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Schauspiel

Auf dem instabilen Untergrund des Ich

Im Theater am Haidplatz: Thomas Melles Drama „Bilder von uns“, das die Folgen von sexuellem Missbrauch anprangert
Von Michael Scheiner, MZ

Gedemütigt und als Unterlegene in Abhängigkeit gehalten: Jacob Keller und Gunnar Blume in „Bilder von uns“ Foto: Kaufhold
Gedemütigt und als Unterlegene in Abhängigkeit gehalten: Jacob Keller und Gunnar Blume in „Bilder von uns“ Foto: Kaufhold

Regensburg.In Andrei Tarkowskis Romanverfilmung „Solaris“ werden die Mitglieder einer Raumstation mit ihrer eigenen Vergangenheit in Form von Wiedergängern konfrontiert. Geschaffen werden diese vom Planeten Solaris, der keine feste Grundlage besitzt. Auf dem schwankenden, instabilen Untergrund ihres eigenen Unterbewusstseins, der Erinnerungen, Verdrängungen und gespeicherten Bilder müssen sich auch die Schauspieler in „Bilder von uns“ bewegen. Eine große, aufgeblasene Matratze, wie sie zur Rettung von Eingeschlossenen bei Bränden benutzt wird, bedeckt fast die gesamte Bühne im Theater am Haidplatz. Von der Decke hängen transparente Plastikvorhänge.

Es ist vielleicht das eindrücklichste Symbolbild der Inszenierung (Charlotte Koppenhöfer) von Thomas Melles Drama über die Folgen eines systematischen Missbrauchs von Schülern eines Internats. Das Leben steht hier ständig auf der Kippe, bietet keinen wirklichen Halt, ist bedroht – von außen, mehr aber noch von innen. Die durchweg beeindruckende Leistung der acht Leute auf der Bühne beginnt bereits mit dem ersten Schritt auf diesem instabilen Grund. Sich über bald zwei Stunden so zu halten, zu bewegen, zu gehen, zu kämpfen oder sich zu lieben, dass es nicht lächerlich wirkt oder von steter Unsicherheit gezeichnet ist, verlangt ein Höchstmaß an Konzentration und eine meisterliche Balance im gesamten Spiel.

Kollision mit der Vergangenheit

Es beginnt mit einem Zusammenstoß. Jesko (Franz Josef Strohmeier) knallt mit seinem fetten Wagen fast in eine Gruppe von Kindern, die mit ihrer Lehrerin über die Straße gehen. Auf seinem Smartphone ist ein Foto aufgeploppt. Ein Junge, vorpubertär, nackt – ein maximaler Zusammenprall mit der eigenen Vergangenheit. Einmal geöffnet, lässt sich der Deckel der Erinnerungen nicht mehr schließen. Auch wenn es der erfolgreiche Medienunternehmer Jesko noch eine Zeitlang versucht, abwiegelt, sich die eigenen verblassten Gedanken schönredet.

„Bilder von uns“: termine

  • Die nächsten Vorstellungen

    von Thomas Melles Drama „Bilder von uns“ finden heute, Dienstag, und morgen, Mittwoch, jeweils um 19.30 Uhr sowie am Freitag um 19.30 Uhr (mit anschließendem Nachgespräch statt.)

  • Eine ergänzende Podiumsdiskussion

    zur sexualisierten Gewalt in Institutionen unter dem Motto „Gegen die Sprachlosigkeit“ ist für Donnerstag, 11. Mai, um 19.30 Uhr ebenfalls im Theater am Haidplatz geplant. Der Eintritt ist frei.

Wer hat dieses Bild geschickt? Was will derjenige damit bezwecken? Erpressung? Zerstörung seiner Karriere? Jesko nimmt Kontakt zu ehemaligen Mitschülern auf, versucht sie auszuhorchen. Als er mit dem rigoros für Aufklärung und offensive Aufarbeitung eintretenden Malte (Michael Haake) und dem smarten, gradlinig erscheinenden Johannes (vorzüglich: Gunnar Blume) nicht weiterkommt, beschuldigt er den psychisch desolaten Konstantin (Jacob Keller). Da hat die Beziehung zu seiner selbstbewussten Frau Bettina (Silke Heise) schon ordentlich Risse bekommen. Während der Auseinandersetzungen mit den einstigen Schulkollegen – „das waren Kinderschänder“, „sie haben uns hart rangenommen!“ – regnet es Lilien vom Himmel. Die Unschuld ist dahin.

Die Deutungshoheit zurückholen

Ein zweites Foto taucht auf. Halbherzig eingeweiht, gibt sich die Polizei (Frerk Brockmeyer) beamtenmäßig herablassend. In einer alptraumhaften zweiten Erzählebene tauchen erschreckende Details auf, wie Pater Stein, der mächtige Erzieher, seine perversen Gelüste mit Drohungen, Begünstigungen und Belohnungen befriedigt. Die Jungs im Internat werden zu Objekten gemacht, ihrer Würde beraubt.

Das ist auch das, was in der Forschung und Therapie von Menschen, die sexuellen Missbrauch erleben mussten, immer zum Vorschein kommt: Wie sie gedemütigt und als Unterlegene in Abhängigkeit gehalten werden.

Kein biografisches Stück

Autor Thomas Melle hat selbst ein Internat der Jesuiten in Bonn besucht, wo es zu systematischem Missbrauch gekommen ist. „Bilder von uns“ ist dennoch kein biografisches Stück. Wie schwierig und problematisch es für Betroffene ist, sich die Deutungshoheit über ihr Leben wieder zurückzuholen, und wie sie von außen angegiftet, verhöhnt und niedergemacht werden, hat sich auch bei der Aufarbeitung um den Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen gezeigt. Wie Jesko und die anderen „Opfer“ in der eindrucksvollen Inszenierung ringen Betroffene auf jeweils eigene Weise darum, wie sie mit den erlittenen Verwundungen und seelischen Zerstörungen umgehen wollen und können.

Lesen Sie auch: Anwalt Ulrich Weber will seinen Bericht über die Missbrauchsfälle bei den Domspatzen im Mai vorlegen. Seit fast zwei Jahren klärt er auf.

Bei manchen endet es tödlich-suizidal wie bei Konstantin, an dessen Beerdigung die unterschiedlichen Haltungen der einstigen Schulfreunde erneut aufeinander prallen. Beim promiskuitiven Malte, der keine dauerhafte Bindung eingehen kann, ist es eine gesellschaftlich weniger auffällige Strategie. Und ob Jesko nach dem Fremdgehen mit der Lehrerin Katja (Susanne Berckhemer) wieder mit seiner Bettina zusammenkommt, die sich von ihm getrennt hat, bleibt ungespielt.

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