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Archäologie

Dann schaute St. Kassian aus der Wand

Sensationsfund in St. Kassian: Bei Sanierungsarbeiten wurde in einem Mauerspalt der gotische Schlussstein entdeckt.
Von Thomas Dietz, MZ

Er ist es selbst! Kirchenpatron St. Kassian als gotischer Schlussstein – genau so, wie er aus der geöffneten Wand im südlichen Seitenschiff herausschaute. Foto: Stiftskapitel der Alten Kapelle/altrofoto.de

Regensburg. War dies ein Moment, den es nur einmal im Leben gibt? „Ach, wissen Sie“, sagt Johannes Preis von der Firma Preis & Preis, Werkstätten für Restaurierung in Parsberg, „in unserem Gewerbe kommt so etwas schon öfter vor.“ Was war geschehen? Seit langem wird die St. Kassianskirche am Regensburger St. Kassiansplatz, eines der ältesten Gotteshäuser der Stadt, von Grund auf saniert. Das Dach ist schon neu gedeckt, nun geht es an den Außenputz und die schwarze Kruste wird von den Steinen entfernt. Danach und wahrscheinlich noch in diesem Jahr fällt das Gerüst.

Im Inneren sieht es freilich noch düster aus. Viel Schmutz hat sich mit den Jahren angesammelt und festgefressen. Von der Heizung emporgewirbelter Staub und Kerzenruß haben den Innenraum stark befallen und die herrlichen Wand- und Deckengemälde enorm verdunkelt. Ihre Farbe blättert ab und rollt sich auf; die Substanz ist stark geschädigt. Auch sind die Rundpfeiler bis in eine Höhe von 1,50 Metern mit Salz belastet.

„Da wurde irgendetwas vermauert“

Anfang Dezember vorigen Jahres geschah nun Folgendes: Bei Vorbereitungen für die statische Sanierung wurde in fünf Metern Höhe eine Mauernische im südlichen Seitenschiff geöffnet. Dem Restaurator Josef Weidner, der die Wand bearbeitete und auch dem für die Innenarbeiten zuständigen Regensburger Architekten Michael Feil war klar: „Da wurde irgendetwas vermauert.“

Von einer Hebebühne aus öffnete man die Wand. Es war doch ein großer Moment: Hinter einer Blende erschien eine Skulptur aus der gotischen Bauphase der Kirche: 50 cm im Durchmesser, 30 cm in der Tiefe, zweieinhalb Zentner schwer, farbig bemalt und mit soliden Eisen befestigt, was den Ausbau nicht einfach machte. Fünf Leute mit Stahlsägen gerieten ganz schön ins Schwitzen. Schnell wurde klar, dass es sich um den Schlussstein handelt, der den gotischen Rippenchor zierte. Es ist der Kirchenpatron St. Kassian höchstselbst – eine Sensation. „Für mich ist das schon etwas ganz Besonderes“, sagt Architekt Michael Feil.

Sogleich wurden die Stiftsadminis-tration und das Landesdenkmalamt verständigt. Auch der Kulturreferent Klemens Unger war äußerst schnell vor Ort. Verglichen mit einem alten Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, der die Kirche vor der „Rokokoisierung“ zeigt, war alsbald ohne Zweifel klar, dass es „der Hl. Kassian“ ist. Dass man ihn zwischen 1749 und 1760, also beim Umbau der Kirche im Barockzeitalter, in dem man die Gotik überhaupt nicht leiden mochte, trotzdem noch so sorgfältig vermauerte, dass ihm auf Dauer nichts passieren konnte, ist den damaligen Baumeistern hoch anzurechnen.

Unter pflegenden Kosmetiktüchern

St. Kassian wird dargestellt „als Bischof mit Mitra, als Lehrer mit einem Buch und als Märtyrer mit einem Bündel von eisernen Griffeln, mit denen er (um 303) auf Weisung des Stadtpräfekten von Cornelia (dem heutigen Imola) erstochen worden sein soll.“ So liest man es auf Informationszetteln, die in der Fatimakapelle angebracht sind. Die Fatimakapelle mit dem Bild des Regensburger Kunstmalers Erwin Schöppl bleibt ja erstmal geöffnet. Das Fatima-Gemälde konnte bekanntlich unversehrt aus den Trümmern der im Kriege zerbombten Obermünsterkirche geborgen werden.

St. Kassian liegt inzwischen weich gepolstert in einer Holzkiste unter pflegenden Kosmetiktüchern an einem sicheren Ort. Das Stiftskapitel überlegt sich, wie man den Kirchenpatron später auf würdige Weise präsentieren kann – auf jeden Fall soll er in „seiner“ Kirche und nirgendwo anders ausgestellt werden. Die aufwändige Innenrenovierung der Kirche dürfte sich wohl noch bis 2015, vielleicht sogar bis 2016 hinziehen.

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