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Kultur
Sonntag, 17. Juni 2018 25° 6

Tradition

Berlinale: Filmfestival mit „Wau-Effekt“

Mit Jeff Goldblum und Helen Mirren kamen große Hollywoodstars schon zu Beginn. Politische Themen waren erstmal außen vor.
Von Angela Sonntag

Seit Donnerstag läuft die Berlinale zum 68. Mal. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Seit Donnerstag läuft die Berlinale zum 68. Mal. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Berlin.Was ist nur mit dem besten Freund des Menschen passiert? Einst waren Chief, Boss, Duke, Rex und King Chef-Maskottchen, saßen regelmäßig im Hundesalon und zu Fressen gab es T-Bone-Steaks. Aber der hundehassende Bürgermeister der Stadt Megasaki hat alle Köter verbannt. Auf die Insel Trash Island, eine Mülldeponie vor der Stadt. Dort fristen die Hunde jetzt ihrem Dasein. Ihre Felle sind verzottelt, ihr Blick ist getrübt, die Pfoten sind lahm und sie müssen ständig niesen. Die höchste Freude ist ein abgenagter Fischkopf, der sich hin und wieder im abgeladenen Müll findet. Der Animationsfilm „Isle of Dogs“ von Wes Anderson eröffnete die diesjährige Berlinale. Skurril, dystopisch und doch wieder witzig geht es in dem Werk des exzentrischen Regisseurs zu. Einen solchen Film, ganz ohne Schauspieler, gab es noch nicht zur Eröffnung in der Geschichte der Filmfestspiele. Das war durchaus neu und erfrischend. Ansonsten startete das drittgrößte Filmfestival nämlich relativ ruhig und unaufgeregt.

Auch die Schauspieler Bill Murray und Tilda Swinton kreuzten in Berlin auf. Foto: Ralf Hirschberger
Auch die Schauspieler Bill Murray und Tilda Swinton kreuzten in Berlin auf. Foto: Ralf Hirschberger

Im Vorfeld zur 68. Auflage der Berlinale gab es den ein oder anderen Diskussionsstoff. Mehrere Filmemacher äußerten Kritik am Festival, es sei zu eingefahren und die Auswahl der Filme wäre zu langweilig und einseitig. Die Kritik ging zwar nicht offen, aber doch merklich an Festival-Leiter Dieter Kosslick, der daraufhin ankündigte, nicht mehr so locker und mit witzigen Sprüchen durch das Filmfest zu führen, da dies die Spaßbremsen ja nicht wollten. Es ist Kosslicks wahrscheinlich vorletzte Berlinale, sein Vertrag läuft 2019 aus. Auch die „MeToo“-Debatte sollte vor dem Filmfest nicht Halt machen und so forderte beispielsweise Schauspielerin Claudia Eisinger im Vorfeld in einer Petition auf, den roten Teppich vor dem Berlinale Palast schwarz zu machen. Passiert ist das nicht. Der Teppich blieb rot. Und er war die Bühne für eine ganze Reihe großer Hollywoodstars, die am Donnerstag zur Eröffnung nach Berlin kamen.

Hollywoodstars in der Neuauflage
des „We are the World“-Videos

Tom Tykwer war Gast der Berlinale. Foto: Jens Kalaene/dpa
Tom Tykwer war Gast der Berlinale. Foto: Jens Kalaene/dpa

„Ich fühle mich ein wenig wie in der Neuauflage des ,We are the world‘-Videos. Wenn du siehst, wer hier alles sitzt, dann musst du dabei sein“, erklärte Bill Murray auf der Pressekonferenz. In der Tat hat es Regisseur und Drehbuchautor Wes Anderson geschafft, einen sehr namhaften Cast für seinen Film zu rekrutieren. Dabei taucht kein einziger der Stars in seinem Film wirklich auf. Sie leihen den Hunden nur ihre Stimme als Synchronsprecher. „Der Vorteil bei einem Animationsfilm ist, keiner kann sich mit der Ausrede entschuldigen, er habe keine Zeit. Denn Synchronisationen kann man überall aufnehmen – auch zuhause“, erklärte Wes Anderson auf die Frage, wie er so viele große Stars für sein Projekt gewinnen konnte.

