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Bibi Fellner im richtigen Leben

Adele Neuhauser stellt im Leeren Beutel in Regensburg ihre Autobiographie vor: „Ich war mein größter Feind“
Von Florian Sendtner, MZ

Adele Neuhauser sagt: „Ich war mein größter Feind“. Im Leeren Beutel in Regensburg stellte sie ihre Autobiographie vor.Foto: Sendtner
Adele Neuhauser sagt: „Ich war mein größter Feind“. Im Leeren Beutel in Regensburg stellte sie ihre Autobiographie vor.Foto: Sendtner

Regensburg.Wer kennt das nicht: Die Autorenlesung war ganz wunderbar. Aber dann ist sie zu Ende, und es dürfen Fragen gestellt werden. Die Quälerei beginnt: Wie haben Sie das auf Seite 287 gemeint? Haben Sie das wirklich selber erlebt? Wann erscheint Ihr nächstes Buch? – Nicht bei Adele Neuhauser! Eine Stunde lang liest die Schauspielerin im seit Tagen ausverkauften Leeren Beutel konzentriert aus ihrer Autobiographie „Ich war mein größter Feind“, dann ist sie fertig, bietet höflich an, Fragen zu beantworten, fügt jedoch mit bezwingendem Charme hinzu: „Wir können aber auch gleich rübergehen und noch ein Glas trinken!“ Und, Gott sei’s gelobt, niemand hat eine Frage.

Dieses gute halbe Jahrhundert Leben, das hier gerade, auf eine Stunde verdichtet, gelesen und erzählt wurde, mit seinen unglaublichen Höhen und Tiefen, mehrere Selbstmordversuche inklusive, darf einfach so stehenbleiben, ohne durch enervierende Fanfragen auf den Teppich des Trivialen gezerrt zu werden.

Adele Neuhauser mit Schauspiel-Kollege Harald Krassnitzer: Im Wiener „Tatort“ ermittelt Neuhauser regelmäßig als schräge Kommissarin Bibi Fellner. Foto:  Herbert Neubauer, dpa
Adele Neuhauser mit Schauspiel-Kollege Harald Krassnitzer: Im Wiener „Tatort“ ermittelt Neuhauser regelmäßig als schräge Kommissarin Bibi Fellner. Foto: Herbert Neubauer, dpa

„Eigentlich“, sagt Adele Neuhauser zu Beginn, „bin ich ein Ensemblemensch.“ Aber jetzt, auf ihrer Lesetour, sitze sie seit Wochen einsam in Garderoben hinter irgendwelchen Bühnen, „und ich komm mir vor wie im Kloster!“. Aber in dem Moment, in dem sie das sagt, liegt ihr das Publikum schon zu Füßen. Was ja seit 20 Jahren der Fall ist, seit Michael Bleiziffer 1997 Adele Neuhauser als Mephisto besetzte – vermutlich der genialste Regensburger Regieeinfall im 20. Jahrhundert. Denn Adele Neuhauser machte schlagartig klar, dass die eigentlich interessante Figur im „Faust“ der Mephisto ist. Fast 100 Mal wurde die Inszenierung gespielt. Es gibt Leute, die sie drei, vier Mal gesehen haben, weil sie sich nicht sattsehen konnten an dieser hohen Kunst der Sophistik.

Im Interview mit MZ-Autor Harald Raab erinnert sich Adele Neuhauser an ihre Regensburger Zeit: „Ich wurde hier auf Händen getragen.“

Jetzt, im Leeren Beutel, auf Einladung der Buchhandlung Dombrowsky, erwähnt die Schauspielerin den „Faust“ nicht mal, berichtet in erster Linie von ihrem spannungsgeladenen Leben, von den manchmal seltsamen Überschneidungen von Schauspielerei und Privatleben und vom Tod, mit dem sie in den letzten Jahren viel zu tun hatte.

Einen Tag, nachdem sie mit ihrer Mutter ein langes Gespräch hatte, fand sie sie tot auf dem Boden liegen. Bibi Fellner steht vor einer Leiche – genau die Situation, in die die Tatort-Kommissarin, die sie seit sieben Jahren spielt („Ich war von der Figur von Anfang an begeistert!“) in jeder Folge kommt. Nur dass sie jetzt nicht Bibi Fellner war, sondern Adele Neuhauser, und die Tote wirklich tot und ihre Mutter war. Nein, sagt Adele Neuhauser, „man kann dass echte Leben nur bedingt proben!“. Und dann, als die Leiche abgeholt wird, sagt einer der Bahrenträger: „Sie wissen schon, Frau Neuhauser, dass wir schon mal einen Tatort miteinander gedreht haben!“

MZ-Autor Harald Raab hat die Autobiographie „Ich war mein größter Feind“ besprochen: hier die Rezension

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