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Das ganz große Theater findet zwischen Buchdeckeln statt

Die Bühnenversion der „Buddenbrooks“ feierte im Velodrom Premiere – und blieb Erkenntnisse schuldig.
Von Claudia Bockholt, MZ

Das Theaterstück „Buddenbrooks“ konzentriert sich auf die ungleichen Brüder Thomas (Paul Kaiser, li.) und Christian (Roman Blumenschein), die beide auf ihre Weise am Leben scheitern. Foto: Stadttheater Regensburg

Regensburg. Das Kapital ist über allem. Pralle Säcke, zählbare, buchhalterisch erfassbare Werte. Die von Hannes Neumaier gestaltete Bühne macht vom ersten Bild an klar, worum sich alles dreht in der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook, und sie deutet das Ende bereits an. Denn die da oben träge schwingende Last kann Gewinn bringen, kann aber auch Menschen unter sich begraben.

„Verfall einer Familie“ hat Thomas Mann seinen epochalen Roman untertitelt. Das Leben hinter der großbürgerlichen Fassade, die inneren Zustände der Protagonisten hat der große Schriftsteller auf vielen hundert Seiten in meisterlich klarer Sprache seziert. Geradezu verwegen erscheint es, dieses feinverästelte, schon im Roman dichte Psychogramm in eine Bühnenfassung zwängen zu wollen. Dass dieses Unterfangen „heillos vermessen“ sein könnte, befand selbst John von Düffel, von dem die Bühnenbearbeitung stammt. Um der Sache gerecht werden zu können, konzentriert sich die in Regensburg von Johannes Zametzer inszenierte, noch weiter verknappte Bühnenversion ganz auf die Kinder des Konsuls. Zugespitzt ist sie auf den Konflikt der ungleichen Brüder: Hier der weiche, verinnerlichte Christian (Roman Blumenschein) mit Hang zum Theater und zur halbseidenen Künstlerwelt. Dort der hanseatisch kühle Thomas (Paul Kaiser), der die Firma um jeden Preis nicht nur halten, sondern voranbringen will. Denn sie hätte längst das Familienvermögen mehren, „die Million überschreiten“ müssen, wie der Senior zu Anfang mahnt, nachdem er seinen Lieben lange Zahlenkolonnen vorgeknurrt hat.

Der Weg zum dramatischen Höhepunkt ist lang. Zunächst ist es, als hätte man im E-Book einen „Fast Forward“-Knopf gedrückt: In schneller Szenenabfolge werden Hunderte Seiten umgeblättert, mit stark reduziertem Personal. Tochter Tony, ungestüm und gar nicht „comme il faut“, verliebt sich in einen netten Habenichts, folgt aber – im Stück reichlich unvermittelt – der Familienräson und heiratet Grünlich, den Mann mit dem Literaturgeschichte gewordenen gelben Backenbart. Der Mitgifterschleicher geht Bankrott, Toni kehrt nach dieser Pleite zur Familie zurück. Christian versucht sich im Geschäftsleben, ist mit seinen körperlichen und seelischen Unpässlichkeiten aber derart beschäftigt, dass er sein Versagen schließlich – nicht unfroh – eingesteht.

Thomas hält, während ihm der finanzielle Boden wegbricht, mit schnarrender Stimme die Fahne hoch und zwingt sich, in quälenden autosuggestiven Monologen, die von den Vätern vorgelebte Fassung zu wahren: „Wenn ich gut leben will, werde ich arbeiten müssen. Härter als alle anderen. Ich muss mir Härte zufügen.“

Im Schnellverfahren werden bis zur Pause die wesentlichen Zustände und Ereignisse vermittelt. Klar ist: Da muss noch etwas kommen, oder das Projekt „Buddenbrooks auf die Bühne“ wäre gescheitert. Und im zweiten Teil gewinnt das Stück an Klarheit und Schärfe – nach einem kurzen Ausflug in den Komödienstadel mit Tonys zweitem Ehemann Permaneder, dem Bierdimpfl, dem Hallodri, mit dem sie noch ihr rechtes Kreuz haben wird.

Spät erst entwickeln sich aus kaum sichtbaren Haarrissen klaffende Abgründe. Thomas’ aus Selbstverleugnung gespeiste Wut entlädt sich in zunehmend gewalttätigen Ausfällen. „Ich vernichte Dich“ brüllt er, seinen Bruder niederringend. Brutal versucht er, seinem zarten, blondgelockten Sohn das Mantra von der nötigen Härte gegen sich und andere einzubläuen. Dabei ist doch alles schon längst vorbei. Die Zentnersäcke beginnen sich zu senken wie die mit Metallspitzen bewehrte Decke einer Folterkammer.

So spät, wie das eigentliche Drama beginnt, können auch die Schauspieler ihre Rollen entfalten. Nikola Norgauer (Tony) als gescheiterte Ehefrau, nachdem sich zur Naivität auch die Verbitterung gesellt hat. Roman Blumenschein, als er sanft und leicht verkrümmt seine Liebe zum Theater erklärt. Und vor allem Paul Kaiser, der Thomas’ schreckliche Zerrissenheit sichtbar macht, bevor das ungelebte Leben die betonierte Hülle zersprengt und der Mensch in Trümmern liegt.

Am Ensemble liegt es nicht, dass der Premierenapplaus zwar nicht sparsam, aber doch ohne Enthusiasmus gespendet wird. Dem, der ihn kennt – und das sind viele –, gelingt es eben nicht, einen unerreichten Roman wegzudenken, um diesem Stück unverbildet und unvoreingenommen zu begegnen. Neue Erkenntnisse bietet es nicht. Wozu also eine Bühnenversion, wenn das große Theater des Lebens sich doch seit über 100 Jahren zwischen Buchdeckeln ereignet?

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