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Bösewicht? Nicht mit Bülent Ceylan

Der Mannheimer Komiker ist in „Verpiss dich, Schneewittchen“ erstmals im Kino zusehen – und spielt dabei auch sich selbst.
Von André Wesche

Bülent Ceylan arbeitet in vielen Bereichen – nun drehte er seinen ersten Kinofilm. Foto: Uwe Anspach/dpa

Regensburg.Herr Ceylan, in Ihrem Film wird die ultimative Einbürgerungsfrage gestellt: „Wie lautet Angela Merkels zweiter Vorname?“ Wie kamen Sie auf diese Idee?

Mein Opa – und das ist kein Witz – hieß Heinrich Merkel. Und meine Mutter ist eine geborene Raute. Damit arbeite ich in meinem neuen Programm und es passte natürlich auch perfekt in den Kinofilm. Der Trailer zum Film läuft vor meinem Auftritt und dieser Gag ist dabei. Er ist ein riesen Lacher. Das liegt natürlich auch an Tom Gerhardt, der das super spielt. Ich habe den zweiten Vornamen in Wikipedia gefunden, solche Sachen interessieren mich. Ich informiere mich auch über jede Person, die mich interviewt. Auf Google kriege ich dann irgendein Bild und ich sehe, was dieser Mensch schon so alles gemacht hat. Für mich ist jede Person wichtig, egal, ob es Angela Merkel oder der Kabelträger ist. Meine Eltern haben mich immer dazu erzogen, Menschen so zu behandeln, wie ich selbst gern behandelt werden möchte.

In einer großen Filmcrew war es sicher schwer, jeden zu kennen.

Ja. Ich habe ein Namensproblem. Gesichter kann ich mir unheimlich gut merken. Bei einer so großen Crew wird es natürlich schwierig. Ich gehe auf jeden zu und sage, dass bei mir Harmonie herrscht. Natürlich ist in den 35 Tagen des Drehs der eine mal müde und der andere gestresst. Aber irgendwie kriegt man es immer hin. Bei uns sagt man „Wie der Herr, so das Gescherr“. Wenn es mein Kinofilm ist und ich bin scheiße zu den Leuten, dann sind die doch auch nicht gut drauf. Die Harmonie, die Energie muss stimmen. Zur Not kann man immer noch unter vier Augen in einem guten Ton miteinander reden.

Wenn deutsche Komiker Kinofilme gemacht haben, feierten die einen große Erfolge, während die anderen floppten. Haben Sie das analysiert?

Otto hat sehr erfolgreiche Filme gemacht. Otto ist Otto, weil er so ist, wie er ist. Natürlich war es auch eine andere Zeit. Aber Otto hat auch in neueren Filmen immer Dinge aufgegriffen, die die Leute ansprechen. Bully hat als Comedian richtige Filme gemacht, die eine Geschichte erzählen. Das halte ich für sehr wichtig. Natürlich tauchen im Film Elemente aus meinen Programmen auf, die der Fan kennt. Die Fans freuen sich, aber wenn man mich nicht kennt, schadet es dem Film nicht. Ich habe auch von amerikanischen Kollegen gelernt. Wenn die einen Film machen, ist das auch kein mitgeschnittenes Stand-Up-Programm, es wird eine richtige Story erzählt. Da dürfen auch die anderen Gags beisteuern. Teamarbeit war mir wichtig. Und durch einen Schauspielcoach habe ich gelernt, dass vor der Kamera weniger oft mehr ist.

Erfahren Sie in unserer Bilderstrecke mehr über Bülent Ceylan:

Der Comedian Bülent Ceylan

Trägt Sammy in seinem Bestreben, Popularität zu erreichen, auch autobiografische Züge?

Ja. Wenn jemand wie ich zum ersten Mal einen Kinofilm macht, wäre es blödsinnig gewesen, eine völlig andere und neue Rolle zu spielen. Ich konnte jetzt nicht als der Bösewicht auftreten. Die erste Filmrolle ist an einen selbst angelehnt und daran, was der Fan von dir erwartet. Er will mich nicht als jemanden sehen, der die Leute fertigmacht. Meine Figuren werden als sympathisch wahrgenommen, wenn ich auf das Feedback vertrauen darf, das ich bekomme. Sammy ist erst mal ein Loser, dem man die Karriere als Rockstar nicht zutraut. Er kann etwas, weiß aber nicht, wie er es nutzen muss. Ich selbst habe auch zehn Jahre gebraucht, um den Durchbruch zu schaffen. Damals gab es kein YouTube und kein Facebook. Heute mache ich das zwanzig Jahre und bin immer noch gut dabei.

Seit Ende der 90er auf der Bühne

  • Bülent Ceylan

    wurde am 4. Januar 1976 in Mannheim geboren. Seit Ende der Neunziger Jahre tritt er als Comedian auf. Für seine Arbeit wurde der Komiker bereits unter anderem mit dem Bielefelder Kabarettpreis, dem Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg, dem Deutscher Comedypreis als bester Newcomer sowie dem Bambi in der Kategorie Comedy ausgezeichnet.

