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Kultur
Montag, 18. Juni 2018 26° 2

Jubiläum

Das flotte Grenzüberschreiten der Literaten

Der Schriftstellerverband Ostbayern feierte seine 20-jährige Zusammenarbeit mit den westböhmischen Kollegen aus Pilsen.
Von Florian Sendtner, MZ

Marita A. Panzer und Jaroslava Málková (r.), die Vorsitzenden der Schriftstellerverbände, präsentieren die Festschrift „Herzlandschaften“. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Die Kultur ist der Politik immer um eine Nasenlänge voraus. Manchmal sind es auch Lichtjahre. Im Fall der Regionalgruppe Ostbayern des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) und der Stadt Regensburg waren es zumindest zwei Jahre, bevor die Stadt Regensburg 1993 eine Städtepartnerschaft mit Pilsen einging, hatte der Schriftstellerverband bereits mit den Pilsener Kollegen angebandelt. Die große Politik hinkte hoffnungslos hinterher: Es ist noch kein Jahr her, dass zum ersten Mal ein bayerischer Ministerpräsident den Weg nach Prag fand.

Bei den Schriftstellern dagegen gab es offensichtlich keinerlei Vorbehalte: Kaum war der Eiserne Vorhang gefallen, setzte man sich zusammen. Genauer gesagt waren es die Tschechen, die auf die Bayern zukamen. Das Protokoll der VS-Sitzung vom 9. August 1991 vermerkt: „Westböhmische Autoren wünschen engeren Kontakt mit uns.“ Zwei Jahre später lag bereits ein handfestes Ergebnis der Beziehungen vor: Das „bayrisch-böhmische Lesebuch“ mit dem Titel „Zwischen Radbuza und Regen“, herausgegeben von Frantisek Fabian, Josef Hrubý und Bernhard Setzwein. Der längst vergriffene, im Amberger Buch- und Kunstverlag Oberpfalz erschienene Band brachte es auf 150 Seiten Erzählungen, Gedichte, Reisereportagen von tschechischen und deutschen Autoren.

Seitdem fanden zahlreiche Treffen und Lesungen statt, aus denen wiederum gemeinsame Publikationen entstanden, 2007 etwa die Wanderausstellung „querfeldein“ (mit Begleitband), bei der zwölf Autoren Texte zu historischen Fotos aus dem Pilsener Skoda-Archiv schrieben, oder 2009 die Anthologie „Setkání na Sumave“ („Treffen im Böhmerwald“). Zuletzt war ein zweisprachiger Literarischer Kalender für 2011 herausgekommen, und nun, als Festschrift zum zwanzigsten Jubiläum, das 90-seitige Bändchen „Herzenslandschaften“, für den 28 Autoren ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext beisteuerten, in der Regel nur eine Seite, wiederum zweisprachig: links das Original, rechts die Übersetzung.

Aus dieser Festschrift lasen am Sonntag ein Dutzend Autoren im fast vollen Runtingersaal (aus Pilsen war eine starke Delegation gekommen), und eins der Gedichte spannte den Bogen weit über 1991 hinaus: Der am Vorabend mit dem Regensburger Kulturpreis geehrte Schriftsteller Wolf Peter Schnetz, die graue Eminenz des VS-Ostbayern, erinnert sich darin an seine erste Fahrt nach Pilsen mit seinem VW-Käfer 1966. Schon damals ging es zum Literatentreffen. Von deutscher Seite mit dabei: Günter Eich, Guntram Vesper, Peter Reus, von tschechischer: Frantisek Fabian, Josef Koenigsmark (beide schon gestorben), Josef Hrubý. Letzterer konnte nicht zur Jubiläumslesung kommen, sein Gedichtbeitrag wurde dennoch verlesen, die deutsche Übersetzung von Wolf Peter Schnetz. Er handelt von der ganz und gar unsentimentalen Liebe zur eigenen Wohnung: „Einmal kam ich an / und streichelte die Wand des Plattenbaus / als sei’s ein großes Tier // Mein Heim / mein Käfig mein Nest / schorfiger Unterschlupf / in schroffen Mauern.“ Die Vorsitzenden Marita Panzer (VS-Ostbayern) und Jaroslava Málková (Zentrum westböhmischer Schriftsteller, Pilsen) blickten in ihren Reden auf eine sehr produktive Zusammenarbeit zurück und wünschten sich nur, dass es die nächsten zwanzig Jahre so weitergehe. Die vom Duo Susanne Hoffmann (Querflöte) und Milorad Romic (Gitarre) musikalisch begleitete Lesung wurde nicht zuletzt durch ein Grußwort des CSU-Fraktionsvorsitzenden im Regensburger Stadtrat Christian Schlegl zum Genuss, der in Vertretung des Oberbürgermeisters eine mitreißende Rede hielt. Ein Vorbild seien sie, rief Schlegl den Schriftstellern zu, nämlich für „intrinsisches, kreatives Miteinander“. Die so Geehrten legten angesichts solcher Sprachgewalt die Ohrwaschel an.

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