Ebenfalls im Scheinwerferlicht: Greta Gerwig. Foto: Britta Pedersen/dpa
Ebenfalls im Scheinwerferlicht: Greta Gerwig. Foto: Britta Pedersen/dpa

Auch wenn sie also nur zu hören sind, kamen Bob Balaban, Bryan Cranston, Bill Murray, Jeff Goldblum, Greta Gerwig, Tilda Swanton und Liev Schreiber trotzdem nach Berlin, um den Film vorzustellen. Und das war kein Pflichtauftritt, sie hatten sichtlich Spaß. Wurde auf der Pressekonferenz Bob Balaban etwas gefragt, begannen erst einmal alle Schauspieler „Ba, Ba, Ba, Ba, Balaban“ in Anlehnung an den Beach-Boys-Klassiker „Barbara Ann“ zu singen, sogar mehrstimmig. Nur die Überstimme, was Jeff Goldblums Part sein sollte, wollte nicht so richtig funktionieren. Er lächelte es mit seinem bekannt charmanten Grinsen weg, erklärte aber danach: „Ich war richtig froh, dass ich in dem Film nicht zu sehen war, sondern nur meine Stimme zu hören ist. Oftmals drehen Regisseure stundenlang mit mir und stellen am Ende des Tages fest, dass ich nicht lächeln kann.“ Sagt es, und muss sich selbst anstrengen, nicht zu grinsen.

Model Toni Garrn marschierte in berlin über den roten Teppich. Foto: Jens Kalaene/dpa
Model Toni Garrn marschierte in berlin über den roten Teppich. Foto: Jens Kalaene/dpa

Politische Fragen blieben auch diesmal außen vor und so erzählte jeder lieber seine eigenen Hundegeschichten. Jeff Goldblums Hund hatte sich beispielsweise erst vor Kurzem den Fuß gebrochen, Bryan Cranston musste seinen leider erst begraben, möchte aber unbedingt wieder einen und Liev Schreiber erzählte von seinen beiden Hunden, die er nach dem Hurricane Harvey bei sich aufgenommen hat. Der Hunde-„Wau“-Effekt wirkte also auf ganzer Linie.

Filmfestival direkt: Buh-Rufe für Robert Pattinsons Western

Das größte Staraufkommen war somit bereits am Donnerstag. „Isle of Dogs“ kam auch als Eröffnungsfilm wunderbar an. Sowohl das Publikum als auch Kritiker feierten das in Stop-Motion gedrehte Werk überschwänglich. Weniger Glück hatte ein anderer Star mit seinem Film. Robert Pattinson – mittlerweile schon fast Dauergast auf der Berlinale – stellte am Freitag seinen Film „Damsel“ vor. Eine Westernkomödie, der es aber leider an pointiertem Witz mangelt. Die Reaktion in der ersten Vorführung kam prompt: Die Zuschauer buhten beim Abspann.

Die Berlinale ist ein Party-Marathon mit ernsten Untertönen.

So kann Filmfestival eben auch sein. Nah, direkt, emotional. Die Berlinale sieht sich als Publikumsfestival. Während in Cannes oder Venedig dem Ottonormal-Kinogänger der Zugang zu den dort gezeigten Filmen eher verwehrt bleibt, campieren in Berlin die Film-Enthusiasten vor den Ticketschaltern – im wahrsten Sinne des Wortes mit Klappstuhl und Schlafsack. Und das auch in Zeiten von Online-Ticket-Shops. Die Berlinale ist Kult und so wird sie von ihren Besuchern auch wahrgenommen. Ebenfalls schön zu sehen, dass bei einem Überangebot an Streaming-Diensten und Video-on-Demand zu jeder Tages- und Nachtzeit Kino doch für viele noch so eine Bedeutung hat.

Daniel Brühl und Felicita Rombold präsentierten sich bei der Berlinale. Foto: Britta Pedersen/dpa
Daniel Brühl und Felicita Rombold präsentierten sich bei der Berlinale. Foto: Britta Pedersen/dpa

385 Filme gibt es diesmal auf der Berlinale zu sehen. Wenn man sich 38,5 Filme pro Tag anschauen würde, hätte man in den zehn Tagen das ganze Programm durch. Drei Tage sind schon vorbei und mit den Veranstaltungen und Pressekonferenzen drumherum habe ich gerade einmal sieben Filme geschafft. Könnte also knapp werden. In jedem Fall aber zeigt das Filmfestival, dass Kino lange nicht veraltet ist. Storys von historischen Ereignissen, Kämpfen im wilden Westen oder bewegende Lebensgeschichten wollen erzählt und gesehen werden. Das Portfolio reicht von Komödie über Drama bis hin zum Thriller. Für jeden ist etwas dabei. In diesem Sinne, auf in die zweite Runde, fehlen ja nur noch 378 Filme.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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