  • In seinen Programmen

    nimmt Ceylan in verschiedenen Rollen vor allem die Marotten von Deutschtürken und Mannheimern aufs Korn. In „Verpiss dich, Schneewittchen“ spielt der 42-Jährige Sammy, den Angestellten eines türkischen Dampfbades, der von einer Karriere als Rockstar träumt. Sein Ziel scheint in greifbare Nähe zu rücken, als er in die Endauswahl einer Casting-Show kommt.

Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Ich glaube, das liegt daran, dass ich die alte Schule hinter mir habe. Vor zwanzig Leuten in einem Saal für Sechshundert zu spielen, ist einfach hart. Vor allem, wenn dann noch Sitzplätze reserviert sind. Der Deutsche ist ja so, dass er sich auch in einer leeren Halle auf Platz 476 setzt, wenn er ihn reserviert hat. Diese harte Schule weckt einen Ehrgeiz, den ich im Film ein bisschen herauslasse. Der Film handelt davon, dass man niemals aufgeben sollte, wenn man einen Traum hat. Er dreht sich um Freundschaft und darum, dass jemand die Seite wechseln kann. Auch ein Typ, den man fast schon als Nazi einordnen könnte, kann wechseln, wenn er merkt, dass es mit uns Kanaken ganz cool sein kann. Integration und Multikulti hat schöne Seiten. In den Nachrichten erfährt man nur, wenn sich ein Flüchtling etwas zuschulden kommen lässt. Dass es das gibt, ist ein Fakt und es ist zum Kotzen. Das ist ein No go, egal, welcher Nationalität ein Täter ist. Auch ein Deutscher, der eine Frau dumm anmacht, könnte abgeschoben werden. Nur wohin? Nach Holland?

Im Film teilen Sie augenzwinkernd nach allen Seiten aus.

Bülent Ceylan (hier mit Sabrina Setlur) spielt in „Verpiss dich, Schneewittchen!“ den Rockmusiker Sammy Foto: Bernd Spauke/Constantin Film Verleih GmbH/dpa

Ja. Ich stelle zum Beispiel einen älteren Deutschen im Hamam ein. Dann kommen die ganzen Türken rein und gucken ihn schief von der Seite an. Was will der da? Das ist ja auch diskriminierend. Sie sind genauso schlimm wie die Deutschen. Und dann merken die, dass der Typ etwas kann. Vielleicht ist der ja gar nicht so falsch. Es ist ein Zusammenspiel von Vorurteilen auf beiden Seiten, ganz wie im wahren Leben. Natürlich gibt es auch unter den Ausländern viele Rassisten. Und selbst unter den Ausländern gibt es Abstufungen: „Was, der ist Albaner?“. Wie weit geht das eigentlich noch? Man muss dem Menschen als Individuum immer eine Chance geben. In unserer Gesellschaft wird viel zu schnell pauschalisiert.

Waren Sie selbst schon einmal das Ziel von Anfeindungen?

Wenn ich etwas gegen Nazis sage, kommt etwas aus dieser Ecke zurück. Aber auch wenn ich etwas gegen Erdogan sage, gibt es Reaktionen. Mir ist es immer wichtig, nicht unter die Gürtellinie zu gehen. Aber jeder sollte seine Meinung haben und keine Angst haben müssen, egal, gegen welche Seite man schimpft. Wenn man in Deutschland Angst haben müsste, wenn man Kritik ausübt – wo wären wir dann?

Sind Sie schon einmal als „Schneewittchen“ beschimpft worden?

Nein. Ich bin schon mal als „Du Türk!“ beschimpft worden. Das war anscheinend als Schimpfwort gedacht. Wobei „Du Türk“ an sich erstmal nicht falsch ist. Wenn ich jedes Wort rumdrehen würde, müsste ich nur noch beim Anwalt sitzen. Im Internet schreibt jeder, was ihm in den Kopf kommt und man weiß gar nicht mehr, von wem das stammt. In meinem Live-Programm sage ich ja auch: „Es gibt alles: Facebook, Twitter. Aber kennt Ihr auch Brief? Brief ist der Hammer!“.

Sie brechen gern die Lanze für Heavy Metal. Im Film frönen Sie eher dem Pop-Rock. Warum?

Es ist ja ein Comedy-Film und kein Metal-Film. Sammy ist natürlich ein Rocker und er lebt das auch. Aber wenn ich jetzt etwas „Sepultura“-mäßiges abgezogen hätten, hätten die meisten Leute wohl schon gesagt, komm’ wir gehen. Man muss die Leute langsam ranführen, damit sie überhaupt mal wieder Rockmusik hören. Der Film soll das Publikum zum Lachen bringen. Dass Sammy Rockstar werden möchte, war für mich eigentlich Nebensache. Mir ging es darum, wie er dieses Ziel erreicht und auf welche Hindernisse er stößt. Ob er selbst Metaller ist, war nicht so wichtig. Auch wenn ich selbst diese Musik liebe.

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