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Musik

Da wummert das Herz

Guts’ sechstes Album „Philantropiques“ ist die neue Spielart eines hinreißenden Afro-Tropical-Sound.
Von Helmut Hein

Guts mag nicht fotografiert werden. Anstatt dessen verbreitet er – beziehungsweise sein Label – diverse Illustrationen. Immerhin kann man daraus schließen, dass er Bartträger ist und Hüte liebt. Foto: Heavenly Sweetness
Guts mag nicht fotografiert werden. Anstatt dessen verbreitet er – beziehungsweise sein Label – diverse Illustrationen. Immerhin kann man daraus schließen, dass er Bartträger ist und Hüte liebt. Foto: Heavenly Sweetness

Paris.Der Franzose Guts war seit den 1990er Jahren vor allem ein gefragter HipHop-Produzent. Er setzte so lange Ton an Ton, bis ein rhythmischer Flow entstand, dem sich keiner entziehen konnte. Seine Devise lautete: Beweg deinen Hintern – gemeint ist: beim Tanzen – und dein Kopf wird folgen. Aber es war ein kaltes Programm, das er damals verfolgte. Er kam ganz ohne Mitmusiker aus. Seine „Instrumente“ waren Sequencer, für die nötige Fülle sorgten Samples, Cuts und Filter.

Irgendwann hatte Guts genug vom Alleinsein, gründete eine Band, „Pura Vida“, und tourte monatelang durch Europa. Nach diesem Übermaß an Emotionen, an spontanem Miteinander, hatte er eine neue Idee, die im Grunde eine uralte war. Er wollte eine Platte ganz ohne Band, ohne Liveinstrumente machen. Aber dann kam doch alles ganz anders – und das Resultat liegt jetzt vor: „Philantropiques“.

Guts’ Veröffentlichungen

  • Zuletzt:

    Guts ist seit 1990 als Musiker aktiv. Der Franzose mit Wohnsitz auf Ibiza widmete sich 2016 auf „Eternal“ Electro-Funk, Space-Jazz & Co. mit großer Live-Band. 2017 schloss er mit „Beach Diggin’ #5“ seine Compilation-Serie ab.

  • Jetzt:

    „Philantropiques“ ist bei Heavenly Sweetness für ca. 20 Euro (CD) erschienen. Live: Guts tritt u. a. am 13. Juni im Ampere in München auf.

Der französische Electro-/Technomusiker Guts hat ein neues Album veröffentlicht: „Philantropiques“ ist bei Heavenly Sweetness erschienen.
Der französische Electro-/Technomusiker Guts hat ein neues Album veröffentlicht: „Philantropiques“ ist bei Heavenly Sweetness erschienen.

Das ist ein kollektiver Rausch, ohne Anfang und Ende, der seine Intensität vor allem dem Einfluss schwarzer Musiken aus der Karibik, aus Brasilien und Afrika verdankt. „Afro-Tropical-Sound“ nennt Guts selbst dieses neue Genre. Aber diese Bezeichnung gibt allenfalls einen allerersten Eindruck. Wichtig ist: Die Band ist nicht verschwunden, sondern wuchert.

Im Zentrum stehen fünf Musiker und ihre Instrumente: Kenny Ruby (Bass), Christiane Prince (Schlagzeug), Cyril Atef (Percussion). Und dann noch Adelaide Songeons (Posaune) und Ben Abarbanel-Wolff (Saxophon). Seit längerem schon gibt es eine heftige Diskussion über kulturelle Aneignung. Darf man sich das zu eigen machen, was andere Ethnien und Kulturen „erfunden“ haben? Aber bei „Philantropiques“ stellt sich diese Frage kaum. Zweifellos sind Posaune und Saxophon „weiße“ Instrumente, doch im afro-tropicalischen Kontext entwickeln sie eine ganz eigene Kraft und Vitalität.

Ein Percussion- Strudel zieht in diese Musik hinein, man kann sich kaum wehren.

Guts hat sich nicht mit diesen fünf Mitmusikern begnügt; Dutzende weitere liefern ihre Beiträge. Man hört Gitarren, Flöten und Vibrafone, Keyboards und den raren hölzernen Sound eines Balafons. Am interessantesten aber ist vielleicht, wie er die Stimme einsetzt: als Instrument unter Instrumenten, als ekstatischen Klang. Viele der Titel des Albums sind sehr lang. Man hat nicht den Eindruck, man höre Songs, sondern man sei bei einem Fest dabei, dessen Vitalität sein Zentrum in der Musik hat: einer kochenden und treibenden Musik, die vom Wummern der Rhythmus-Sektion, das nie zu enden scheint, geprägt ist, das seine Zuspitzung durch die wüsten Blechbläser erfährt und in die hinein immer wieder die kürzelhaften Kommentare anderer Instrumente rutschen.

„Afro-Tropical-Sound“ nennt Guts selbst sein neues Genre. Foto: Heavenly Sweetness
„Afro-Tropical-Sound“ nennt Guts selbst sein neues Genre. Foto: Heavenly Sweetness

Manches wirkt vertraut: „Mucagiami“ versetzt einen in den Buena Vista Social Club. Andere Tracks sind pure Trance. Ihr überlassen, gerät man in einen anderen Zustand. „Taghelle Mystik“, nannte Robert Musil das. Guts selbst spricht von „Percussion-Strudel“. Er zieht in diese Musik hinein, man kann sich gegen die Rhythmen kaum wehren. Was aber vor allem auffällt, insbesondere mit der klirrenden Kälte europäischer Club-Musik im Ohr, ist die ungeheure Wärme dieser Platte, die zu Recht die Menschenfreundlichkeit im Titel trägt.

Wie sich das anhört? So zum Beispiel – der Song „Daddy Sweet“ Feat. Pat Kalla:

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