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Barenboim macht eine ganze Welt auf

Der Pianist lässt Schuberts Sonaten raffiniert, intensiv und in ihrem Farbenreichtum erleben – standing ovations im Audimax!
Von Claudia Böckel, MZ

Daniel Barenboim ließ im Audimax Girlanden aufblühen, Farben geradezu explodieren.
Daniel Barenboim ließ im Audimax Girlanden aufblühen, Farben geradezu explodieren. Foto: altrofoto.de

Regensburg. „In den 13 Jahren seines Komponierens von Klaviersonaten war Schuberts Entwicklung so schnell, dass er vielleicht einer der revolutionärsten Musiker der Geschichte geworden wäre, wenn er länger gelebt hätte.“ Das sagt Pianist, Dirigent und Völkerverständiger Daniel Barenboim über Franz Schubert. 2014 hat er die elf vollendeten Sonaten für die Deutsche Grammophon eingespielt und diese Auswahl getroffen, um „einmal die Entwicklungslinie von der ersten bis zu letzten Sonate für mich und das Publikum“ dazustellen. Für das Programm bei Odeon hatte er die beiden Sonaten von 1825 herausgegriffen, die Schubert erstmals als Komponisten von Klaviersonaten vorstellten.

Von diesen Kompositionen an schrieb Schubert seine Sonaten in der großen viersätzigen Form und der klassischen Satzdisposition. Die Sonate a-Moll D 845 ist dafür ein ideales Beispiel von großer Klangintensität. In diesem neuen Sonatenstil geht es nicht mehr um das dialektische Spiel von Gegensätzen, sondern um eine flächigere Konzeption der Musik, nicht mehr um eine klare Einteilung der Sonatenhauptsatzform in These, Antithese und Synthese, sondern um ein Nebeneinanderstellen der Teile in der Art eines Strophenliedes.

Unglaublich frei und doch präzise

Daniel Barenboim machte schon mit den ersten vier Takten der a-Moll-Sonate eine ganze Welt auf. Ein melodisch gebundenes, einstimmiges Motiv trifft auf Staccato-Akkorde. Mit äußerster Klarheit entwickelt er aus dieser Spannung den breit angelegten ersten Satz mit all seinen so modern anmutenden Zonen von schweifender Tonalität. Das Andante mit seinen zauberhaften Variationen über ein schlichtes Thema klang unglaublich frei trotz aller metrischen Exaktheit in den Sechzehntel- und Zweiundreißigstelgirlanden. Hell und innig mischten sich Glockenklänge dazwischen.

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Dieser Ausnahmemusiker, der, neben seiner Weltkarriere als Dirigent, als Pianist auf gleichem Niveau tätig ist, verfügt über unglaublichen Farbenreichtum, lässt die Mittelstimme aufglühen, vermittelt orchestrale Farben. Man glaubt, Flötenmelodien zu hören, dann wieder den vollen Orchesterklang. Barenboim spielt nie vordergründig, gewinnt dem Scherzo nicht nur leichte, gaukelnde Aspekte ab, sondern erreicht auch Ruhe und Abgeklärtheit.

Sehen Sie hier ein Video mit Daniel Barenboim

Das Schluss-Rondo hatte zauberische Klänge, war sehr intensiv und verzahnt. Die D-Dur-Sonate op. 53 D 850 nach der Pause gelang fast noch besser, raffinierter, intensiver. Die „Gasteiner Sonate“, auf einer Reise von Franz Schubert durch Oberösterreich und nach Gastein entstanden, setzt auf Vollgriffigkeit und ein besonders breites dynamisches Spektrum, auf brillanten Gestus und auf perlende Lebendigkeit. Barenboim packte sie kraftvoll an, ließ Girlanden aufblühen, insistierte, ließ Farben geradezu explodieren.

Ein Rondo, delikat zelebriert

Den 2. Satz con moto in A-Dur tauchte er in einen schwebenden Zustand, baute Riesenbögen auf, wurde dann konkreter. Das Scherzo mit seinem schwingenden Ländler versah er fast unmerklich mit zauberhaften rubati. Der letzte Satz „passt schwerlich in das Ganze und ist possierlich genug“, schreibt Komponisten-Kollege Robert Schumann. Ein Rondo ist es, ohne Übergänge, mit ausladenden Couplets, delikat zelebriert von Barenboim, intim und facettenreich im dreifachen piano beendet. Standing ovations folgten und das As-Dur-Impromptu.

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