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Konzert

Boldoczkis Leichtigkeit reißt mit

Gábor Boldoczki und das Kammerorchester „PKF Prague Philharmonia“ präsentieren im Reitstadel Musik aus Böhmen.
Von Gerhard Dietel

Gábor Boldoczki beeindruckte im Reitstadel. Foto: Marco Borggreve
Gábor Boldoczki beeindruckte im Reitstadel. Foto: Marco Borggreve

Neumarkt.Als „Konservatorium Europas“ galt Böhmen längst bevor im neunzehnten Jahrhundert die Komponisten Antonin Dvorak und Bedrich Smetana herausragende Bedeutung erlangten. Bereits im 18. Jahrhundert waren es allenthalben Musiker aus dieser Landschaft, welche die Musikkultur an den Höfen und im beginnenden bürgerlichen Musikleben der Städte prägten, sei es in Dresden, sei es in Berlin oder in Wien. Gerade die sogenannte „Wiener Klassik“ wäre nicht denkbar ohne die Grundlagen und Beiträge von Musikern wie Vanhal, Wranitzký oder Koželuch.

Einen rein böhmischen Konzert-Abend gab es nun bei den „Neumarkter Konzertfreunden“ im Reitstadel zu erleben (wenn man den im benachbarten slowakischen Pressburg geborenen Johann Nepomuk Hummel einmal großzügig hinzuzählt). Gestaltet wurde die bis auf zwei Ausflüge zu Antonin Dvorak auf das achtzehnte Jahrhundert fokussierte Programmfolge durch den ungarischen Trompeter Gábor Boldoczki und das Kammerorchester „PKF Prague Philharmonia“, das sich aus Mitgliedern der Prager Philharmoniker zusammensetzt.

Auf Augenhöhe mit Mozart

Ungewohnter Anblick nach dem Eröffnungsstück, einer schwungvoll vorgetragenen Sinfonie in G-Dur von František Benda: Da nimmt ein Mann den Beifall des Publikums entgegen, der nicht den Taktstock, sondern die Geige in der Hand hält. Es handelt sich um Jan Fišer, den Konzertmeister, der vom ersten Pult aus das Orchester leitet: Auf einen Dirigenten kann das aus rund zwanzig Streichern bestehende, gelegentlich durch zwei Oboen und zwei Hörner verstärkte Kammerensemble nämlich getrost verzichten. Die Abstimmung zwischen den in ihm versammelten Vollblut-Musikern gelingt ohnedies hervorragend. Vollblütig musiziert die „PKF Prague Philharmonia“ auch, entwickelt mit breitem Strich einen vollen und satten Klang, zumal bei den präsentierten Werken Dvoraks: dem wie eine unendliche Melodie über Bass-Pizzicati ausgebreiteten Notturno in H-Dur op. 40 und den beiden teils zurückhaltend schmeichelnden, teils beschwingt kreisenden Walzern aus op. 54. Zum beredten Plädoyer für den wenig bekannten Komponisten Jan Krtitel Vanhal wird die Interpretation von dessen Sinfonia g-Moll op. 17/2, eines in den Rahmensätzen nervös vibrierenden Stücks musikalischen „Sturms und Drangs“. Verblüfft begegnet der Zuhörer einem Werk, das sich in seiner Qualität auf Augenhöhe mit stilistisch gleichartigen g-Moll-Werken Mozarts oder Haydns bewegt.

Virtuosität kommt nicht zu kurz

Solist des Abends ist der ungarische Star-Trompeter Gábor Boldoczki, der es aber nicht bei strahlenden Trompetenklängen belässt, sondern gelegentlich zum weicher und gedeckter intonierenden Flügelhorn wechselt. Ob in einem Konzert von Jan Krtitel Jirí Neruda, einem entsprechenden (ursprünglich dem Kontrabass gewidmeten) Werk Vanhals oder in einer (eigentlich für Oboe bestimmten) Variationenfolge Johann Nepomuk Hummels: Boldoczkis Spiel reißt mit durch seine bestechende Leichtigkeit. Ungemein beweglich, sprechend und lebendig artikuliert er seinen Solopart und verzichtet auf alles fanfarenhafte Schmettern zugunsten einer primär vom Melos bestimmten Gestaltung. Trompete und Flügelhorn vermag er nicht bloß zu spielen, sondern geradezu zu „singen“.

Virtuosität kommt jedoch auch nicht zu kurz: was Boldoczki an flinken Dreiklangsbrechungen und Tonrepetitionen, an hurtigen Tonleitern und Passagenwerk präsentiert, wirkt atemberaubend. Reicher Beifall gilt dem Orchester, reicherer noch, der sich bis zu stehenden Ovationen einzelner im Publikum steigert, Boldoczki. Um eine Zugabe kommen die Gäste, die mit diesem Neumarkter Abend eine gemeinsame Tournee starten, natürlich nicht herum: ihr Arrangement einer schwermütigen Melodie aus der Feder Antonin Dvoraks überrascht mit einem der Unterhaltungs- und Filmmusik nahen Tonfall.

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