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Ausstellung

Bilder lassen Fronten verschwinden

Adidal Abou-Chamat geht es in ihrer Arbeit um Körper, Kulturen und Klischees.
Von Gabrielle Mayer

Adidal Abou-Chamat zeigt ihre Arbeiten.Foto: Wolfram Schmidt
Adidal Abou-Chamat zeigt ihre Arbeiten.Foto: Wolfram Schmidt

Regensburg.Was ist Identität? Macht sie uns von Anfang an zu dem, was wir sind, oder ist sie ein sozio-politisches Konstrukt – und inwieweit kann ein Individuum erwarten, ungehindert in seiner gesamten persönlichen Identität (an-)erkannt zu werden?

Adidal Abou-Chamats klare Fotos und Videos von Frauen befassen sich im Neuen Kunstverein mit diesen Spannungsverhältnissen. Porträts haben vielerlei Funktionen in der Geschichte der Bilder: etwa eine Person nach außen hin zu repräsentieren, oder ihr Wesen – oder aber nur die undurchdringliche Oberfläche zeigen zu wollen. Gesicht und Füße der Frau sieht man nicht, nur die Mitte: Jeans à la Cowboy und Accessoires à la Selbstmordattentäter. Die signalhaften Attribute befördern Klischeevorstellungen, aber in der Kombination hier verschieben, verzerren, ironisieren sie etwas und lösen die Eindeutigkeit von Zuschreibungen auf. Die Künstlerin greift den Trend einer globalisierten Zeit auf, in der Mischverhältnisse aller Art und sich intern auch widersprechende Ausrichtungen beim einzelnen Individuum vorherrschen.

Kopftuch und Nikab etwa können viele Funktionen und Bedeutungen annehmen, wie ein Video vorführt. Das alles macht den Umgang miteinander nicht einfacher, man muss genau hinschauen, sich anverwandeln, neugierig sein und sich verunsichern und verwirren lassen. In einer vielschichtigen Foto-Serie trägt eine in einen schwarzen Ganzkörperschleier gehüllte Frau rosa Ballettschuhe und nimmt Haltungen aus dem Repertoire des klassischen Balletts ein: Culture Clash oder schon Mode. Kultur – sie zeigt sich in zahllosen, divergierenden Formierungen und Zurichtungen.

Eines strahlen alle Exponate aus, und es ist der Künstlerin wichtig, damit einem Vorurteil zu entgegnen: Wer Nikab, Ganzkörperschleier oder Kopftuch trägt, ist nicht notwendigerweise unterdrückt und fremdbestimmt. Wer solche Frauen hierzulande pauschal als Unterdrückte definieren, den Schleier gerade deshalb verhindern und besser als die Trägerinnen selbst zu wissen meint, warum sie so etwas tragen, der irrt nicht nur, sondern spricht ihnen vorab auch jede eigene Selbstbestimmung ab. Es sei nicht die Aufgabe von Anderen, ihnen zu zeigen, wie alles laufen soll, sagt Abou-Chamat. Aber Selbstbestimmung in Kollision mit dem von der Mehrheit Erwarteten ist schwierig, immer und überall, und es ist ein rekursives Projekt ohne Ende. Ein Video zeigt fiktive Interviews aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt mit der Mutter einer Selbstmordattentäterin und Mutter der von dieser getöteten Frau. Es bringt die Fronten zum Verschwinden. Es akzentuiert das beidseitige Leid. Die Ausstellung fächert ihr Thema weit auf – bis 6. Oktober.

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