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Blick auf den Mythos Erde

Perry Rhodan, die weltgrößte Science-Fiction-Serie, ist bei Band 3000 angelangt. Einen Straubinger fürchteten die Autoren.
Von Helmut Hein

Am 8. September 1961 erschien der erste Heftroman über den Weltraumhelden Perry Rhodan. Am Freitag geht Band 3000 über die Ladentische. Foto: WeltCon/dpa
Am 8. September 1961 erschien der erste Heftroman über den Weltraumhelden Perry Rhodan. Am Freitag geht Band 3000 über die Ladentische. Foto: WeltCon/dpa

Regensburg.Vor kurzem war in einem Deutschlandfunk-Beitrag davon die Rede, dass es in der Wikipedia allein zum Themenkreis Islam/Islamismus 6000 meist zuverlässige Artikel gebe. Wer daraus den Schluss zieht, dieses gern zu Rate gezogene Internet-Lexikon sei nicht nur ein bemerkenswertes, sondern ein beispielloses Zeugnis des Wirkens der sogenannten Schwarmintelligenz, der kennt vermutlich die „Perrypedia“ nicht. Die hat zwar nur einen einzigen Gegenstand, nämlich die weite Welt des Perryversums, also Völker und Personen, Ereignisse, Zusammenhänge und Intrigen, wie sie in mehr als einem halben Jahrhundert in rund 5000 (!) Heften und Büchern Gestalt angenommen haben. Diese Lexikon-Einträge sind aber meist noch umfassender und detaillierter, oft auch in der Analyse scharfsinniger und „tiefer“, als aus Wikipedia gewohnt.

Perry Rhodan, dessen Karriere im Herbst 1961 als gern geschmähtes „Schundheft“ begann, hat sich zu einem grandiosen Epos der zukünftigen Menschheit entwickelt, das seine kundigen Leser überall findet: in Parlamenten, Zeitungsredaktionen und Universitäten – auch in Frankreich und den USA, in Brasilien und Japan und zahllosen weiteren Ländern.

Zahlreiche Autoren am Werk

Perry Rhodan, die „größte Science-Fiction-Serie“, wie es im Cover-Untertitel zutreffend heißt, ist längst zu einem globalen Phänomen geworden. Es wird in eigens eingerichteten Stammtischen genauso diskutiert wie bei sogenannten „Cons“ – Treffen, an denen gern auch Autoren teilnehmen –, in Fanzines und Internet-Blogs. Und die selbstlose Kärrner-Arbeit an der „Perrypedia“ gehört mittlerweile wie selbstverständlich dazu.

Aber warum 5000 Bände, wo doch am 15. Februar erst Perry Rhodan Band 3000 ansteht? Weil zum Perryversum längst eine Vielzahl von „Spin Offs“ und Sub-Serien gehören. Allein „Atlan“ – der weißhaarige Arkonide ist Perrys bester Freund: eine Art Winnetou des Perryversums – brachte es auf 850 Bände. Es gab eine Taschenbuchreihe mit annähernd 500 Bänden, die einzelne Aspekte dieser Zukunftswelt genauer beleuchteten. Seit dem 50-Jahres-Jubiläum im Herbst 2011 wird in „Perry Rhodan Neo“ die Geschichte der Serie noch einmal neu und überraschend anders geschrieben, es gibt zwölfbändige Mini-Serien und und und.

„Perry Rhodan hat sich zu einem grandiosen Epos der zukünftigen Menschheit entwickelt.“

Und was wird erzählt? Die mögliche Geschichte einer künftigen Welt, wobei sich in den einzelnen Romanen durchaus der jeweilige Zeitgeist widerspiegelt. Man hat also eine Zukunftswelt vor sich – und zugleich die verdichtete Geschichte der jüngsten Vergangenheit. Wie bei allen großen Menschheits-Epen gibt es nicht nur einen Autor, sondern mittlerweile Dutzende. Die Schreibenden der ersten Generation sind längst alle tot und haben einen mythischen Status in der Fan-Szene erlangt. Mittlerweile ist, je nach Zählweise, die vierte oder fünfte Autorengeneration am Werk, zehn in der Haupt-Serie, die unter Anleitung strikter „Expos“, die von Wim Vandemaan und Christian Montillon verfasst werden, ihr Werk tun. Eine Redaktion und zahlreiche freie Mitarbeiter wachen darüber, dass es möglichst nicht zu Logik- oder sonstigen Fehlern kommt. PR-Leser sind da empfindlich.

