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Brisante Zeitreise in den Kalten Krieg

„Alias Toller“ von Ulrich Effenhauser ist ein packender Krimi, im Zentrum: ein Spion aus Kötzting und ein penibler Kommissar.
Von Katharina Kellner, MZ

Ulrich Effenhauser: Am 23. September stellt er in Regensburg seinen neuen Krimi vor.
Ulrich Effenhauser: Am 23. September stellt er in Regensburg seinen neuen Krimi vor. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv

Kötzting.Der Ermittler muss sterben, gleich zu Beginn. Diese Idee hatte sich festgesetzt bei Ulrich Effenhauser: Sollte er je einen Krimi schreiben, dann einen, in dem der Assistent ermittelt, weil der Kommissar zum Mordopfer wird.

Genauso ist es in „Alias Toller“. Die Kollegen im Regensburger Kommissariat sind fassungslos: Der wegen seiner unorthodoxen Methoden hochgeschätzte Kommissar Kolnik ist tot. Er wurde erschossen, als er im Fall des ermordeten Regensburger Musiklehrers Gutleb ermittelte.

Als Leser hatte man da gerade angefangen, sich für den verschrobenen Charakter Kolnik zu begeistern: Ein wortkarger Kommissar, der im Büro abwechselnd Kafkas Prozess, Dostojewskis Schuld und Sühne oder das Alte Testament liest, um sich nach ausführlicher Lektüre in die Akten zu vertiefen und kurz darauf quasi genialisch den Fall zu lösen: „Manche sagten, Kolnik kenne das Böse so auswendig wie seine drei Bücher, er schlage in sich selber nach, bis er die richtige Stelle gefunden habe.“

Heller arbeitet penibel und uneitel

„Kolnik musste weg, damit die Vergangenheit zum Vorschein kommt“, sagt Effenhauser. Nun übernimmt Assistent Heller: Der ist seriös und penibel, stocksteif im persönlichen Umgang. Dennoch schließt man ihn ins Herz, denn der freundliche und uneitle Kommissar ermittelt hartnäckig. Und bald blitzt ein anarchischer Zug bei Heller auf: Er lernt Charlotte Kolnik kennen, die Tochter des Mordopfers. Und nimmt sie kurzerhand mit, wenn er den Mörder in Prag, Kötzting und Rom sucht.

Effenhauser in Regensburg

  • Lesung

    Der Schriftsteller liest aus „Alias Toller“ am Mittwoch, 23. September, 20 Uhr, in der Buchhandlung Dombrowsky, St. Kassiansplatz 6, Regensburg

  • Autor

    Ulrich Effenhauser, geboren 1975, wuchs in Pirkensee bei Burglengenfeld auf und studierte an der Universität Regensburg. Im Januar 2015 erhielt er den Jurypreis beim Literaturpreis „Irseer Pegasus“ für seine Kurzgeschichte „Der Auftrag“.

  • Projekt

    Der nächste Heller-Roman ist schon geschrieben. Diesmal siedelt Effenhauser die Geschichte in den Achtziger Jahren an, zur Zeit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. „Störfall“ ist der Arbeitstitel und, soviel verrät der Autor: Heller gerät mit diesem Fall ziemlich an seine Grenzen.

  • Buch

    Ulrich Effenhausers aktuelles Buch „Alias Toller“ ist im Transit-Verlag Berlin erschienen: 176 Seiten,19,80 Euro.

Die Figurenzeichnung des Ermittlerduos ist trefflich gelungen. Weil Charlotte und Heller so diametral verschiedene Charaktere sind, kann Effenhauser ihre Positionen genau herausarbeiten und damit das Zeitkolorit der 1970er Jahre in Szene setzen: Charlotte, Malerin und Marxistin, schreibt ihre Doktorarbeit über die Farbe Rot, hält nichts von Konventionen, raucht Gras, ist frech und wild. Sie bringt den braven Heller nicht nur einmal in peinliche Situationen. Zum Beispiel, wenn der sich, auf der Suche nach ihr, im Kunstraum der Regensburger Uni vor 30 nackten Studenten wiederfindet und sich vom Professor belehren lässt, es gebe „ohne Eros keine Kunst“. Effenhauser beschreibt die Annäherung von Charlotte und Heller behutsam, mit Humor und Sympathie für seine Figuren. Sie arbeiten sich kräftig aneinander ab, persönlich und politisch. Heller hat seinen Vater, einen glühenden Nazi, nie kennengelernt. Linke und rechte Extremisten sind ihm gleichermaßen zuwider. Mit dieser Haltung eckt er mächtig bei Charlotte an, die im Vergleich von Nazis und RAF eine Verharmlosung des Holocaust sieht.

