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Oper

Bayreuth spielt mit den Realitätsebenen

Kayfabe bei der Premiere der Festspiele mit Richard Wagners „Tannhäuser“: Auch draußen geht das Spiel weiter.
von Claudia Böckel

Das Transparent am Bläserbalkon des Bayreuther Festspielhauses. Foto: Claudia Böckel
Das Transparent am Bläserbalkon des Bayreuther Festspielhauses. Foto: Claudia Böckel

Bayreuth.Der Autor Clemens J. Setz hielt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019 die Eröffnungsrede. Es ging um „Kayfabe und Literatur“. Kayfabe ist ein Begriff, der im Wrestling Anwendung findet; er stand ursprünglich für die „Wahrung der vierten Wand“ im Theater, also die unsichtbare Barriere zwischen Schauspielern und Publikum. Kayfabe bedeutet, dass Storylines geschrieben werden, die bis in die privaten Lebenswelten der Akteure hineinwirken.

Auch in Bayreuth vermischten sich in Richard Wagners Oper „Tannhäuser“ die Realitätsebenen. Draußen wird man durch Absperrbaken in bestimmte Richtungen gelenkt bzw. vom VIP-Bereich abgelenkt. Gleich im ersten Bild auf der Bühne steht genau so eine rot-weiße Bake. Venus sitzt in ihrem Tourbus mit Wackel-Stinkefinger auf dem Armaturenbrett, einem alten Citroën, wie ihn auch Performerin Marina Abramovic jahrelang bewohnte, und fährt die Bake um. Sie hält sich an keine Absperrungen, nicht einmal ein Polizist, der sich ihr in den Weg stellt, kann sie bremsen. Sie fährt ihn tot.

Konvention und Video

Zweiter Aufzug: Die Bühne ist in der Höhe geteilt. Unten ein Guckkasten, eingefriedet mit weißer Neonleiste, Sängersaal auf der Wartburg, ganz konkret mit dem Dreibogen-Motiv und den originalen Kapitellen. Oben ist eine gleichgroße Fläche für Videoprojektionen. Man blickt in den Backstage-Bereich, sieht die Akteure des Sängerwettstreits auf der Wartburg warten, aber nicht aus der Rolle fallen.

Als es unten zu bunt wird, wählt Katharina Wagner, die Festspielleiterin, am Schaltpult die Nummer 110. Das Einsatzkommando der Polizei stürmt ins Festspielhaus (oben zu sehen), sogar weiter in den Wartburgsaal (im unteren Bereich), sie verhaften Tannhäuser, der mit seinen Ansichten zur freien Liebe aus der Rolle gefallen ist. Aber die Polizei war ja schon den ganzen Tag präsent, in Uniform an den Eingängen, in eleganter Konzertkleidung unters Publikum gemischt. Im Gegenzug sehen die Pilger des ersten Aufzugs aus wie Festspielbesucher.

Bei einer Performance am Weiher vor dem Festspielhaus singt Le Gateau Chocolat, Dragperformer, beim Beginn der Bayreuther Festspiele 2019. Foto: Tobias Hase/dpa
Bei einer Performance am Weiher vor dem Festspielhaus singt Le Gateau Chocolat, Dragperformer, beim Beginn der Bayreuther Festspiele 2019. Foto: Tobias Hase/dpa

Zur Venus-Truppe gehört der Blechtrommler Oscar (Grass und Schlöndorff lassen grüßen), der Clown Tannhäuser, wohl auch von Böll herübergeholt. Die Dragqueen Le Gateau Chocolat sorgt für Diversität in Tannhäusers Umgebung. Nach der Busfahrt durch das Wartburgtal zur Ouvertüre der Dresdner Fassung der Oper – Bild und Ton gingen hier wie überhaupt den ganzen Abend sehr eng und gut zusammen – landet die Truppe mit Aufzugsbeginn in einem Zwergenheim, Frau Holle/Holda/Venus klopft ihr Kissen auf. Anspielungen und Querverbindungen gibt es überall, für jeden gibt es Identifikationsspielraum, aus der Kunstgeschichte, aus der Märchenwelt, aus der Realität der RAF, aus der Welt der Ausgegrenzten.

Musik

„Schande“: Bayreuths Publikum kritisiert

Einen Tag nach der „Tannhäuser“-Premiere geht der schwarze Travestiekünstler „Le Gateau Chocolat“ mit dem Gästen ins Gericht.

Und nach dem ersten Aufzug geht es hinaus an den Teich unterm Festspielhaus. Die Dragqueen singt, Oscar paddelt im Teich, Venus malt ein Transparent, das die drei später am Bläserbalkon des Festspielhauses festmachen: „Frei im Wollen! Frei im Thun! Frei im Geniessen! R.W.“ Die Leiter, mit der sie das Festspielhaus geentert haben, lehnt noch am Balkon.

Spitzensänger

  • Die Frauen:

    Lise Davidsen als Elisabeth und Elena Zhidkova als Venus rissen das Festspielpublikum zu Begeisterungsstürmen hin.

  • Die Männer:

    Als Tannhäuser hielt Stephen Gould seine anstrengende Partie bis zuletzt mit strahlender Stimme durch. Markus Eiche war ein anrührender, immer präsenter Wolfram, Stephen Milling ein stimmgewaltiger, immer verständlicher Landgraf.

Der dritte Akt ist dann ruhiger gestaltet, da geht es mehr um innere Entwicklungen. Elisabeth nimmt Wolfram, im Clownskostüm Tannhäusers, mit in die Venusgrotte/den Tourbus, bevor sie sich die Pulsadern aufschneidet. Tannhäuser zerfetzt am Ende die vorher so gehätschelte Partitur der Oper, die er gerade gesungen hat. Und der Ausblick: Tannhäuser und Elisabeth auf der Fahrt in den Sonnenuntergang.

Dem Regieteam aus Tobias Kratzer, Rainer Sellmaier und Manuel Braun ist der ganz große Wurf gelungen. Witziges und Anrührendes, Zitathaftes und Originäres wird entwickelt, immer nah an der Musik, nie gegen die Musik. Dirigent Valery Gergiev sorgt für ordentliche Unterstützung der ausnahmslos fantastischen Sänger, setzt aber selbst so gut wie keine Glanzpunkte. Den Paragone, den Wettstreit der Künste, würde diesmal das Darstellerische und Sängerische gewinnen.

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