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Fotografie

Berlin – wie es war und ist

Die Ausstellung „Ostkreuz“ in Schwandorf geht unter die Haut. Die Bilder zeigen die Menschen aus besonderen Perspektiven.
Von Michaela Schabel

Stephanie Steinkopf vor einem ihrer Fotos aus der Serie „Manhattan“|  Foto: Georg Wendt/dpa
Stephanie Steinkopf vor einem ihrer Fotos aus der Serie „Manhattan“| Foto: Georg Wendt/dpa

Schwandorf.Mit der Ausstellung „Ostkreuz“ ist dem Oberpfälzer Künstlerhaus ein besonderer Coup gelungen. Sechs Mitglieder der renommierten Agentur der Fotografen „Ostkreuz“ zeigen ihre Version von Berlin – 30 Jahre nach dem Mauerfall. Die Fotografie-Serien gehen unter die Haut. Der unverstellte Blick auf die DDR vor der Wende und die Entwicklungen danach machen nachdenklich.

Harald Hauswald fing schon zu DDR-Zeiten sehr kritische Momente in seiner Serie „Alltag“ ein. Ein Liebespaar wirkt auf dem Parkplatz zwischen in der Sonne glitzernden Einheitstrabis ungewohnt individuell und lässt Zukunftsträume assoziieren. Die ersten Punks treffen sich. FDJler retten sich samt ihren Fahnen 1987 bei den Paraden zum 1. Mai vor dem Regen. Diese „Fahnenflucht“ ist schon richtungsweisend, genauso wie die Blicke der Ostberliner Richtung Brandenburger Tor. Elegante Limousinen vor der Parole „Es lebe der Marxismus-Leninismus“ sind dann schon blanke Parodie und waren Hauswalds heimlich in den Westen übersandte Botschaften.

Sibylle Bergemann dokumentiert in ihrer Serie „Clärchens Ballhaus“, wie man sich zu DDR-Zeiten ganz westlich amüsieren konnte, weil die Westberliner ihre Devisen großzügig ausgaben und die Damen spendable Kavaliere fanden, beobachtet von uniformierte Präsenz.

Gefoltert und gedemütigt

Thomas Meyer gibt in seinem zwölfteiligen Zyklus „Inside Stasi“ Einblick in einstige DDR-Überwachungsbehörden, unter anderem in das Berliner Gefängnis Hohenschönhausen. Hier wurden Gefangene inhaftiert, ohne dass sie wussten, wo sie waren. Völlig abgeschnitten von menschlichen Kontakten – nicht einmal ein Trittschall war zu hören –, wurden die Inhaftierten psychisch gefoltert. Gerade durch die Scheinfassade äußerer Ordentlichkeit der Räume und ihre gespenstische Verlassenheit wird die ungeheure Rigorosität und Brutalität der Stasi spürbar.

„Umbrüche“ durch den Mauerfall zeigt Maurice Weiss. Er lenkt den Blick auf verschiedene Facetten politischer Ereignisse, wobei er durch die Motive die Stimmung in der Bevölkerung wie kleine Geschichten präsentiert. 1991 zeigte er das Reichstagsgelände noch als desolaten Abenteuerspielplatz.

Die Fotoagentur

  • Entstehung:

    1990 haben sieben Ostberliner Fotografinnen und Fotografen die Fotoagentur „Ostkreuz“ gegründet. Darunter waren Sibylle Bergemann und Harald Hausmann, bereits zu DDR-Zeiten sehr anerkannte Fotografen. Inzwischen gehören 22 Mitglieder zwischen 23 und 65 Jahren dazu.

  • Intention:

    Ihr Ziel ist es, die Wirklichkeit facettenreich, engagiert und kritisch wiederzugeben – vom verzweifelten alten Mann in seiner versifften Behausung bis zu den chillenden Jugendlichen.

Das Elend der Menschen in Berlin nach der Wende interessiert Stephanie Steinkopf. In ihrer Serie „Manhattan. Straße der Jugend“ spürte sie der Tristesse der Armut in den Plattenbausiedlungen nach, den Demütigungen derer, denen gar nichts mehr blieb, nicht einmal die eigene Würde. Ganz in sich gekehrt fotografiert Steinkopf diese Menschen, was nur möglich war, weil sie mit ihnen über einen längeren Zeitraum zusammen lebte. Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder in desolaten Zimmern blicken mit leeren Augen in die Ferne oder zu Boden, völlig ohne Perspektive. Jugendliche stehen sich gegenüber und lassen unterschiedlichste Beziehungen assoziieren, von der Unfähigkeit zu kommunizieren bis zur Käuflichkeit der Liebe.

Schattenseiten der Entwicklung

Allein Jörg Brüggemann fokussiert in seiner Serie „Berlin“ auf die heutige Metropole mit ihren Hotspots auf der Museumsinsel, bei den Gedenkstätten entlang der Bernauer Straße, auf dem Tempelhofgelände. Sein Blick auf die Berliner und Touristen im städtischen Umfeld zeigt die Schattenseiten globaler Entwicklungen. Ohne Quadriga nur als Säulenarkade wird das Brandenburger Tor ein nichtssagender Allerweltsort, ein Platz zum Chillen – mehr nicht. Der Berliner Fernsehturm ist durch das Geäst der Gartenanlagen vor der Nationalgalerie noch etwas zu sehen – ein bedeutungsloses Relikt aus vergangenen Zeiten. Die Touristen mit Müllwesten als Erkennungszeichen geben die jetzige Richtung vor.

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