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Theater

Bis zum Anschlag – und darüber hinaus

„Hamlet“ in Regensburg: Katrin Plötners Inszenierung beginnt leise, endet aber in lächerlich großen Lachen von Theaterblut.
Von Claudia Bockholt, MZ

Jakob Keller spielt den jungen dänischen Prinzen Hamlet, dem Zeit und Welt aus den Fugen geraten.
Jakob Keller spielt den jungen dänischen Prinzen Hamlet, dem Zeit und Welt aus den Fugen geraten. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Im Goldenem Zeitalter unter Queen Elisabeth I. bekam man noch etwas für sein Geld rsp. die Theaterkarte: Gut sechs Stunden zog sich Hamlets Verhängnis bei der Uraufführung 1602 hin. Ein solches Textungetüm ist 400 Jahre nach Shakespeares Tod einem Publikum mit schrumpfender Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr zumutbar. Nicht einmal dann, wenn – wie bei Wagners „Tristan“ vor zwei Jahren – in der Pause Bockwurst serviert würde. So hat Regisseurin Katrin Plötner den mitunter geschwätzigen Text beherzt gekürzt und das Personal nicht weniger radikal reduziert. Doch schlank und klar konturiert ist ihr „Hamlet“ deshalb nicht. Plötner presst in ihren Prinzensohn vielmehr hinein, was irgend geht – bis er unter wüstem Geschrei und Gestöhne in Theaterblutfontänen explodiert.

Dabei hatte alles so leise begonnen: Das Bühnenbild im Velodrom zeigt nichts als eine schiefe Ebene, ein Dreieck, auf dem sich zu halten ein gewaltiger Kraftakt ist; Sinnbild auch für eine Zeit, eine Gesellschaft und Individuen, die aus den Fugen sind. „Der er et yndigt land“: Unter anschwellendem Nationalgesang bauen sich die Protagonisten wie in einer therapeutischen Familienaufstellung auf. Sogleich wird klar, wer hier alleine ist und bleibt: Hamlet. Als seine Mutter ihrem Geliebten die Krone aufsetzt, fällt er unter Böllerschüssen wie ein erlegtes Stück Wild zu Boden.

Der Wahnsinn greift um sich

Gertrude (Franziska Sörensen), Hamlets Mutter, und Claudius (Stefan Schießleder), der Bruder ihres gerade verstorbenen Mannes, halten Hochzeit – unter ihren Füßen die braune Erde, in der Hamlet gerade erst die Asche seines toten Vaters verstreut hat – und einige Gramm davon auch auf sein Haupt. Der Prinz probiert die Krone auf, doch sie rutscht ihm über die Ohren. Ein starkes symbolisches Bild für den jungen Dänen, der sich um den Thron beraubt sieht – obwohl ihm der Hermelin wahrscheinlich wirklich noch eine Nummer zu groß ist.

Die Titelrolle spielt Jakob Keller, der mit dem Kulturförderpreis des Freistaats ausgezeichnete junge Schauspieler, den Kritik und Publikum gleichermaßen lieben. Ihm liegt das Hohlwangig-Existenzialistische. Wenn er splitternackt über die Bühne läuft, ist das kreatürlich, nicht peinlich. Dramaturgisch zwingend ist es allerdings nicht.

Lesen Sie hier, wie der Familientherapeut und Kolumnist der Digitalen Sonntagszeitung, Sebastian Sonntag aus Amberg, die „Hamlet“-Premiere erlebt hat.

Der berühmte Monolog „Sein oder nicht sein“, das Präsentieren des knochenweißen Narrenschädels, all die zu Sprichwörtern geronnen Sentenzen wie „Schwachheit, dein Name ist Weib“ finden in der Regensburger Inszenierung eher beiläufig statt. Raumgreifend ist nicht der Blankvers, sondern der Wahnsinn des jungen Prinzen, dem der ermordete Vater als Geist erschienen ist. Dass seine Verrücktheit eigentlich eine Finte ist, ein Deckmäntelchen, unter dem er Rachepläne schmiedet, ist nicht zu erkennen. Hamlets Wahn scheint trotz seiner klugen Analysen des Weltzustands echt. Er dreht eben durch – kein Wunder angesichts des pubertären Gefummels seiner Mutter mit dem Mörder.

Eine entlarvende Travestie

Katrin Plötner dreht die Menschen auf bis zum Anschlag. Schon aus ihrem „Woyzeck“ schlugen Emotionen, die wie Elementargewalten alles aus dem Weg fegen. Und nackt, verletzlich, roh, brutal erleben wir auch Hamlet. Er ist weder edler Rächer noch schwaches Rädchen im Getriebe der Macht. Er manipuliert und tötet ja selbst, liefert seine ergebenen Gefährten Rosencrantz und Guildenstern (ein großartiges Gespann: Robert Hermanns und Benno Schulz) ans Messer, würgt seine kreischende, zappelnde Geliebte Ophelia in den Wahnsinn.

Rachefeldzug, Polit-Thriller, Familiendrama und zunehmend groteskes Meta-Theater: Dies und mehr ist der Regensburger „Hamlet“. Wie immer bei Plötner in fesselnd schönen, wirkmächtigen Bildern mit dramatischer Lichtregie, wie immer auch mit viel verspieltem Witz. Rosencrantz’ und Guildensterns Schauspiel, das den mörderischen Onkel entlarven soll, ist eine burleske Travestie. Der Geist des toten Vaters trägt grellrote Bäckchen und angeklebten Rauschebart, Rosencrantz Lockenperücke und BH zum Oberlippenbärtchen.

Robert Hermanns und Benno Schulz sind als Rosencrantz und Guildenstern ein herrliches Gespann. Foto: Jochen Quast
Robert Hermanns und Benno Schulz sind als Rosencrantz und Guildenstern ein herrliches Gespann. Foto: Jochen Quast

Dann aber überdreht die Regisseurin, „Hamlet“ verliert sich in überladenen Bildern und ironisch distanzierender Drastizität.

Trotz des überfrachteten Finales ist der Regensburger „Hamlet“ ein sehenswertes Schauspiel. Das Ensemble zeigt einmal mehr ein geschlossen glänzende Leistung. Als hervorragende Wahl erweisen sich die neu hinzugestoßenen Schauspieler Stefan Schießleder als Claudius und vor allem Verena Maria Bauer, die für ihre sehr präsente und facettenreiche Ophelia einen guten Teil des großen Schlussapplauses abbekam.

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