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Podiumsdiskussion

Das darf man doch wohl noch sagen, oder?

Ein MZ-Podium über Political Correctness und Tabubrüche mit Nora Gomringer, Anatol Stefanowitsch und Daniel Ullrich
Von Angelika Sauerer

Dieses Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entzweite die Gemüter. Foto: David von Becker/ASH Berlin/dpa
Dieses Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entzweite die Gemüter. Foto: David von Becker/ASH Berlin/dpa

Regensburg.Mittwoch, 16. Mai. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) rügt Alice Weidel von der AfD: „Sie haben unter anderem die Formulierung Kopftuchmädchen und sonstige Taugenichtse gebraucht. Damit diskriminieren Sie alle Frauen, die ein Kopftuch tragen. Dafür rufe ich Sie zur Ordnung.“

Samstag, 2. Juni. Am Kunsthaus im oberfränkische Rehau, wo der Lyriker Eugen Gomringer seit Jahrzehnten lebt, wird sein Gedicht „ciudad (avenidas)“ an der Hauswand enthüllt. Im Januar hatte die Berliner Alice-Salomon-Hochschule nach langer Diskussion entschieden, das gleiche Gedicht an ihrer Fassade zu übermalen, weil Studierende es als „sexistisch“ bewerteten.

Das sind zwei aktuelle Beispiele von vielen, die den Riss illustrieren, der durch die Gesellschaft geht: Einerseits wird immer mehr Unsägliches gesagt. Sprachliche Grenzen werden überschritten und verschoben, Tabus werden gebrochen. Andererseits steigt die Sensibilität für als solche empfundene Grenzüberschreitungen. Spricht aus Eugen Gomringers Lyrik Sexismus oder handelt es sich um eine poetische Hommage an Frauen? Beide Interpretationen finden Zuspruch. Und überhaupt: Wo bleibt die Kunstfreiheit?

Regensburger Gespräche

  • Das Theater Regensburg

    veranstaltet in Kooperation mit der Mittelbayerischen Zeitung die „Regensburger Gespräche“.

  • Die Podiumsdiskussion

    über Gesprächskultur findet am Mittwoch, den 11. Juli, um 19 Uhr im MZ-Verlagsgebäude (Kumpfmühler Str. 15) statt. Der Eintritt ist kostenlos. Um Anmeldung per E-Mail wird gebeten: heike.benedikt@mittelbayerische.de

Themenfeld – und Minenfeld

Dieses Themenfeld – in gewisser Weise ist es auch ein Minenfeld – wird in der sechsten Ausgabe der „Regensburger Gespräche“ zur Debatte stehen. Unter der Überschrift „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen – Aktuelle Gesprächskultur zwischen Selbstzensur und Verrohung“ diskutieren am nächsten Mittwoch, 11. Juli, im Verlagshaus des Mittelbayerischen Medienhauses die Lyrikerin Nora Gomringer, der Autor und Medieninformatiker Daniel Ullrich und der Sprachwissenschaftler und Blogger Anatol Stefanowitsch.

Nora Gomringer Foto: Jens Kalaene/dpa
Nora Gomringer Foto: Jens Kalaene/dpa

Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 im Auftrag des Freistaats Bayern das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet. 2015 wurde die Schweizerin und Deutsche mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Die Tochter des Dichters Eugen und der Germanistin Nortrud Gomringer wurde als Spoken-Word-Artistin bekannt. Mit Witz und Ironie begegnete sie auch der Aufregung um das Gedichts ihres Vaters. Es sei die Zeile „Hier stand einst:“ voranzustellen, schlug sie in der „Welt“ vor. Bei der Suche nach einem Nachfolgegedicht wünscht sie, „dass stets genug Weichspüler im Haus vorhanden ist, um Texte zu finden, die niemanden echauffieren, also am besten politically so correct sind, dass es um sie niemals eine Diskussion geben muss“.

MZ-Redakteurin Jana Wolf hat mit Nora Gomringer 2015 über Lyrik gesprochen. Hier geht es zum Interview.

Daniel Ullrich Foto: privat
Daniel Ullrich Foto: privat

Gibt es das überhaupt – Texte, über die sich niemand echauffieren kann, genderneutral und diskriminierungsfrei in jeder Hinsicht? Und sollte es sie überhaupt geben? Unter dem Titel „Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört“ erörtert Daniel Ullrich mit der Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach die Folgen von ideologisch aufgeladener politischer Korrektheit. Die an sich gute Idee, „auf Äußerungen zu verzichten, die Vorurteile schüren oder zementieren können“, habe sich zur „Katastrophe“ ausgewachsen. Denk- und Sprachverbote führten zur Polarisierung der Gesellschaft, argumentieren Ullrich und Diefenbach in dem 2017 erschienenen Buch. Am Ende werde über die Wortwahl mehr diskutiert als über Inhalte.

Sprache als Frage der Moral

Anatol Stefanowitsch Foto: dpa
Anatol Stefanowitsch Foto: dpa

Geht es nach Anatol Stefanowitsch, kann gar nicht genug über die Wahl der Worte nachgedacht werden. So hat nach seiner Ansicht auch die Debatte um eine Obergrenze für Flüchtlinge zur Verrohung der Sprache in Deutschland beigetragen. Der Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie an der FU Berlin hat eine – so nennt er es – „Streitschrift“ verfasst: „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“. Er fragt darin, warum ein nicht rassistisch denkender, Mann und Frau gleich achtender Mensch eine Sprache verwende, die rassistisch vorbelastet sei, Gruppen ausgrenze oder Minderheiten diskriminiere. „Abwertende Sprache“, schreibt Stefanowitsch, sei „oft der erste Schritt zu abwertenden Handlungen“. Die Meinungsfreiheit werde mit politisch korrekter Sprache nicht bedroht. Es gehe „darum, wie etwas sagt wird, nicht, ob es gesagt werden darf“.

Anatol Stefanowitsch ist auch Gründer der Initiative „Anglizismus des Jahres“. 2017 wurde der Begriff „Influencer“ gekürt.

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