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Turmtheater

Das Ende geht seinen üblichen Gang

Michael Bleiziffer setzt Becketts „Endspiel“ als apokalyptische Groteske in Szene.
von Peter Geiger

Clov (Paul Kaiser, links) ist seinem Herrn Hamm (Martin Hofer) zu Diensten. Foto: Alba Falchi
Clov (Paul Kaiser, links) ist seinem Herrn Hamm (Martin Hofer) zu Diensten. Foto: Alba Falchi

Regensburg.. Man sollte sich die beiden Wörter, die Samuel Beckett (1906-1989) da zum Titel verschmolzen hat, schon einmal auf der Zunge zergehen lassen. „Endspiel“, das ist ein Kompositum, das zwei gänzlich gegensätzliche Aggregatzustände miteinander in Beziehung setzt: Die finale Aussichtslosigkeit nämlich wird kombiniert und in Reihe geschaltet mit jenem Trieb, der uns Menschen von Kindesbeinen an innewohnt und der für alles Schöpferische und Rettende verantwortlich zeichnet. Insofern also hat der Literaturnobelpreisträger von 1969 die gesamte Paradoxie, die sich aus menschlichem Streben und Scheitern einerseits und transzendentaler Obdachlosigkeit andererseits ergibt, poetisch maximal verdichtet. Und sodann um ein Vier-Personenstück ergänzt, das zeigt, dass auch angesichts des Endes aller Dinge alles andere, was auf der Maslowschen Bedürfnispyramide Rang und Namen hat, seinen gewohnten Gang geht.

Unter der Regie von Michael Bleiziffer verwandelt das vierköpfige Turmtheater-Ensemble diese Steilvorlage mit traumhafter Sicherheit in eine große Groteske. Ein Martin Hofer (höchst agil!) als lahmer und blinder Hamm trägt zwar einen toten Fuchs als Schal und rotgoldenes Königsornat – Kostümbildnerin Katharina Dobner hat ihn mit viel Liebe zum Detail ausgestattet und ihm sogar jene Lederkappe aufgesetzt, die er einst als Faust trug.

Aber der Machtanspruch dieses landlosen Monarchen, er reicht allenfalls bis zur eigenen Kühlschranktür. Was wiederum genügt, um Clov, seinen ihm in Hassliebe verbundenen Diener, zu tyrannisieren. Paul Kaiser, man muss es so sagen, interpretiert diese Rolle sensationell: Er grimassiert grandios! Und ist artistisch wie ein alberner Akrobat, wenn er taumelt und rutscht, am Ende (oh!) doch nicht herunterstürzt von seiner Staffelei. Und: Er ist nur halb renitent und schließlich doch servil, wenn er seinem linken Arm wieder und wieder Schwung verleiht. Um seinem Herrn wieder willig zur Verfügung zu stehen.

Nell und Nagg (Undine Schneider und Heinz Müller sind beängstigend alt geschminkt), die imposanten Sidekicks in der Mülltonne am Bühnenrand, sie sind die bedauernswerten und bereits vom Tod gezeichneten Eltern von Hamm. Das Leben hat sie um einen Fuß kürzer gemacht (Fahrradunfall!), jetzt schreien sie nach Brei und Zwieback. Und suhlen sich im Kompost ihrer Erinnerung an bessere Zeiten. Atmosphärisch abgedichtet ist diese furiose 80-Minuten-Inszenierung durch Petra Fierlbecks Klangfantasien. Unentwegtes Tröpfeln sorgt eingangs für schimmelfleckige Akustik, und am Ende tickt der Wecker. Die Zeit läuft!

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