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Kunst

Bück dich tief und heb das Geld auf!

Der erste „Graz-artist in residence“ Benedikt Braun zeigt die Resultate von vier Wochen Arbeit.
Von Helmut Hein, MZ

Benedikt Braun vor einem seiner Werke im Kunstverein Graz Foto: altrofoto.de

Regensburg. Kunst kann schwer sein. Sehr schwer. Benedikt Braun hat an der renommierten Bauhaus-Uni in Weimar studiert. Kein Bummelstudent. Keiner, der abbricht und aufgibt. Zwei Diplome schmücken seinen Lebenslauf. 2007 in „visueller Kommunikation“. Und 2009 in „freier Kunst“. Der nächste Karriere-Schritt führte ihn dann direkt zum Arbeitsamt. Hartz IV in jungen Jahren. So etwas kann entmutigen. Oder, wie Benedikt Braun, intellektuell und ästhetisch so richtig auf Trab bringen. Für ihn ist das, was andere Schicksal nennen, Material. Für Revolutionen, sagt er selbst kokett, sei er zu feig und zu faul. Er rächt sich an einer Gesellschaft, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, indem er sie zum Gegenstand der künstlerischen Darstellung macht. Pass auf, ich beschreib Dich! Das ist unter Umständen die böseste Drohung.

Kunst kann schwer sein. Sehr schwer. Als Benedikt Braun erfuhr, dass der Kunstverein Graz in Regensburg zum ersten Mal die Stelle eines „artist in residence“ ausschreibt, ging er zur Bank. Und er beschaffte sich alte Förderbänder. Die Bank überredete er, ihm fünfhundert Euro zu geben. Und zwar in kleinster Münze. Lauter Ein- oder Zwei-Cent-Stücke. Die Mitarbeiter brauchten Tage, sie ihm zu beschaffen. Als er wieder zur Bank kam, stellte sich heraus, dass das Geld schwer war. Sehr schwer.

So schwer wie die Kunst in diesen schwierigen Zeiten. Benedikt Braun, sehr entspannt und sehr zufrieden an diesem Vernissagen-Abend: „Ich kam mit zwei Jute-Taschen. Aber die Münzen waren über hundert Kilo schwer. Ich musste sechs Mal gehen.“ Und die Förderbänder? Wer wissen will, was es mit den Förderbändern auf sich hat, muss zum Kunstverein Graz kommen. Links neben dem Eingang sieht man auf einem Video, wie sich zigtausende Cent-Münzen auf dem Band, das ansonsten Schutt und Abraum transportiert, halbwegs im Kreis drehen und einen infernalischen Lärm machen.

Kunst, sagen Goodman, Davidson, Rorty und all die anderen großen zeitgenössischen Philosophen, ist Metapher. Was will Benedikt Braun sagen, wenn er zeigt, wie sich dieser Münz-Schutt lärmend auf dem Förderband im Kreis dreht? Jedenfalls hat er die Graz-Jury überzeugt. Mehr als zweihundert Bewerber bemühten sich um dieses Stipendium, Benedikt Braun hat es bekommen. Weil seine Philosophie, sagt die Graz-Vorsitzende Renate Christin in ihrer Eröffnungsrede, so gut zur Graz-Philosophie passte.

Und noch besser passte offenbar Benedikt Braun „menschlich“. Alle hat er begeistert und bezaubert. Das Atelier, in dem er seit dem 15. August arbeitete, wurde sofort zum öffentlichen Atelier. Viele sahen zu, was der Gast-Künstler so trieb, redeten mit ihm, der sich rasch als „großer Kommunikator“ erwies, und bauten und bastelten gerne mit.

In Graz sieht man jetzt, nach einem Monat, nicht nur rätselhafte Bilder, sondern viele noch rätselhaftere Dinge, Arrangements, Installationen, Real-Collagen, die man sofort identifizieren kann und dann für längere Zeit nicht mehr versteht. Es geht ums Geld. Um Arm und Reich. Und um dumme Sprüche. Etwa: Lieber arm dran als Arm ab. Bei Benedikt Braun, Hartz-IV-erfahren, ist dann im Zweifelsfall lieber der Arm ab. Und die Metzgerschürze zumindest in der Erinnerung blutig.

Benedikt Braun liebt Experimente. Er verfügt durchaus über klare Überzeugungen, aber eben auch über Ironie und genügend Neugier, um in jedem Einzelfall zu schauen, was der Fall ist. Also wirft er auf der Maxstraße mit großer Geste große Mengen von Münzen aufs Pflaster. Werden sich die Passanten bücken? Sie bücken sich. Eine alte Dame fasst die Erfahrung ihres langen Lebens so zusammen: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Also doch!

Wen an diesem langen Abend die vielen Bilder, oft zu kleinen Rätseln verkürzt, und die Gegenstände, heftig bearbeiteten Fundstücke und raffinierten Bauten verstörten, der konnte sich Barbara Ebner anvertrauen. Sie ist Choreographin und Tänzerin. Sie hat sich in Brauns Arbeit versenkt und vielleicht sogar ein wenig verliebt. Jedenfalls ist sie Muse und guter Geist. Mit kindlichem Staunen begrüßt sie jeden Eintretenden mit Handschlag. Später interpretiert dann ihr biegsamer Körper die Kunst. Sie ist Muse und Medium. Und ein Rätsel.

So wie für Benedikt Braun das Geld ein Rätsel ist. Oder ein Moloch. Etwas, was uns verschlingt. Renate Christin aber lässt sich von derart düsteren Visionen nicht beirren. Sie lobt den Künstler, der ganze Nächte durchgearbeitet habe, und wünscht ihm fürs künftige Leben viel Erfolg. Und Geld.

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