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Theater

Auf der Suche nach Heimat

In „Nord West 59“ leiden die Figuren an allgemeiner Verunsicherung. Am Samstag ist Uraufführung im Theater Regensburg.
Von Susanne Wiedamann

Marionettenspieler Mika (Deniz Baser, l.) weiß nicht, wie Alia (Verena Maria Bauer) und Rashid (Philipp Quest, r.) in seinen Wagen kamen. Foto: Jochen Klenk
Marionettenspieler Mika (Deniz Baser, l.) weiß nicht, wie Alia (Verena Maria Bauer) und Rashid (Philipp Quest, r.) in seinen Wagen kamen. Foto: Jochen Klenk

Regensburg.Mika hat zu Unrecht 18 Monate gesessen. Angeblich hat er ein Flüchtlingspaar mit Kind in seinem Lieferwagen über die Grenze geschleust. 5000 Euro lagen in seinem Handschuhfach. Nach der Haft kommt er heim. Doch seine Freundin Conny lebt mit seinem besten Freund zusammen, den sein kleiner Sohn Papa nennt. Und sein Freund aus Hafttagen, Mats, der in seiner Kleingartenlaube Nord West 59 wohnt, macht plötzlich eine Rechnung auf: 5000 Euro soll Mika für den Schutz zahlen, den Mats ihm im Knast besorgt hat. Mikas Leben ist völlig aus dem Lot. Doch auch die anderen Figuren werden gebeutelt. Das Flüchtlingskind verschwindet, und etliche Rätsel im Theaterstück „Nord West 59“ sind ungelöst.

Lorenz Langenegger

  • Der Autor:

    Lorenz Langenegger schreibt Romane, Dramen und Drehbücher, u. a. für den Schweizer Tatort. Zu „Nord West 59“ ließ er sich durch einen Taxifahrer inspirieren, der vor dem Hintergrund der Flüchtlingsbewegung sagte, als Lastwagenfahrer riskiere man, verhaftet zu werden. Denn man wisse nie, wer mitfährt.

  • Premiere:

    Lorenz Langeneggers Stück „Nord West 59“ wird am Samstag, 2. Dezember, um 19.30 Uhr in der Inszenierung von Charlotte Koppenhöfer im Theater am Haidplatz uraufgeführt. Karten gibt es unter Telefon (09 41) 507 24 24.

„Heimat ist ein Ort, wo man sich sicher fühlt, wo man weiß, wie was funktioniert“, sagt Autor Lorenz Langenegger im MZ-Interview. Die sechs Figuren seines Stücks, das am Samstag im Theater am Haidplatz uraufgeführt wird, fühlen sich aber alle nicht zu Hause, sondern leben in allgemeiner Verunsicherung. Sie suchen nach Heimat. „Das zieht sich durch alle Figuren. Mats ist im Gefängnis zu Hause und fühlt sich auf den Straßen unsicher, Mika war hinter Gittern total fremd.“ Um das Fremdsein kreist das ganze Stück, das Langenegger nicht linear erzählt, sondern in dem der Dramatiker sein Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet.

Verschiedene Wahrheiten

Lorenz Langenegger, Autor des Theaterstücks „Nord West 59“ Foto: Ruth Erdt
Lorenz Langenegger, Autor des Theaterstücks „Nord West 59“ Foto: Ruth Erdt

„Ich misstraue der einen Wahrheit“, sagt Langenegger. Bei Themen wie Schuld oder Unschuld gebe es nie nur eine Sichtweise. In „Nord West 59“ könne er nicht sagen, wer der Schuldige sei. „Verschiedene Figuren haben verschiedene Wahrheiten und die können sich auch widersprechen. Ich finde, das muss man auch aushalten, dass einer eine andere Meinung hat.“

Folgerichtig stehen die sechs Figuren gleichgewichtig nebeneinander. „Es gibt keine Hauptrollen“, sagt Regisseurin Charlotte Koppenhöfer, die 2014 für ihre Regensburger Inszenierung von „The King’s Speech“ mit dem Publikumspreis der Bayerischen Theatertage ausgezeichnet wurde. Die sechs Personen des Stücks „Nord West 59“ bilden eine Schicksalsgemeinschaft wie in einer griechischen Tragödie. Ihnen ergeht es wie der Ödipusfigur, die unschuldig schuldig wird, sagt Dramaturgin Anastasia Ioannidis.

Das Stück ist ebenso spannend wie von Struktur und Sprache her raffiniert. Der Stoff riecht nach Krimi. Das Flüchtlingsthema liegt in der Luft. Doch Langenegger hat es nicht mit einfachen Konzepten. „Wenn ich etwas schreibe, versuche ich, etwas herauszufinden über die Welt. Ich lade die Zuschauer ein, ein Stück des Weges mitzugehen.“ Also keine Botschaft, kein moralischer Fingerzeig, keine Schuldzuweisung und keine einfache Krimi-Lösung. „Ich mag diese Anmaßung nicht, dem Zuschauer etwas mitzugeben“, sagt der Autor, der auch Drehbücher für den Schweizer „Tatort“ schreibt.

Regisseurin Charlotte Koppenhöfer Foto: Jochen Quast
Regisseurin Charlotte Koppenhöfer Foto: Jochen Quast

Es gibt auch keine Typisierungen. „Wir zeigen nicht: Das ist der typische Gefängnis-Insasse“, sagt Koppenhöfer. Die Flüchtlinge Alia und Rashid werden nicht in Flüchtlingskostüme gesteckt. Stattdessen stellt das Stück Fragen: Wen sehen wir als Flüchtlinge? Wer oder was ist fremd? Gehören wir zusammen? Koppenhöfer, übrigens auch „Tatort“-erfahren, hat in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Wien gearbeitet. „Diese Erfahrungen fließen total ein. Die Zeit hat natürlich meine Vorstellung von ,Wer sind die anderen?‘ sehr verändert.“ Langenegger jongliert mit Klischees, sagt Koppenhöfer. „Nord West 59“ ist kein Lehrstück, aber es berührt existenzielle Fragen wie die nach Heimat und nach Glück. „Das Fremde verbindet und trennt die Figuren“, sagt Ioannidis.

„Ich mag die Unschärfe“

Conny (Zeynep Buyraç) und Flo (Josef Simon) bilden eine neue Familie. Doch dann taucht Mika wieder auf. Foto: Jochen Klenk
Conny (Zeynep Buyraç) und Flo (Josef Simon) bilden eine neue Familie. Doch dann taucht Mika wieder auf. Foto: Jochen Klenk

Langenegger erzählt dies in einer knappen, durchrhythmisierten Sprache. Er liebt die Irritation: „Ich mag die Unschärfe“, sagt Langenegger, auch wenn die Schauspieler in seinen Stücken manchmal unsicher werden: „Wer bin ich denn jetzt?“ „Die Schauspieler müssen sich vom Text gestalten lassen“, sagt Koppenhöfer und lobt das Ensemble aus drei hauseigenen und drei Gastdarstellern. „Sie haben eine vitale Art, mit der Sprache umzugehen und haben sich für dieses Nadelöhr ganz durchlässig gemacht und so sehr viel Kraft bekommen.“

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