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Kultur
Sonntag, 22. Juli 2018 24° 5

Musical

„Cabaret“: Frivoler Tanz auf dem Vulkan

Ungezügelte Spiellust und viel Feingefühl: Das Musical feiert im Regensburger Velodrom eine umjubelte Premiere.
Von Andreas Meixner

Wunderbar frivol: Sally Bowles (Maria-Danaé Bansen), um ringt von Figuren aus dem Kit-Kat-Club Foto: Jochen Quast
Wunderbar frivol: Sally Bowles (Maria-Danaé Bansen), um ringt von Figuren aus dem Kit-Kat-Club Foto: Jochen Quast

Regensburg.Ein Zitat zieht sich durch den ganzen Abend, mit einem erschreckenden aktuellen Bezug: „Das ist nur Politik. Aber was hat denn das mit uns zu tun?“ Die gesellschaftliche Szenerie in Cabaret am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung ist freilich nicht vergleichbar mit den aktuellen Verwerfungen unserer Zeit, aber die schleichende Verrohung und wachsende Intoleranz im Gewand scheinbarer Gutbürgerlichkeit sind erkennbare Parallelen, die dem Publikum den Schauder über den Rücken jagen.

Wenn sich vor der Pause die Nazischergen sich mit einem Kampflied auf den Lippen im Zuschauerraum breit machen, im einstigen Velodrom, erbaut vom jüdischen Regensburger Kaufmann und Kunstradfahrer Simon Oberdorfer, der im April 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde, dann hat man Mühe, den ersten Teil der Premiere angemessen zu beklatschen, auch im Angesicht eines riesigen Hakenkreuzes, das von diesem Moment an das Bühnenbild beherrscht.

Bis dahin jedoch war die Premiere das, was man zu Recht erwarten durfte: Ein wunderbar frivoles, hemmungsloses Tanz- und Gesangsfeuerwerk im Kit-Kat-Club. Die phantasievollen, knallbunten Kostüme aus den Händen von Janina Ammon sind ein Augenschmaus, auch jenseits der erotisch aufgeladenen, ungemein witzigen Choreographie von Tamás Mester. Ein überhitztes Spiel um Liebe, Leidenschaft und Verzweiflung. Die hysterische Ausgelassenheit als naives Bollwerk gegen die harte politische Wirklichkeit, die Tag für Tag näher rückt und alle Freiheit im Grau verschlingt.

Ein beklemmender Tanz: Tamás Mester und Adrian Becker Foto: Jochen Quast
Ein beklemmender Tanz: Tamás Mester und Adrian Becker Foto: Jochen Quast

Adrian Becker ist dabei als hochgewachsener, androgyner Conférencier mit lilafarbener Haartolle eine Klasse für sich. Magisch zieht er die Blicke auf sich, wenn er in verschiedensten Kostümierung durch die Szene schleicht, stolzt, tanzt und singt. Und als sich seine exaltierte Figur zum Ende dem Druck der neuen Herrscher beugt, die Perücke abnimmt und das Kostüm gegen einen seriösen Frack tauscht, dann ist die Wandlung gespenstisch und vereint alles Schlechte und Drohende auf sich. Und daran zerbricht auch das zarte Band zwischen Herrn Schulz, dem jüdischen Obsthändler und seiner Zimmerwirtin Fräulein Schneider. Die Liebe erstickt an der braunen Pest, ehe sie überhaupt zur Blüte kommt.

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Ruth Müller und Peter Nüesch spielen, tanzen und singen diese Rollen gleichermaßen umwerfend. Nüesch verleiht dem alternden Schulz eine anrührende, gutbürgerliche Anständigkeit, der mit zurückhaltender Verschmitztheit der Angebeteten exotische Obstgeschenke macht. In seinem Weltbild sind die Nazis nur eine lästige Randerscheinung, denen er keine Beachtung schenken möchte. Selbst als er aus der Pension auszieht, wechselt er nur in ein Zimmer im gleichen Viertel, anstatt vor der Gefahr zu fliehen.

Nüesch lässt in kleinen Nuancen den Komödianten immer ein wenig aufblitzen, wohldosiert und mit der Klasse eines großen Schauspielers, der die Tragik der Geschichte nie aus dem Auge verliert. Dennoch schießt er bei der Verlobungsfeier den Sektkorken gekonnt und mit kindlicher Freude in das Publikum.

 Entzückend: Peter Nüesch und Ruth Müller als zart Verliebte Foto: Jochen Quast
Entzückend: Peter Nüesch und Ruth Müller als zart Verliebte Foto: Jochen Quast

Ruth Müller schafft daneben den Spagat zwischen der verhärmten Witwe und der Frau, die sich so sehr nach Wärme und Geborgenheit sehnt, aber aus purem Überlebensdrang anders entscheidet. Fräulein Schneider ist an diesem Punkt nicht besser als der Conférencier, allerdings gibt Müller dieser Frau mit ausdrucksstarken, beseelten Gesang soviel Sehnsucht und Traurigkeit mit auf dem Weg, dass ihr beim Schlussapplaus zusammen mit Nüesch viele Ovationen gehören.

Angelo Pollak, Maria-Danaé Bansen und Matthias Laferi (von links) in einer Szene von „Cabaret“ Foto: Jochen Quast
Angelo Pollak, Maria-Danaé Bansen und Matthias Laferi (von links) in einer Szene von „Cabaret“ Foto: Jochen Quast

Maria-Danaé Bansen gelingt als Sally Bowles ebenso eine bemerkenswerte, glaubhafte Charakterzeichnung, die sich nicht allein auf das tänzerische und sängerische Können verlässt. Die kurze, vage Hoffnung auf eine bürgerliche Existenz mit dem amerikanischen Schriftsteller Clifford Bradshaw (Matthias Laferi) zerschlägt sich, weil sie nicht von ihrer Welt der sorglosen Cabaretbühne loslassen kann. In Ihrem Schlusslied wird sie zur Marionette der neuen Zeit, auch körperlich gebrochen in einem makellosen, silbernen Abendkleid.

Adrian Becker als Conferencier und Maria-Danaé Bansen als Sally Bowles: Am Ende ist Sally zur Marionette der neuen Herrscher geworden.  Foto: Jochen Quast
Adrian Becker als Conferencier und Maria-Danaé Bansen als Sally Bowles: Am Ende ist Sally zur Marionette der neuen Herrscher geworden. Foto: Jochen Quast

Johannes Pölzgutter hat mit seinem Bühnenbildner Philip Rubner mit viel Geschick eine reduzierte Bildsprache in Form einer grauen Fassade gefunden, die genauso die Etagen der Pension abbildet, wie die grelle Showbühne im Kit-Kat-Club oder ein Zugabteil. Den Rest besorgen problemlos die Phantasie des Publikums und eine bestechend spielfreudige Ensembleleistung, die genauso begeisterte wie die vielen, stilsicheren Klangfarben, die aus dem Orchestergraben unter der Leitung von Alistair Lilley zu hören waren.

Cabaret verlangt viel Feingefühl und Gespür für die extremen Gegensätze irgendwo zwischen Drama, Humor und exaltierten Showelementen vor einem düsteren, historischen Hintergrund, der uns mehr denn je nicht kalt lassen kann. Genau das ist im Regensburger Velodrom bestens gelungen.

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