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Aufführung

Blumenthals beabsichtigtes Unwohlsein

Die Regie verschafft Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ Wirkung. Das Stück spielt in der Regensburger Neupfarrkirche.
Von Veronika Lintner, MZ

Das Stück ist ein Prüfsteibn für die jungen Dasrsteller. Foto: Lintner
Das Stück ist ein Prüfsteibn für die jungen Dasrsteller. Foto: Lintner

Regensburg.„Welches Land können betreten wir? Keins. Betreten stehn wir herum.“ So tönt der einhellige Sprechchor am Mittwoch zwischen den Säulen der Regensburger Neupfarrkirche. Und diese Worte hängen schwer in der Luft. Das, was sich hier im Seitenschiff der evangelischen Kirche darbietet, ist eine der ältesten und jüngsten Tragödien zugleich. Sieben Schauspielerinnen und Schauspieler erzählen hier eine Geschichte von Schutzsuchenden, von Heimatlosen und Geflohenen.

„Die Schutzbefohlenen“, so heißt das Werk von Elfriede Jelinek, das die Abschlussklasse der Akademie für Darstellende Kunst Bayern darbietet. Ein Werk von jelinekscher Brisanz haben die jungen Schüler zum Prüfungsstück gewählt. Denn die Österreicherin weiß mit ihrer Textkunst stets zu provozieren und den Finger in die Wunde zu legen.

„Die Schutzflehenden“ als Vorlage

So entwarf die Nobelpreisträgerin 2013 einen Text, der die humanitäre Misere der europäischen Asylpolitik anvisiert. Die älteste überlieferte Tragödie der Antike, Ayschilos „Die Schutzflehenden“, diente als Vorlage. Doch der neue Titel – „Die Schutzbefohlenen“ – rückt vor allem die moralische Verantwortung des wohlhabenden Europas in den Fokus. So spielt der Text auf das größte Bootsunglück vor Lampedusa an, bei dem 2012 fast 400 Flüchtlinge starben. Und auf die Geschichte jener Geflohenen, die 2013 Zuflucht in der Wiener Votivkirche suchten, um sich Gehör zu verschaffen.

In der Regensburger Neupfarrkirche verdichten sich nun diese Stränge. Zwischen Kirchenbank, Taufbecken und Rundbogen erstreckt sich das Spiel. Kaum mehr als 30 Zuschauer finden hier Platz. Und in diesen spärlichen, schmalen Seitenraum werden die sieben Schutzbefohlenen geworfen. Das steinerne Taufbecken, das Auge der Handlung, spuckt sie förmlich aus. Gleich zu Beginn legen sie ihre Kleidung ab, bis sie in Bandagen und im zerschlissenen Unterkleid dastehen. Und dann erzählen die Schutzbefohlenen Geschichten des Leids, vom Ertrinken, vom Ersticken und von Enthauptungen. Erbarmungslos werden hier alle Todesarten der Flucht durchdekliniert. Dieser Klage entspringt ein Refrain, der sich in das Gedächtnis brennt: „Alle tot“.

Prüfstein für die jungen Darsteller

Keine Frage: Dieses Werk ist ein Prüfstein für die jungen Darsteller, im Monolog und im vereinnahmenden Chor. Diesen gewaltigen Text meistern die Jungdarsteller jedoch mit erstaunlicher Präzision und Präsenz. Ihre Blicke richten sie eindringlich und direkt in das Publikum, sodass die Intimität des Moments zu einem dringlichen Erlebnis wird. Da wird es unbequem, im besten Sinne.

Diese Wirkkraft ist vor allem auch Regisseur Michael Blumenthal zu verdanken. Jelineks Vorlage ist ein massiver, atemloser Textblock ohne Akte, Monologe, Dialoge. Aus diesem Wortmonument hat Blumenthal eine Dramaturgie geschnitzt. Die Inszenierung folgt den Fasern, der Textur des Textes, sodass aus Jelineks Polyphonie einzelne Stimmen isoliert werden. Und die Worte verklingen in bitteren Tönen.

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