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Literatur

Das Ende liegt in der Mitte

Benjamin Stein und sein kunstvoller Roman „Die Leinwand“
Von Peter Geiger, MZ

Sulzbach-Rosenberg. Beginnen wir ganz vorne: Der Ort der Lesung, über die hier berichtet werden soll, heißt seit 1977 „Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg“. Die von Walter Höllerer gegründete Institution hat sich heuer die Zusatzbezeichnung „Literaturhaus Oberpfalz“ gegeben. Wenn der Gast das alte Amtsgerichtsgebäude betritt, dann beantwortet allein der Besuchszweck die Frage danach, ob er Literaturarchiv oder Literaturhaus aufsucht. Denn man kann hier in Nachlässen forschen, in einer neu eingerichteten Bibliothek Entdeckungen machen, Ausstellungen besuchen oder Lesungen lauschen. Die begriffliche Unschärfe spiegelt die Weite des Horizonts, die Vielzahl an Möglichkeiten, die insbesondere mit dem jungen Literaturwissenschaftler Michael Hehl Einzug gehalten hat. Seit einem guten Jahr bildet er zusammen mit Patricia Preuß die Doppelspitze.

Jeder Buchdeckel ein Romananfang

Die positiv verstandene Idee der Unschärfe prägte auch den Abend mit Benjamin Stein. Der Autor war in Begleitung des Radiojournalisten Knut Cordsen aus München. So konnte sich statt einer Frontalveranstaltung ein Gespräch über Steins Roman „Die Leinwand“ (C.H. Beck, 19,95 €) entwickeln, das der mit der sonorsten Stimme des Universums ausgestattete Moderator von Bayern2-Kulturmagazinen souverän in die Wege leitete. Er berührte dabei Biografisches ebenso wie Fragen des ästhetischen Grundverständnisses. Und landete so schon bald bei der Grundfrage: Wieviele Romane enthält dieses Buch eigentlich?

Denn egal, wie man es wendet: Auf jeder Rückseite fängt die Geschichte wieder von vorne an. Benjamin Stein schildert aus der jeweiligen Ich-Perspektive seiner beiden Erzähler Jan Wechsler und Amnon Zichroni eine sagenhaft geschickt eingefädelte und krimispannend zu lesende Identitätssuche, die das Jahrhundertthema der Shoa verknüpft mit der Ewigkeitsfrage nach der Wahrheit der menschlichen Erinnerung. Hintergrund des Plots ist ein realer Literaturskandal der 90er Jahre. Da veröffentlichte der Schweizer Bruno Dössekker unter dem Pseu-donym Binjamin Wilkomirski bei Suhrkamp eine vermeintliche Autobiografie unter dem Titel „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948“. Sie erwies sich alsbald als Ergebnis einer „Erinnerungsfälschung“. In der Psychologie bezeichnet man das Phänomen der „false memory“ seither als „Wilkomirski-Syndrom“.

Aus dem Erzähl-Zauberkasten

Benjamin Stein versteht es auf meisterhafte Weise, seine eigene, höchst bemerkenswerte Biografie fiktional mit dem Leben einer solchen Wilkomirski-Figur (Minsky heißt sie im Roman) und seinem Alter Ego Jan Wechsler zu verknüpfen. Schon allein, was der Autor uns in dem rot eingebundenen Teil erzählt und dabei erahnen lässt, was sein eigenes Leben sein könnte, das entspringt einem Erzählzauberkasten, in den auch Philip Roth oder Paul Auster ihre Feder tunken. Er erzählt, wie er als in Ost-Berlin geborener Sohn gläubiger Kommunisten als Teenager seinen religiösen Weg entdeckte und die jüdischen Familienwurzeln freilegte. Wie er panthergleich dem DDR-Käfig entkam. Heute lebt Stein in München, als Computerfachmann und Familienvater. Jan Wechslers Leben freilich verläuft wechselhafter, zweideutiger, vielleicht sogar unschärfer. Aber das erfährt man erst ganz am Ende, also in der Mitte.

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