Zahlen und Fakten

  • Wissenswertes:

    Im digitalen Nachschlagewerk „Perrypedia“ finden Fans seit 2004 jede Menge Infos über Zyklen, Handlung, Autoren und Perry Rhodan selbst. Rund 3,7 Millionen Mal wird die Seite dem Mitbegründer und Rhodan-Experte Nils Hirseland zufolge monatlich aufgerufen.

  • Erfolg:

    Nach Verlagsangaben ist „Perry Rhodan“ der größte Roman-Kosmos der Welt. Mindestens eine Milliarde Romane wurden seit 1961 weltweit verkauft. Zusammen würden sie 100 000 Tonnen wiegen und aufeinandergestapelt rund 500 Kilometer in den Weltraum emporragen.

  • Zeitsprung:

    Mit Band 3000 wird ein neuer Handlungsabschnitt namens „Mythos“ eingeläutet – 41 solcher Zyklen, die meist etwa 100 Bände lang dauern, gab es schon. Aber vor allem findet ein großer Zeitsprung statt, der Perry Rhodan weiter denn je in die Zukunft

Wie bei den anderen unerschöpflichen Epen auch, werden in PR alle großen Themen und Thesen der Menschheitsgeschichte verhandelt. Der Leser erhält also en passant mehr als nur einen Grundkurs in Mythologie, Philosophie- und Religionsgeschichte.

Und natürlich werden die Einsichten der diversen Wissenschaften ingeniös fortgesponnen. Wer nun meint, dabei könne es sich ja wohl nur um haltlose Fantastereien halten, der muss erkennen, dass die Prognosen aus dem Perryversum oft erstaunlich treffsicher waren.

Die „Fiktivbildschirme“

Nur ein Beispiel: Im Band eins der Serie, „Unternehmen Stardust“ (1961), entdecken der damalige US-Astronaut Perry Rhodan und seine drei Gefährten bei der ersten Mondlandung ein havariertes Raumschiff der Arkoniden, das „tot“ ist, weil die Besatzung aus diesem eben noch dominierenden Volk der Milchstraße, mit wenigen Ausnahmen, völlig dekadent und handlungsunfähig ist. Was tun sie den ganzen langen Tag? Sie sitzen vor „Fiktivbildschirmen“ und geben sich, leicht interaktiv, dem hin, was ihnen da geboten wird. Mit heutigen Worten: Sie beschäftigen sich mit Video-Spielen, die ihnen aufregender scheinen als die Realität. Nach jüngsten Untersuchungen verbringt der durchschnittliche Jungerwachsene dieser Tage 56 Stunden in der Woche vor einem solchen Fiktivbildschirm.

Und wovon handelt nun Band 3000? Das ist ein Geheimnis, das bis zum letzten Tag erfolgreich gehütet wurde. Aber am 15. Februar wissen wir mehr. Der schon bekannte Titel des Romans, „Mythos Erde“, lässt freilich Übles ahnen.

Das Herz der Perry-Rhodan-Serie aber schlug lange Zeit in Straubing. Dort saß in einem kleinen Einfamilienhaus Günter M. Schelwokat, der Chef-Lektor der Serie – und von seinen Autoren gefürchtet wie nichts sonst auf der Welt. Wenn man ihn besuchte, öffnete einem ein freundlich-sanfter, wenn auch leicht misstrauischer Herr die Tür. Dieser äußerst zivile Herr Schelwokat aber konnte sich in einen „Quälix“ verwandeln, wenn er mit Kommafehlern, schwächelnder Syntax, mangelhafter Orthografie oder gar logischen Widersprüchen konfrontiert war. Günter M. Schelwohat, eine Art Karl Kraus des Perryversums, der wie sein Wiener Vorläufer mit einem gewissen Recht davon ausging, dass alles Böse und alles Elend der Welt mit schludrigem Sprechen und Schreiben beginnt.

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