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Kunst

Das abenteuerliche, gefräßige Herz

Elisabeth Pollach aus Kümmersbruck bei Amberg stellt im Caritas-Krankenhaus St. Josef aus.
Von Helmut Hein, MZ

Elisabeth Pollachs Arbeiten sind verborgene Erzählung. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Manchmal, und es sind nicht die schlechtesten Momente, geht es wild zu. Das übervolle Herz platzt. Und was eben noch intimste Szene war, rätselhafte Innenwelt, drängt sich auf der Leinwand. Scheinbar den Blicken aller preisgegeben. Ein Durcheinander der Sensationen und Empfindungen. Frisch erlebt oder Frucht der „mémoire involontaire“. Einer Erinnerung, an der Wille oder Absicht keinen Anteil haben.

Elisabeth Pollach meditiert nicht, wenn sie malt. Sie sucht keine Ordnung. Alles ist und bleibt Chaos. Ausdruck, der noch nichts von sich weiß und vielleicht sogar für immer im Dunkel des Bildes verharrt.

Der flüchtigen Wahrnehmung scheinen diese Bilder auf eine zweifellose Weise figurativ. Die Tableaus wirken realistisch. Dem einen oder anderen wird vielleicht das Archaische oder Archetypische, das Reduzierte und Rohe der Darstellung wie der Montage auffallen. Aber diese Arbeiten sind nie nur Bild, sie sind immer auch Text: verborgene Erzählung, stummer Verweis. Elisabeth Pollach spielt souverän mit der Möglichkeit von Bildern und Buchstaben, auf etwas anderes zu verweisen, es zu „bedeuten“. Sie kennt das metaphorische Potential selbst der kleinsten Geste und nutzt es.

Wenn man anfängt zu malen oder zu schreiben, wird es in einem dunkel. Das Regime der Ratio dankt ab. Wir tauchen ein in die Nacht des Unbewussten und der Träume. Dort verändert alles permanent seine Gestalt und seinen Ort. Natürlich lebt die Künstlerin hier und heute, aber die andere Seite der Psyche, die in der Kunst aktiv wird, kennt keine Zeit und keinen Ort. Elisabeth Pollachs Malerei ist Selbsterkundung. Aber man begegnet sich am besten maskiert und kostümiert. Ihre Paare, die die Szene beherrschen: das ist sie selbst, doppelt, die eine und die andere Seite. Die, nein, nicht Schwarzen, sondern Neger: Das sind wir selbst als die anderen. Man muss sich weit von sich entfernen, um sich wirklich nahe zu kommen.

Diese Bilder verströmen eine starke Vitalität – auf düsterem Grund. Bei der Arbeit beginnt sie, „grundierend“, mit schwarzen oder zumindest dunklen Tönen. Alles, was erscheint, arbeitet sich heller und heller werdend, aus diesem Schwarz oder Dunkel heraus.

Elisabeth Pollach mag die Feste und nächtlichen Treffen, Afrika oder den chinesischen Markt (alles Bildtitel). Aber jede Reise ist eine durch den Spiegel. Noch die ekstatischste Selbstentäußerung endet, auf manchmal gespenstische Weise, mitten in der Psyche, der Seele, wie es früher hieß, die Spiegel der Welt und des Lebens war.

Viele Räume Pollachs sind gebrochen, montiert, ein Arrangement aus Räumen. Und die eigene Kreativität wird vom Fremden, vom Vorgefundenen angetrieben. Von den objets trouvés, den Bruch- und Fundstücken, den Fragmenten eines Daseins, dem man nie begegnen wird, von Zeitungsfetzen in fremden Sprachen, deren Sinn sich nie erschließt – oder, vielleicht doch, aber nur einem flüchtigen Passanten, den man gar nicht erwartet hat.

Künstler missverstehen es leicht, wenn man vom Dekor spricht, und sei es in seiner dunkelsten Version. Diese Bilder erinnern in ihren besten Momenten an Rilkes Glücks- und Unheils-Vision der Verschwistertheit von Schönheit und Schrecken. Wer sich auf das Andere einlässt, muss damit rechnen, von ihm gefressen zu werden.

Die Ausstellung ist bis 8. Mai, täglich von 8-20 Uhr im Caritas-Krankenhaus St. Josef zu sehen.

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