist doch ganz klar. Etwas, das Qualität hat, muss man immer mit Leidenschaft bewerben. Dann kann auch nichts aussterben.

Sind Auftritte die Königsdisziplin, in der man zeigen muss, was man wirklich draufhat?

Ja, Konzerte sind die Königsdisziplin. Live greifen das Zusammenspiel zwischen mir, Band, Orchester und die Gedanken, die ich mir über die Produktion gemacht habe, ineinander über. Das ist wirklich ein kleines Gesamtkunstwerk, entstanden aus meiner Fantasie. Wenn ich das zum Leben erweckt sehe, bin ich ein bisschen stolz. Das Schöne ist, dass bei einem Konzert immer alles passieren kann. Das macht es auch für mich spannend.

David Garrett auf Tour

  • Karriere:

    Mit mehr als drei Millionen verkauften Alben und über drei Dutzend Gold- und Platin-Auszeichungen in Europa, Asien und Lateinamerika sowie Millionen verkaufter Tickets zählt der 38 Jahre alte Deutsch-Amerikaner zu den größten Stars der heutigen Musikszene. Seine Mission: Mit seiner Mixtur aus E- und U-Musik will er Menschen erreichen, die der Klassik sonst fern bleiben.

  • Crossover-Tour:

    David Garrett geht im Mai 2019 zusammen mit seiner Band und der Neuen Philharmonie Frankfurt auf Crossover-Tour. Der Stargeiger wird bei 19 Konzerten in Deutschland (am 29. Mai spielt er in München), Österreich und in der Schweiz auch neue und neu arrangierte Stücke spielen, einige zum ersten Mal unplugged. Alle Termine gibt es unter www.david-garrett.com/de.

Welche Gedanken haben Sie sich über die Tour gemacht?

Viele. Ich bin mein Repertoire Stück für Stück durchgegangen. In dem Moment, wo ich mir Musik anhöre, entstehen Bilder in meinem Kopf. Ich sehe gewisse Farben und Lichtstimmungen, die ich für ein Stück haben will. Ich will keine zwei Titel mit der selben Stimmung hintereinander haben. Und es ist wichtig, dass das Licht nicht dem Rhythmus der Musik schadet, sondern dass alles eine Symbiose ist.

Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason behauptet: „Wer als Musiker bei einem Konzert nicht nervös ist, mit dem stimmt etwas nicht.“ Hat er recht?

Ich bin immer noch nervös. Nervosität ist nichts Negatives, obwohl es sicher auch negative Nervosität gibt. Anspannung ist ganz wichtig vor dem Konzert. Andernfalls wäre es einem egal, was man auf der Bühne macht. Wenn du etwas von dir selber erwartest, bist du auch nervös, das ist völlig normal. Und es hört mit dem Alter nicht auf.

Fühlen Sie sich auf der Bühne wie ein Rockstar, wenn Sie Songs von Metallica interpretieren?

Ich weiß nicht, ob sich ein Rockstar anders fühlt als jemand, der klassische Musik spielt. Vielleicht ist bei manchen Klassikkünstlern sogar mehr Adrenalin im Körper als bei so manchem Rockstar. Es macht für mich keinen Unterschied, in der Philharmonie oder in der O2-Arena zu stehen.

Welche Rockstars haben Sie persönlich getroffen?

Schon einige. An Slash kann ich mich gut erinnern. Ich traf ihn in Los Angeles in seinem Studio. Er hat mich sehr beeindruckt, weil er ein sehr lieber, ruhiger und besonnener Typ ist. Es gab sicher Zeiten, wo er anders war.

Worüber haben Sie mit Slash gesprochen?

Über Musik. Über ein Arrangement, das ich für „November Rain“ gemacht habe. Es war ein ganz entspanntes Gespräch. Slash war überhaupt nicht arrogant. Die meisten älteren Musiker aus dem Rock’n’Roll-Bereich sind sehr bodenständig.

Sind Sie mit Slash um die Häuser gezogen?

Nein, ich wollte kein schlechter Einfluss sein. (lacht)

Die Rolling Stones nehmen angeblich halbe Wohnzimmereinrichtungen mit auf Reisen. Was darf auf einer David-Garrett-Tournee auf keinen Fall fehlen?

Wenn man so lange durch die Welt getourt ist wie die Stones, dann darf man das auch gerne tun. Aber mir reicht es, wenn ich hinter der Bühne Tee und frisches Wasser bekomme. Ein Stuhl wäre auch schön.

Ist es herauszuhören, ob ein Musiker existenziell bei der Sache ist?

Ich merke das bei der Geige, weil es mein Instrument ist. Wenn man ein Stück weit die Konzentration verliert, kann man eine schwierige Phrase nicht gut spielen. Man merkt, ob jemand nicht nur technisch auf einem hohen Niveau spielt, sondern ob er auch mit der Musik agiert. Das sind kleine Nuancen, wenn das Orchester ein Pianissimo hat und der Geiger in dem Moment zu viel gibt, wenn es völlig unnötig ist.

Was ist das Besondere an Ihrer Geige?

Sie hat eine gute Tonfarbe. Bei mikrofonierten Konzerten ist die Tonfarbe wichtiger als die Tragfähigkeit. Das Beißende einer Stradivari auf der E-Seite brauche ich bei mikrofonierten Crossover-Konzerten nicht. Eine Nicht-Stradivari klingt mit Mikrofon manchmal sogar besser als eine Stradivari.

Hat Ihre Stradivari Launen wie eine Diva?

Ich habe eine sehr bodenständige Stradivari. Darüber bin ich wahnsinnig glücklich. Als ich sehr jung war, hatte ich eine Stradivari, die wirklich eine Diva war. Dieses Instrument machte zwei Stunden bevor es regnete zu. Das war sehr unangenehm. Diese Geige klang wunderbar zwischen 50 und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit, aber darüber und darunter ging gar nichts mehr. Als ich mir dann selber etwas kaufte, war es mir ganz wichtig, ein Instrument zu haben, das keine Charakterschwankungen hat.

Haben Sie auf Tour jemanden, der sich ausschließlich um Ihr wertvolles Instrument kümmert?

Ich würde meine Geige nicht unabgeschlossen irgendwo liegenlassen. Aber wenn jemand mit einem Maschinengewehr kommt, ist sie halt weg. Aber was will derjenige mit der Geige machen? Sie ist in so vielen Büchern abgebildet. Diese Person könnte meine Stradivari nie öffentlich zeigen, sie könnte sie sich höchstens im Keller bei Kerzenschein angucken. Aber das macht ja auch keinen Spaß.

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