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Kultur
Samstag, 22. September 2018 19° 4

Konzert

Das Brevier des Pessimismus

Sir András Schiff beeindruckte bei den Neumarkter Konzertfreunden im Reitstadel mit einem intensiven Konzert.
Von Claudia Böckel

Sir Andràs Schiff spielte im Reitstadel.Foto: Neumarkter Konzertfreunde
Sir Andràs Schiff spielte im Reitstadel.Foto: Neumarkter Konzertfreunde

Neumarkt.Auf der Suche nach Titeln für seine acht Klavierstücke op. 76 und für die folgenden 20 Klavierstücke entschied Johannes Brahms, sie Capriccio und Intermezzo zu nennen, als Obertitel für op. 116 wählt er „Sieben Fantasien“. Capriccio ist das italienische Wort für Laune oder Schrulle, Intermezzo ist ein Zwischenspiel, freie Formen also, die Raum für Assoziationen geben.

Brahms’ Freund Spitta schreibt, sie wären „nicht nur zum Nach-, sondern auch zum Vor-Denken“ und weist darauf hin, dass Zwischenstücke Voraussetzungen und Folgen hätten, „die in diesem Falle ein jeder Spieler und Hörer sich selbst zu machen hat“. Der Kritiker Eduard Hanslick schreibt von einem „Brevier des Pessimismus“, von Klavierstücken, die entweder wild leidenschaftlich oder schmerzlich resigniert seien.

Sir Andràs Schiff, der Solist der Matinee im Historischen Reitstadel Neumarkt, holte aus diesen beiden Zyklen alles heraus, was an Struktur darstellbar ist. Er spinnt feinste Gewebe, legt das Skelett der Stücke frei, macht sie klar durchhörbar. Stücke, deren innerstes Wesen eigentlich die Verschleierung ist, die Vertonung innerster Regungen. Die Capricci sind bei ihm wilde und unruhige Gebilde, die Intermezzi gestaltet er sehr farbig und intim. An den Beginn des sehr langen Programmes hatte Schiff Mendelssohns Fantasie fis-Moll op. 28 gestellt und deren lichte Stimmung hervorgehoben. Abgeklärt und ruhig, analytisch auch hier, mit faszinierenden Girlanden versehen erstrahlte dieses Stück.

Dem aufsteigenden Dreitonmotiv bei Mendelssohn stand dann das fallende Dreitonmotiv aus der Klaviersonate Fis-Dur op. 78 von Beethoven gegenüber. So intensiv stand es im Fokus von Schiff, dass man über das weitere Programm versucht war, immer wieder Dreitonmotive herauszuhören. In kristallklarer Artikulation öffnete er die Welt dieser konzisen, nur zweisätzigen Sonate. Ruhig und kantabel, fast zärtlich entwickelte er die harmonischen Linien, ließ im zweiten Satz schroffe Dur-Moll- und Laut-Leise-Kontraste aufblitzen, sich die Zweierbindungen nahezu verselbständigen.

Den massiven Schlusspunkt unter das Programm setzte Bachs ausladende Englische Suite Nr. 6 d-Moll. Brilliant blitzte schon das Prélude, dass einem ganz schwindlig werden konnte. Die Sarabande geriet wenig verbindlich, die Gigue gar ein wenig mechanistisch und abrupt dem Ende zusteuernd. Drei Zugaben, der strahlende erste Satz von Bachs Italienischem Konzert und zwei Petitessen von Schumann und Brahms, beschlossen ein höchst beeindruckendes und intensives Konzert.

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