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Kultur
Dienstag, 17. Juli 2018 29° 3

Film

Chatrian soll Berlinale-Chef werden

Der bisherige Locarno-Leiter folgt offenbar auf Dieter Kosslick.

Carlo Chatrian Foto: Urs Flueeler/dpa
Carlo Chatrian Foto: Urs Flueeler/dpa

Berlin.Er nennt sich selbst „filmverrückt“, ist experimentierfreudig und international bestens vernetzt. Der 46-jährige Italiener Carlo Chatrian soll neuer Direktor der Berliner Filmfestspiele werden. Chatrian, künstlerischer Leiter des Filmfests von Locarno, wird den 70-jährigen Dieter Kosslick als Berlinale-Chef ablösen, wie die Zeitungen „B.Z.“ und „Bild“ unter Berufung auf Kreise der zuständigen Dachgesellschaft Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) berichteten. Aus dem Hause von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gab es dafür zwar gestern keine offizielle Bestätigung – aber auch kein Dementi. Am Freitag soll die Berufung der neuen Berlinale-Leitung vom KBB-Aufsichtsrat bekanntgegeben werden. Grütters hatte zuletzt eine Doppelspitze für das neben Cannes und Venedig wichtigste Filmfestival der Welt favorisiert. Neben dem dreifachen Familienvater Chatrian als künstlerischem Chef wird es deshalb wohl noch eine geschäftsführende Leitungsposition geben.

Auf Chatrian wartet in Berlin mit dem weltweit größten Publikumsfestival ein riesiger Festivaltanker. Angesichts radikal veränderter Sehgewohnheiten werden die Filmfestivals der Zukunft ganz anders als heute aussehen. Das weiß auch Chatrian, wie er im Interview der „Neuen Zürcher Zeitung“ sagte: „Für mich stehen immer noch die Filme im Mittelpunkt, aber ich denke, heutzutage können Festivals nicht einfach nur Filme projizieren. Man muss etwas drumherum bieten.“

Der publikumswirksame Auftritt im Blitzlichtgewitter war bislang nicht Chatrians Sache. Sein Motto lautet „Hier sind die Filme die Stars!“. Ein Festival wie die Berlinale lebt aber auch von begeistert kreischenden Fans und glamourösen Star-Defilees auf dem roten Teppich – und auch zu Dieter Kosslicks mit Charme und Nonchalance gepflegten Show-Einlagen im Scheinwerferlicht dürfte Chatrians eher höflich zurückhaltendes Auftreten ein Gegensatz sein.

Noch im Vorjahr hatte Chatrian gesagt, dass er die Berlinale für eines der spannendsten Filmfestivals halte, sich selbst aber nicht in der Rolle eines ihrer Leiter sähe. Deutsch versteht Chatrian übrigens recht gut, spricht es aber bisher nicht. Der ausgewiesene Filmkenner wurde in Turin geboren und studierte Literatur und Philosophie. Seit 2012 ist Chatrian künstlerischer Leiter des Filmfests von Locarno im Tessin in der Schweiz.

Chatrian hat ein Gespür für die Bedürfnisse des breiten Publikums sowie der Fachbesucher. Er weiß um den Wert eines kommerziell gewichtigen Filmmarktes, dem von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Herzstück der Berlinale für professionelle Filmeinkäufer. Zufrieden mit der Berufung dürften die Regisseure sein, die in der Nachfolge-Debatte in einem offenen Brief einen inhaltlichen Neustart für das Festival gefordert hatten. (dpa)

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