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Literatur

Christliche Exegese mit Lust und Witz

Navid Kermani liest in Regensburg aus seinem Buch „Ungläubiges Staunen“: ein irritierend neuer Blick auf das Christentum.
Von Florian Sendtner, MZ

Navid Kermani in der Regensburger Dreieinigkeitskirche: Der Orientalist warf ein neues Licht unter anderem auf El Grecos „Abschied Christi von seiner Mutter“ Foto: altrofoto.de
Navid Kermani in der Regensburger Dreieinigkeitskirche: Der Orientalist warf ein neues Licht unter anderem auf El Grecos „Abschied Christi von seiner Mutter“ Foto: altrofoto.de

Regensburg.Gewiss, Holzscheitlknien ist schlimmer. Aber das Gestühl der Dreieinigkeitskirche von anno 1631 ist auch nicht ohne. Nicht die Bankreihen für das gewöhnliche Kirchenvolk, sondern das kunstvoll gedrechselte Chorgestühl vorne rechts, das für die Presse reserviert ist. Auf den ersten Blick eine Art Ehrenplatz – doch will man sich zurücklehnen, spürt man sie, die Strafleiste im Rücken. Sie sagt: Das hier ist kein Vergnügen, du büßt hier deine vielen Sünden ab!

Der perfekte Ort für die Lesung von Navid Kermani. Denn das, was der Kölner Schriftsteller, Orientalist und Reporter über gut eineinhalb Stunden vorträgt, ist zwischendurch so freigeistig, so witzig, so sinnlich, dass es die Mahnung im Rücken braucht, um nicht zu vergessen, wovon hier eigentlich die Rede ist: vom Christentum, einer Religion, die in den 2000 Jahren ihres Bestehens die meiste Zeit damit beschäftigt war, ihre Gläubigen abzustrafen und von der unglaublichen Wonne des Lebens fernzuhalten.

Bildmeditation lässt staunen

Navid Kermani, der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, liest in der bis auf den letzten Platz gefüllten, frisch aufgemöbelten Dreieinigkeitskirche aus seinem Buch „Ungläubiges Staunen“. Der Würzburger Theologe Erich Garhammer, der ihm zwischendurch Fragen stellt, weist gleich zu Beginn darauf hin, dass der Titel in mehrfacher Hinsicht zutrifft. „Ungläubig staunen“ könne man auch „angesichts der Resonanz, die dieses Buch hervorgerufen hat“.

Ungläubig staunt die deutsche Christenheit, wie unbekümmert und hellsichtig hier ein Kölner Moslem die allerheiligsten christlichen Ikonen entziffert. Drei uralte Heiligenbilder und ein zeitgenössisches Kirchenfenster sind es, in die sich Navid Kermani an diesem Abend versenkt. Sie stammen von El Greco, Caravaggio, Giotto und Gerhard Richter. Religiöse Bildmeditation – Rette sich, wer kann! Doch Navid Kermani schafft es, einem seit Jahrhunderten ob seiner bleiernen Biederkeit berüchtigten – und deshalb zu Recht längst ausgestorbenen – Genre ein Leben einzuhauchen, dass sogar eingefleischte Atheisten ins Staunen kommen.

Der Würzburger Theologe Erich Garhammer moderierte die Lesung mit Navid Kermani. Foto: altrofoto.de
Der Würzburger Theologe Erich Garhammer moderierte die Lesung mit Navid Kermani. Foto: altrofoto.de

Es geht los mit dem „Abschied Christi von seiner Mutter“ von El Greco. Kermani behauptet, das um 1580 entstandene Ölgemälde „könnte kaum offener seinem eigenen Titel widersprechen“, denn zu sehen seien ja wohl zwei Liebende. Vom Augenschein her müsste das Bild eher „Liebesidyll“ heißen. „Wie kommen Sie darauf?“ fragt der Theologe Garhammer. „Na, weil ich das Bild anschaue“, antwortet Kermani, „jeder Unbefangene würde das so sehen.“

Und das Gemälde, per Beamer im Altarraum auf eine Leinwand projiziert, gibt Kermani recht. Maria ist mindestens so jung, wenn nicht jünger, wie ihr Sohn. Und der Blick der beiden ist „eindeutig nicht wie Mutter und Sohn“.