Auf den historischen Hintergrund für seinen literarischen Krimi stieß Effenhauser, der am Gymnasium in Bad Kötzting Geschichte und Deutsch unterrichtet, im Gespräch mit Kollegen. Einer erwähnte den „Tutter-Fall“. Effenhauser sagte das erst mal nichts. Er begann zu recherchieren. Bald ließ ihn die Geschichte um den Spion und ehemaligen Nazi-Verbrecher Werner Tutter, der 1983 als hoch angesehener Bürger und CSU-Stadtrat in Kötzting starb, nicht mehr los.

Als die SS Dörfer niederbrannte

Tutter und Walter Pawlofsky hatten im Zweiten Weltkrieg die SS-Sondereinheit Josef geleitet, die ab 1944 im Grenzgebiet zwischen Böhmen und Mähren auf der Suche nach Partisanen Zivilisten terrorisierte. Dabei brannte die SS im April 1945 die Dörfer Ploština und Prlov nieder. Tutter, persönlich beteiligt an den Gräueltaten, wurde 1946 als Kriegsverbrecher an die Tschechoslowakei ausgeliefert, doch Anfang der 1950er Jahre vom tschechoslowakischen Geheimdienst angeworben. Ausgestattet mit einer neuen Vita spionierte er bis 1974 als Zivilangestellter der Bundeswehr bei der NATO-Abhöranlage auf dem Hohenbogen im Bayerischen Wald. Als 1966 in Prag wegen der Kriegsverbrechen in Ploština und Prlov Anklage erhoben wurde, wurden die Ermittlungen von oben blockiert: Sowohl in der CSSR als auch im Westen wollte man vermeiden, dass der Kriegsverbrecher-Spion enttarnt würde. Denn wahrscheinlich war Tutter Doppelagent und spionierte auch für den Militärischen Abwehrdienst, den Geheimdienst der Bundeswehr.

Eine alte Fotografie Kolniks bringt Heller und Charlotte zu dem Prager Fotografen Jirí Abel. In Abels Filmarchiv finden sie den Beleg, dass Kolnik, Gutleb und zwei weitere Offiziere zu jener SS-Einheit gehörten, die für die Massaker verantwortlich war. Einer davon war Tutter, der im Roman Toller heißt.

Filmische Erzählweise

Heller und Charlotte sehen die vier SS-Männer in einem tonlosen Schwarzweiß-Film. Dessen Bilder zeigen Gutleb, der vor dem Hintergrund eines brennenden Dorfes Geige spielt. Kolnik tanzt dazu einen russischen Volkstanz in Soldatenstiefeln. Sie spielen Karten, Soldaten feixen. Sie treiben die Dorfbewohner in die Häuser, zünden die Gebäude an. Wer fliehen will, wird erschossen. Um das grauenvolle Schauspiel festzuhalten, hat Toller extra einen Kameramann mitgebracht.

Die makabere Inszenierung bildet die Schlüsselszene von „Alias Toller“. Effenhauser setzt hier seine Sprachkunst virtuos ein: Durch eine präzise, quasi filmische Erzählweise, und den Wechsel ins Präsens macht er die Szenerie des Grauens auf beinahe schmerzhafte Weise anschaulich.

Effenhauser erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Herzstück seines Romans sind Hellers Ermittlungen, die 1978 beginnen und unvermittelt von oben unterbunden werden, als Heller sich auf Tollers Spur setzt. Der Fall kommt zu den Akten. Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 2008: Heller wird als Zeuge zu einem Prozess in Prag geladen. Vor Gericht stehen CSSR-Amtsträger aus der Zeit vor 1989. Ihnen wird vorgeworfen, mit NS-Kriegsverbrechern kooperiert zu haben, einer davon Toller. Nun ergibt sich eine zweite Chance, den Mörder zu finden.

Beinahe kann man den Wald riechen

Dieser literarische Krimi greift ein zeitgeschichtliches Thema auf, das atemberaubend aktuell ist: Auch heute entziehen sich die Geheimdienste effektiver demokratischer Kontrolle, wie der NSU-Prozess zeigt. Und dass NS-Verbrecher nicht nur in der Bundesrepublik in mächtige Positionen aufstiegen, sondern ebenso gut mit kommunistischen Funktionären zusammenarbeiteten, ist wohl wenig bekannt.

Effenhausers Krimi kann man nur viele Leser wünschen. Denn so vielschichtig die Geschichte ist, so packend ist sie auch. Das liegt an Effenhausers pointierter Sprache, seinem sorgfältig ausgefeilten Plot, der einen spannenden historischen Hintergrund thematisiert und dennoch ein höchst eigenständiges Stück Literatur ist. Den Spannungsbogen hält der Autor bis zuletzt und er freut sich, wenn man einräumt, dass man nicht auf den Mörder gekommen ist.

Effenhausers einprägsame Bilder wirken lange nach, die schrecklichen wie die schönen: Wenn Heller und Charlotte auf dem Hohenbogen Pilze sammeln, kann man als Leser den Wald beinahe riechen.

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