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Kultur
Donnerstag, 16. August 2018 30° 1

Literatur

„Baustellen“ in einprägsamen Bildern

Harald Grills Gedichte leben von bestimmten Assoziationen, in die der Autor den Leser zielsicher hineinlenkt.
Von Johannes Dietz

Autor Harald Grill Foto: Geiger
Autor Harald Grill Foto: Geiger

Wald.Mehrdeutigkeit ist in Harald Grills Gedichten allgegenwärtig, so schon im Titel „Baustellen des Himmels“: Forderung nach Vollendung des Irdischen oder Ausdruck der Erfüllung angesichts des bereits Vollendeten?

Zwischen solchen Vielschichtigkeiten bewegt sich beim Lesen, wer dem dem gebürtigen Oberpfälzer und mehrfach ausgezeichneten Lyriker in rund 50, meist kurzen Werken folgt. Bewundernswert ist Grills Fähigkeit, dank eigener Reise- und Lebenserfahrungen im Konkreten und Fassbaren das Allgemeingültige aufscheinen zu lassen. Im Gedicht „Unterwegs“ schildert er seine Empfindungen im Straßenverkehr und überlässt es dem Leser, sich über das anschauliche Bild hinaus nach der richtigen Geschwindigkeit für das eigene Leben zu fragen.

Das „Ende der Kindheit“ beschreibt einen Menschen, der seinen eigenen Schatten im Dunkel verlorengehen sieht. Das Bewusstwerden der individuellen Sterblichkeit markiert also das Ende der Kindheit – doch diese Folgerung ist bereits Interpretation.

Grills Themen reichen von allgemeinen wie Liebe und Vergänglichkeit, Kunst und Natur über persönliche, etwa das eigene Schaffen oder die Religiosität, bis hin zu historischen wie die Nachkriegszeit. So nimmt der Poet etwa im Gedicht „Böhmisches Puzzle“ auf das Verhältnis zwischen Tschechien und Deutschland Bezug, das auch auf seine Wurzeln weiterwirkte: Grills Mutter war aus Schlesien geflohen, der Vater war Niederbayer.

All diese „Baustellen“ werden durch Vergleiche und eine sehr bildhafte Sprache buchstäblich illustriert. Zwar verführen Prägnanz, konsequente Kleinschreibung und der Verzicht auf Satzzeichen zu schneller Lektüre, doch anstatt übereilt weiterzublättern, sollte man lieber erneut und dann noch einmal lesen. Was schließlich vor allem im Gedächtnis bleibt, ist der Inhalt des Gedichts.

Obgleich Vieles nur angedeutet wird, fühlt sich der Leser zielsicher zu bestimmten Assoziationen hingelenkt. Im Gedicht mit dem Titel „Im Altenheim“ kleidet Grill seine Beobachtung zunehmender Demenz bei betagten Menschen und den damit einhergehenden Verlust der Sprachfähigkeit in ein nachvollziehbares Bild: In der Wahrnehmung des Betroffenen verschwinden die Wörter offensichtlich wie unter einer Schneedecke.

„In Baustellen des Himmels“ (Edition Toni Pongratz Nr. 126, 2017, 55 Seiten) erlebt und beobachtet ein ausdauernder und aufmerksamer Wanderer Natur und Mitmenschen, um seine Eindrücke und Gedanken zu einprägsamen Sprachbildern zu verdichten.

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