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Lesung

Benedict Wells erzählt von Melancholie

„Regensburg liest ein Buch“-Autor Benedict Wells sorgte mit „Vom Ende der Einsamkeit“ für ein ausverkauftes Haus.
Von Peter Geiger

Wenn Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“ liest, sitzt Sänger und Gitarrist Jacob Brass auf seinem Hochstuhl daneben und hört aufmerksam zu.  Foto: M. Koob
Wenn Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“ liest, sitzt Sänger und Gitarrist Jacob Brass auf seinem Hochstuhl daneben und hört aufmerksam zu. Foto: M. Koob

Regensburg.Zu den Urszenen des europäischen Erzählens gehören jene zehn Tage im Frühjahr 1348, in der sich zehn junge Leute in ein Landhaus flüchten. Dort, abseits vom städtischen Trubel, hoffen sie darauf, Sicherheit zu finden. Denn in Florenz wütet die Pest. Und um sich die Zeit zu vertreiben, beginnen sie, einander mit selbst erfundenen Geschichten zu unterhalten.

Jetzt soll zwar weder der Teufel an die Wand gemalt, noch Corona mit dem Schwarzen Tod in einem Atemzug genannt werden – aber die Stimmung im restlos ausverkauften Zuschauer-Halbrund des Theaters bei der Auftaktveranstaltung für „Regensburg liest ein Buch“ mit Benedict Wells ist schon ein bisschen vergleichbar mit der Rahmenhandlung von Giovanni Boccaccios „Decamerone“: Auch an diesem letzten Abend vor der fünfwöchigen Schließung offenbart sich noch einmal die Kraft und auch die Gewalt, die zu Geschichten verdichtete Worte zu entfesseln vermögen.

Melancholische Geschichten erzählt

Benedict Wells, Jahrgang 1984, ist nicht nur ein fröhlicher und unterhaltsamer Kerl, sondern auch einer, der melancholische Geschichten zu erzählen weiß. Seinen vor vier Jahren bei Diogenes erschienenen Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ hat er mit einem Satz eröffnet, dem man wünscht, dass er sich als Klassiker in Leserhirnen festzusaugen vermag: „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“

Es ist die Geschichte von Jules. Der hat gerade um Haaresbreite einen Motorradunfall überlebt. Nicht nur, weil er als 40-Jähriger körperlich noch bestens in Schuss ist. Sondern vor allem deshalb, weil er im allerletzten Augenblick seinem Lenker einen rettenden Impuls gab. Und so nicht an einen Baum krachte. Sondern nun im Aufwachraum einer Klinik liegt, in dem er sein Leben stationenweise Revue passieren lässt.

Benedict Wells

  • Vita:

    Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur zog er nach Berlin und widmete sich ausschließlich dem Schreiben.

  • Roman:

    In seinem 2016 erschienenen Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt Wells die Geschichte von Jules. Behütet wächst er mit seinen beiden Geschwistern Marty und Liz auf – bis die Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen.

Wir erfahren von seiner gemeinsam mit den Geschwistern Marty und Liz durchträumten Kindheit, deren Idyll an jenem Tag abrupt endet, an dem seine Eltern bei einem Autounfall tödlich verunglücken. Es folgt die Schulzeit in einem Internat, die begleitet wird von der Freundschaft mit Alva, einer geheimnisvollen Klassenkameradin mit schiefem Schneidezahn. Dass in diesem Leben schließlich auch die Liebe Einzug hält, hat ebenfalls mit Alva zu tun.

Gewollte Fragmentierung

Aber die Qualität dieses Bestsellers und mit Preisen bedachten 350-Seiten-Romans erweist sich gerade in den Schnitten und der gewollten Fragmentierung. Und auch im blinden Vertrauen auf jenes, was nicht erzählt, sondern nur gefühlt werden kann.

Da sind beispielsweise die Platten der toten Mutter: Ihre Lieblingsmusik von den Beatles, Nick Drake oder Paolo Conte. Sie gerät zum Schmiermittel für die Erinnerung an ein, wie es an einer anderen Stelle heißt, „altes, vom Zufall zerschnittenes Leben“. Aber weil Benedict Wells auch ein freundlicher Mensch ist, hat er seinen Kumpel Jacob Brass mitgebracht: Und der haucht diesen Klängen mit zauberhafter Leichtigkeit Leben ein.

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