Natürlich führt dieser Befund Kermani nicht aufs inzestuös-blasphemische Glatteis.

Große war das Interesse bei den Regensburgern: Nicht alle fanden in der Dreieinigkeitskirche einen Sitzplatz. Foto: altrofoto.de
Große war das Interesse bei den Regensburgern: Nicht alle fanden in der Dreieinigkeitskirche einen Sitzplatz. Foto: altrofoto.de

Letztlich ist es doch heiliger Ernst, der seinen Blick lenkt. „Anstatt den realen Ereignissen der Bibel zu folgen, nimmt El Greco die Idee der Liebe ernst.“ Jesus und Maria als fast noch jugendliches Liebespaar darzustellen, heiße, „das Moment der innigsten, ekstatischen Liebe“ zu beschwören. „Einer Liebe, die erschüttert?“ fragt Garhammer. „Das tut sie im besten Fall immer“, antwortet Kermani, „und in der Jugend ganz besonders, wenn Sie sich erinnern.“ Romeo und Julia, Leila und Madschnun – man denkt an Kermanis 2014 erschienenen Roman „Große Liebe“.

Knutschende Alte vor dem Tempel

Das Kapitel über Gerhard Richters Kölner Domfenster („die Allgegenwart Gottes als Licht“) leitet über zur Kölner Silvesternacht, die Kermani in Anlehnung an die von ihm mitunterzeichnete „Kölner Botschaft“ als „desaströses Ereignis“ bezeichnet, das hätte verhindert werden können. Und dann folgt das älteste Heiligenbild des Abends: „Joachim und Anna an der Goldenen Pforte“ von Giotto, ein Fresko von 1305. Kermani sieht darauf gegen alle Konvention „zwei ungeniert knutschende Alte“, wobei ihm gerade „das Ungelenke der Berührung“ unter die Haut geht.

Hochdekoriert: Navid Kermani

  • Der Autor:

    Navid Kermani wurde 1967 als Sohn persischer Eltern in Siegen geboren und lebt in Köln. Er ist habilitierter Orientalist, Schriftsteller und Reporter.

  • Seine Bücher:

    „Das Buch der von Neil Young Getöteten“ (2002), „Dein Name“ (2011), „Zwischen Koran und Kafka - West-östliche Erkundungen“ (2014), „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“ (2015), „Einbruch der Wirklichkeit – Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa“ (2016) u.v.m.

  • Der Preisträger:

    Kermani erhielt zahlreiche Preise, darunter den Hannah-Arendt-Preis (2011), den Kleist-Preis (2012) und den Friedenspreis des deutschen Buchhandels (2015). 2014 hielt er im Bundestag die Festrede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes.

  • Die Lesereihe:

    In Regensburg las Kermani auf Einladung von „Literatur findet Stadt“ , einer Initiative des Evangelischen Bildungswerks und der Staatlichen Bibliothek in Kooperation mit Bücher Pustet und mit Unterstützung der Stadt Regensburg.

Navid Kermani hat im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Foto: altrofoto.de
Navid Kermani hat im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Foto: altrofoto.de

Kermani spannt den Bogen zu seiner Jugend im pietistisch-strengen Siegen: „Was ich am wenigsten mit dem Christentum verband, mit dem ich aufgewachsen bin, war die Lust. Ich hatte gute Menschen vor Augen, wenn ich mir Christen vorstellte, aber nicht schöne; vernünftige Predigten, aber sterbenslangweilige; Nächstenliebe, aber nicht Sex.“ Kein Wunder: „Schließlich bin ich im protestantischen Siegen geboren und nicht im katholischen Rom“. Und nun das erlösende Gegenbild: ein 700 Jahre altes Fresko von zwei knutschenden Alten in einer Kirche in Padua. Wie armselig, blutleer und verschnarcht die christliche Exegese ist, merkt man erst, wenn man Navid Kermani zuhört.

Navid Kermanis bewegende Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche:

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