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Kunst

Bilder, in denen man ertrinken kann

Exquisit: Die gerade eröffnete Ausstellung „à la ligne“ mit Werken von Astrid Schröder und Stefan Bircheneder in der Regensburger Galerie ArtAffair.
Von Helmut Hein, MZ

  • Astrid Schröder in der Ausstellung „à la ligne“ bei ArtAffair: Sie setzt Strich an Strich an Strich an Strich an Strich... Fotos: altrofoto.de
  • Stefan Bircheneder vor seiner Arbeit „Grenzgelb“ in der Galerie ArtAffair Foto: altrofoto.de

Regensburg.Gibt es eine Gemeinsamkeit der beiden Künstler dieser Ausstellung bei ArtAffair, jenseits der unbestreitbaren handwerklichen Perfektion? Ja, die Zeit. Die durch die Intensität der Arbeit gebundene, stillgestellte Zeit.

Astrid Schröder ist eine Mysterikerin, eine Virtuosin der profanen Erleuchtung. Sie setzt Strich an Strich, in fast endloser Dauer. Das ist ein Exerzitium, eine Prüfung, eine Meditation. Sie kommt dem nahe, was Meister Eckhart erstrebte: „Leer werden von allem Leeren.“ Oder, in der radikalisierten Version: „Leer werden von allem.“

Vom Ich-Kult ästhetischer Expressivität ist Astrid Schröder denkbar weit entfernt. Denkbar? In ihren Bildern kommt das Denken an ein Ende. Es hört mit einem Mal auf. Schönheit heißt hier: Es gibt keine Geschichten mehr. Die Launen des Schicksals spielen keine Rolle mehr. Natürlich kann man Theorien bilden über dieses Strich- und Strichel-Universum, dieses Reich der reduziertesten Zeichen. Aber damit verfehlt man das Wesentliche: die Ruhe, das Einssein. Eine Identität, die nichts mehr von sich wissen will, die mit der Differenz, der Abwesenheit von allem zusammenfällt.

Astrid Schröders Bilder beruhigen. Wenn man sie anschaut, ist manches nicht mehr möglich. Anderes scheint überflüssig oder lächerlich. Die riesige Arbeit im Regensburger Schwurgerichtssaal hat vermutlich schon viele Prozessteilnehmer besänftigt. Spendet ihre Kunst Trost? Nein. Aber sie rückt das Unpassende zurecht.

Die Zeit, die verstreicht, ist Gewinn

Stefan Bircheneder hat als Kirchenmaler begonnen. Diesen Anfängen verdankt er die handwerkliche Akkuratesse. Aber auch den Schimmer des Sakralen, der auf dem Grund seiner ganz und gar irdischen Arbeiten spürbar bleibt. Bircheneder hat es nicht eilig. Die Zeit, die verstreicht, während er arbeitet, ist nicht Verlust, sondern Gewinn. Bei Astrid Schröder gibt es den Moment, wo die Subjektivität sich in der puren Wiederholung auflöst. Bei Bircheneder geht sie in den Gegenständen, die er malt, unter. Ein ähnlicher Vorgang. Die flüchtige Zeit gerinnt im Raum, in der Fläche.

Unübertroffen in seiner Radikalität und Reinheit findet Astrid Schröder das Lebensprojekt des Malers Roman Opalka, der über Jahrzehnte die unendliche Zahlenfolge auf Leinwänden platzierte. Und zwar so, dass die Ziffern immer mehr im Grundweiß der Bilder untergingen. Ein Auflösungsprozess, dessen Ende er nicht mehr erlebte. Das Zeitvergehen, das Altern dokumentierten unterdessen die in ihrer Anlage immer gleichen Porträt-Fotos des Künstlers am Rand der Leinwände.

Astrid Schröder ist ähnlich radikal. Wenn man einmal von ihrer impressionistischen Phase absieht, die sie inzwischen selbst für „Irrtum“ hält. Verglichen mit Schröder wirkt Bircheneder auf den ersten Blick wie ein Realist. Schon in seinem Verfahren. Er beschäftigt sich mit Industriebrachen, fotografiert Details, vergegenwärtigt sie sich und übersetzt sie in Malerei. Jedes Bild gibt es bei ihm gleichsam viermal. Als Realitäts-Fragment, als Foto-Dokument, als Erinnerung und Vorstellung – und auf der Leinwand.

Wenn er anfängt zu malen, weiß er genau, wo er hin will. Bei Astrid Schröder ist alles offen. Erst während des Malens entsteht das Bild. Es gibt kein Vor-Bild. Weder in der Realität, noch in ihrem Inneren. Bircheneder fasziniert der Verfall. Es dauert lange, bis Beton bröckelt. Wenn man mit dem ästhetischen Prozess seiner Malerei vertrauter wird, begreift man, was ihn da fasziniert. Die Zeit, die vergeht – und die als vergehende doch noch da ist. Was mit den Gegenständen geschieht entspricht dem, was mit ihm geschieht, während er sie darstellt.

Der Himmel in heiligem Blau

Bircheneders Bilder lassen einen schwindeln. Weil so viel Zeit, als vergehende und vergangene, in ihnen „gespeichert“ ist. Und weil die Perspektiven, die er wählt, unheimlich sind. Man sieht frontal von oben auf die kleine Welt, die er zeigt. Man meint zu stürzen. Man spürt den Sog. Aber die Stimmen, die diese Bilder begleiten, widersprechen sich. Sieht man, was man sieht, ganz nah. Oder, in einer paradoxen Formel des Filmemachers Wim Wenders, aus weiter Ferne, ganz nah. Im ersten Fall kann man beruhigt sein, im zweiten ist man voller Unruhe: Vor dem Fall.

Es gibt aber auch Bilder, die es direkt mit Himmel und Hölle zu tun haben. Etwa „Grenzgelb 11“, riesig (2,10 x 1,20 Meter), auf den ersten Blick eine äußerst profane Szene. Eine Eckansicht vor „Tor 2“ mit dem sprechenden Verbotsschild „Zutritt für Unbefugte verboten“. Aber bei genauerem Hinsehen kann man ein Kreuz auf dem Boden entdecken. Und das Blau im Hintergrund ist Lapislazuli, die rarste, die heiligste Farbe des Mittelalters.

Die Ausstellung ist bis 1. März in der Galerie ArtAffair (Neue Waaggasse 2) in Regensburg zu sehen.

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