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Meisterschaft

Das Audimax liegt der Wortkunst zu Füßen

In Regensburg traf sich die große Poetry-Slam-Familie. Der neue U20-Meister Jonas Balmer wird vom Vater aller Slams geherzt.
Von Claudia Bockholt, MZ

So geht Poetry Slam: Marc Kelly Smith hatte das fast ausverkaufte Auditorium maximum am Samstagabend sofort beim Wickel.
So geht Poetry Slam: Marc Kelly Smith hatte das fast ausverkaufte Auditorium maximum am Samstagabend sofort beim Wickel. Fotos: Bockholt

Regensburg.Lokalmatador Thomas Spitzer und Co- Moderator Ko Bylanzky trugen am Samstagabend ein breites Grinsen auf die Bühne. Marc Kelly Smith, der den Poetry Slam vor drei Jahrzehnten in Chicago erfunden hat, gab ihnen und all den anderen unglaublich engagierten Köpfen der Szene den Ritterschlag obendrauf: Die deutschen Poetry-Slam-Veranstaltungen seien mittlerweile die besten der Welt, verkündete der US-Amerikaner im rappelvollen Audimax.

Auch wenn er gerade nicht so guckt: Lokalmatador und Veranstalter Thomas Spitzer war am Samstag sehr zufrieden.
Auch wenn er gerade nicht so guckt: Lokalmatador und Veranstalter Thomas Spitzer war am Samstag sehr zufrieden.

Tatsächlich erlebte Regensburg das größte deutschsprachige U20-Finale in der Geschichte des Poetry Slam. Etwas abseits der öffentlichen Wahrnehmung hat sich ein Genre mit einer stabilen, treuen Fangemeinde etabliert – so treu, dass sie selbst bei herrlichstem Sommer-Sonne-Draußen-Wetter die Betonbude vollmacht.

Themen so bunt wie das Leben

66 junge Dichter hatten an den Vorrunden teilgenommen und nach dem Zufallsprinzip aus dem Publikum ausgewählte Jurys hatten an zwei Tagen die zehn Finalisten herausgesiebt. Auch am Samstag saßen die Juroren im Publikum und zückten Noten zwischen 0,1 und 10. Wie beim Skispringen wurden das beste und das schlechteste Ergebnis gestrichen, um Mauscheleien auszuschließen.

Die Regensburgerin Sheila Glück trug einen anrührenden Gedankendialog mit der kleinen Schwester vor. „Mit 80 ziehen wir uns die Zähne, weil wir dann wieder an die Zahnfee glauben können“.
Die Regensburgerin Sheila Glück trug einen anrührenden Gedankendialog mit der kleinen Schwester vor. „Mit 80 ziehen wir uns die Zähne, weil wir dann wieder an die Zahnfee glauben können“.

Die Themen der zehn Nachwuchsdichter waren so bunt wie das Leben selbst: amüsante Alltagsszenen, die Nöte all der nicht ganz so schönen, nicht ganz so coolen in dieser aus Selbstoptimierung bedachten Welt, fatal falsche Freunde auf Facebook, die Liebe und die Lieben – gleich zweimal ging es um die jüngeren Geschwister. Nach rund drei kurzweiligen Stunden auf durchweg hohem Niveau war der neue U20-Champion gefunden: der Schweizer Jonas Balmer, der die sprichtwörtliche Langsamkeit der Eidgenossen als übles Gerücht enttarnte.

Die besten Drei Kopf an Kopf

Der sympathisch performende Wuschelkopf aus Uster im Kanton Zürich hatte es zunächst mit einer entlarvenden Kunst-Betrachtung in die Top Drei geschafft. Er nahm darin schlaumeiernde Kritiker und Kunstexegeten aufs Korn, die in einem dünner werdenden blauen Pinselstrich ein ganzes Bedeutungsuniversum sehen – obwohl doch dem Künstler nur die Farbe ausgegangen ist.

Kopf an Kopf mit ihm hatten es Jule Eckert, Gewinnerin des Berliner Schulslams, und Sarah Lau, amtierende Meisterin der Region Ostwestfalen-Lippe, in das entscheidende Stechen geschafft. Jule Eckert packte das Publikum mit einem sehr nachdenklichen Text, nahm sich die großen, existenziellen Fragen vor. Warum Tod, warum Leid, warum Scheitern und Zweifeln? Auch ihr zweiter Beitrag war ernst: eine sehr schöne parabelhafte, poetische Liebes- und Schöpfungsgeschichte von Sonne und Mond.

Sarah Lau, amtierende Meisterin der Region Ostwestfalen-Lippe, wurde am Samstagabend Zweite.
Sarah Lau, amtierende Meisterin der Region Ostwestfalen-Lippe, wurde am Samstagabend Zweite.

Sarah Lau aus Paderborn schaffte es tatsächlich, der fast zu Tode genudelten Mann-versus-Frau-Kabarettnummer noch ein belebende Note zu verleihen. Sie stimmte eine Eloge auf den zweifelsfrei in jeder Hinsicht überlegenen Mann an – in die sich der süffisante weibliche Blick durch die Hintertür der Ironie wieder hineinstahl. Frech und souverän war auch ihr zweiter Auftritt: Eine sprachlich gut verpackte Erörterung von Schein und Sein, Eigen- und Fremdwahrnehmung, inklusive Kritik an der Oberflächlichkeit, mit der wir den Anderen sehen und blitzschnell und gnadenlos kategorisieren.

Mitreißende Ode an den Moment

Während die beiden Frauen am Ende nur 0,1 Punkte trennten, setzte sich Jonas Balmer noch deutlich ab – und wurde mit den Insignien des Champions ausgestattet: einer Schärpe, einem Pokal und einer Einladung zu den nächsten Meisterschaften im Nachbarland Frankreich, das mit einer Abordnung in der Oberpfalz vertreten war.

Die erste und die neue Generation von Poetry Slammern: Marc Kelly Smith  drückt den neuen U20-Champion Jonas Balmer aus der Schweiz.
Die erste und die neue Generation von Poetry Slammern: Marc Kelly Smith drückt den neuen U20-Champion Jonas Balmer aus der Schweiz.

Die ganze große Slam-Familie lag sich nach dem Wettstreit auf der Bühne vollkommen neidfrei und glücklich in den Armen. Sie zelebrierte den Moment, so wie es der große Meister zuvor gefordert hatte. Smith führte in Regensburg eindrucksvoll vor, wie man 1000 Leute mit seiner Performance mitreißt: „If you need to kiss it – kiss it! If you need to kick it – kick it! If you need to scream it – scream it. But kiss it, kick it, scream it now!“

Gastauftritt von einem, der sich im besten Sinne etabliert hat: Julian Heun war 2007 U20-Meister. 2013 hat er seinen ersten Roman veröffentlicht: „Strawberry Fields Berlin“
Gastauftritt von einem, der sich im besten Sinne etabliert hat: Julian Heun war 2007 U20-Meister. 2013 hat er seinen ersten Roman veröffentlicht: „Strawberry Fields Berlin“

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