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Performance

Auch Persil und Pudding nährt die Kunst

Sind wir nicht alle Mäzene? Carl Klein bedankt sich in einer abendfüllenden Performance im Kunstverein Graz im Namen der kunstsinnigen Kapitalisten.
Von Florian Sendtner, MZ

Katharina Dobermann und Claus Klein performten im Kunstverein Graz eine ironische Dankesrede an den Konsumenten, der die Kunstliebe des Unternehmers finanziert. Foto: W. Röhl

Regensburg. Ingo Schulze stellte die Frage 2007 in den Raum, und seitdem ist sie nicht mehr wegzudiskutieren: „Was wollen wir?“ In seiner legendären Dankesrede für den Thüringer Literaturpreis, der vom Energiekonzern E.ON gezahlt wurde, machte sich der Schriftsteller ein paar grundsätzliche Gedanken über Kultursponsoring von der Goethezeit bis zur Gegenwart und konstatierte eine „Tendenz zur Refeudalisierung des Kulturbetriebes“, die einhergehe „mit einer allgemeinen Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche“. Schulze warf die Frage auf, ob das einer modernen, demokratischen Gesellschaft würdig sei und stürzte die anwesenden E.ON-Herren, die einen untertänigst-dankbaren Preisträger erwartet hatten, in schwere mentale Turbulenzen. E.ON hat sich mittlerweile vom Thüringer Literaturpreis zurückgezogen, das Kultusministerium in Erfurt hat sich dazu bequemt, seine ureigenste Aufgabe zumindest zum Teil selbst zu übernehmen.

Detailverliebte Recherche

In Schulzes furioser Rede (enthalten in seinem Essayband „Was wollen wir?“) heißt es u.a.: „Mich stört, dass es kaum noch einen Ausstellungskatalog gibt ohne das Logo oder den Namen einer Firma [...] Diese Refeudalisierung ist bereits zur Selbstverständlichkeit geworden.“ Auch der Kunstverein Graz kann ein Lied davon singen. Genauer gesagt: Der Performance-Künstler Carl Klein hat ihm jetzt endlich mal ein langes Lied davon gesungen. Der Steinmetzmeister aus der Höllmühle hat sich in detailversessener Kleinarbeit zwei Dutzend Firmen und Konzerne vorgenommen, deren Inhaber Kunst sammeln. In einer abendfüllenden Performance unter dem Titel „The Order of Things, Part zwei: Von den Dingen, die Kunst finanzieren“ stand Klein, flankiert von zwei charmanten Assistentinnen, auf der Bühne und brachte einem ebenso staunenden wie belustigten Publikum nahe, dass man allein durch den Kauf banalster Gebrauchsgegenstände oder Lebensmittel unfreiwillig zum Kunstsponsor wird.

Zuerst verliest Ella Gülden zu seiner Linken die Unternehmensgeschichte (in jedem zweiten Fall machte man im NS-Staat per Arisierung und Zwangsarbeit ungeniert Profit) und rattert die Verdienste für die zeitgenössische Kunst herunter, die etwa im Fall Flick wirklich atemberaubend sind: Die im Hamburger Bahnhof in Berlin ausgestellte Friedrich Christian Flick Collection gehört mit über 1500 Werken zeitgenössischer Kunst zu den weltweit größten und wertvollsten Sammlungen ihrer Art.

Kapitalistische Erotik

Gleichzeitig präsentiert Katharina Dobermann zur Rechten des Zeremonienmeisters ein Produkt des jeweiligen Konzerns – eine Packung Persil, Puddingpulver, eine Fahrradkette, eine Klopapierrolle. Im knappen grauen Businesskostüm, mit perfektem PR-Lächeln und lasziven Bewegungen verleiht sie den Produkten von Henkel, Burda und BMW die nötige kapitalistische Erotik. Und während der Fetischcharakter der Ware durch den Saal wabert, zeigt der Motivationsguru Carl Klein mit dem Zeigefinger aufs verdutzte Publikum, und mit synchronen Gesten und in rhythmisiertem Stakkato wird dem Kunst- und Konsumvolk eingebleut: „Sie haben indirekt in Kunst investiert, worüber wir uns freuen! Denn Kunst ist toll!“ – Mitreißende Performancekunst, die die Leute durch lachen zur Erkenntnis bringt.

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