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Musik-Tipp

Das Ende der Welt

Die Zukunft der Pop-Musik: Daniel Blumbergs „Minus“ zeigt, dass Verzweiflung und Glück gut zusammenpassen.
Von Helmut Hein

  • Daniel Blumbergs Album umfasst die reine Schönheit und die Rohheit des Lebens. Foto: Steve Gullick
  • Daniel Blumberg (rechts) und seine Mitmusiker Foto: Steve Gullick

Das ist doch ein bisschen viel auf einmal! Zuerst stirbt der beste Freund. Dann zerbricht die erste große Liebe, die wie für die Ewigkeit bestimmt schien, nach sieben Jahren. Hinzu kommt, dass Daniel Blumberg eben erst, wie es vornehm heißt, von einem „Aufenthalt“ in der Psychiatrie zurückgekehrt ist. Und jetzt sitzt er in einem Studio in Wales, weit weg von allem vertrauten Großstadtlärm, und spielt in gerade mal fünf Tagen ein Meisterwerk ein, von dem man heute schon sagen kann, dass es zu den besten Alben des Jahres gehört.

„Minus“ ist für ca. 15 Euro (CD) bei Mute/Rough Trade erschienen.
„Minus“ ist für ca. 15 Euro (CD) bei Mute/Rough Trade erschienen.

In fünf Tagen? Nun, Blumberg hat fünf Jahre an diesen sehr, sehr traurigen, wie er selbst sie nennt, Songs gearbeitet, die vor allem vom großen Verlust handeln, vom Blues der Welt, wie ihn so wohl nur ein sensibler Twentysomething empfinden kann. Es sind, melodisch und harmonisch, sehr eingängige Lieder, die wir aber nicht pur zu hören bekommen, weil Daniel Blumberg den Einfall hatte, sie in ein wüst-experimentelles Umfeld einzubetten.

„Um mich herum bricht alles zusammen“

Daniel Blumberg

Blumberg ist erst 27 Jahre alt, aber er hat schon eine Menge erlebt: „privat“, wenn man das so sagen kann, denn auch das Private ist ja, nach Godard, politisch, geht uns alle etwas an; und musikalisch. Als Teenager wütete er mit seiner Cajun Dance Band durch die Londoner Szene. Halbwegs erwachsen geworden kooperierte er mit David Berman von den Silver Jews, mit Low und Lambchop, alles erste Adressen. Und er gründete mit Michael Hagerty von Royal Trux, dieser 90er-Jahre-Lärm-Combo in Pavement-Nähe, ein sehr spezielles Duo: Howling Hex.

Aber das ist alles nichts gegen „Minus“. Dieses Album ist seine Confessio, ein wild-wehmütiges Bekenntnis. Nicht nur, weil er singt: „Um mich herum bricht alles zusammen“, und sich dann, um dem Irrsinn zu entgehen, in die Kunst rettet, die alles besänftigt: „Es sieht so aus, als ob alles davon abhängt, dass ich zu einem Ende komme.“ Gemeint ist dieses wunderbare Album, in dem der mal klagende, mal euphorische, immer aber sehr suggestive Singsang sich vermischt mit den irritierten, sperrigen Geigenklängen Billy Steigers, den wüsten (im Doppelsinn) „Einfällen“ des Kontrabassisten Tom Wheatley und leisen Cello- oder Saxophon-Tupfern.

Blumberg und das Café Oto

  • Es gibt Orte,

    die Produkten ihren Stempel verpassen. Im Café Oto in London experimentieren Jazz-, Rock-, Pop-, Folk-, Electromusiker. Hier fand Daniel Blumberg Inspiration und Mitmusiker für „Minus“.

  • Minus

    ist bei Mute (Rough Trade) erschienen. Die CD kostet ca. 15 Euro, Vinyl ca. 20 Euro.

Ist das noch Pop-Musik? Natürlich, aber eine Pop-Musik, die weiß, dass man sich nicht dem Kitsch hingeben darf – selbst wenn einem gerade danach ist. Bei Blumberg gibt es beides: die reine, einem den Atem raubende Schönheit; und alle Einwände dagegen, die Skepsis, die meistens berechtigt ist, die Rohheit des Lebens, die hier aus den dissonant traktierten Saiten hervorquillt, die Insistenz, das Nichtnachlassen eines repetitiven Rhythmus, der einem ins Blut steigt.

„Minus“ ist wüst, ja bruitistisch, also reine Lärmmusik in allen kleinen Details – und doch, wenn Daniel Blumberg anfängt zu singen, große Oper oder zumindest ein Gefühls-Flow, der einen nie kalt lässt, ganz egal, was man selbst gerade so treibt.

Wenn die Philosophen in früheren Zeiten sagten, Musik sei das Innerste der Welt, ihre bleibende Struktur und ein beunruhigender Drang, der nach Erlösung sucht – hier kann man es erleben. Ja, so ist es, „Minus“ ist das Werk einer großen Verzweiflung und einer noch größeren Bereitschaft und Hingabe. Ein wunderbares, unverzichtbares Album.

Das Video zum Titelsong „Minus“:

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