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Ausstellung

Das Gehirn greift auf Bilder zurück

Die Nürnberger Künstlerin Dagmar Buhr zeigt im Neuen Kunstverein Regensburg zwei ihrer vielschichtigen Text-Installationen.
Von Gabriele Mayer, MZ

„Zunge“ und „kriechen“: Die Text-Installation fordert Einbildungskraft und Kreativität. Foto: Dagmar Buhr
„Zunge“ und „kriechen“: Die Text-Installation fordert Einbildungskraft und Kreativität. Foto: Dagmar Buhr

Regensburg.Ein Bild, ein Foto kann Unterschiedliches bedeuten. Das sagt uns das Bild selbst nicht. Die Bedeutung erschließt sich erst über Erklärungen, also Texte. Vor allem im politischen Zusammenhang kennen wir die fatalen Folgen, wenn allein Fotografien eine Bedeutung erheischen, die sie gar nicht haben, aber man meint, auf einem solchen Bild doch die eine Wahrheit zu sehen. Man erliegt vorgefassten Vorstellungen.

Die Nürnberger Künstlerin Dagmar Buhr zeigt im Neuen Kunstverein zwei ihrer vielschichtigen Text-Installationen, eine kleine, die als Laufschrift abrollt, und eine große, auch von der Straße aus sichtbare. Sie sagt, ihre Texte seien Bilder. Wir sehen in großen schwarzen Lettern an den Wänden die Worte „Zunge“ und „kriechen“. Diese Verbindung passt weder grammatikalisch, noch bedeutungsmäßig, noch als Handlungsanleitung in den konventionellen Rahmen. Jeder Betrachter muss hier experimentell seine private Assoziationsmaschine hochtouren.

Beim Wort „Zunge“ stellt man sich automatisch eine Zunge vor. Die These von Prof. Honnef, Referent beim „Festival Fotografischer Bilder“, zu dem die Ausstellung gehört, lautet: „Wir sehen fotografisch.“ Das Gehirn greift bei der Generierung und Einordnung dessen, was man sieht und sich vorstellt, auf bereits gesehene Bilder, heute oft auf Fotos zurück. Bei dem Wort „Zunge“, stellt man sich vielleicht die eigene Zunge vor, oder ein medizinisches Foto oder das Foto der Zunge von Mick Jagger oder Einstein oder auch etwas anderes.

Ähnlich bei dem Wort „kriechen“. Gerade, weil sich aber die Verknüpfung beider Worte nicht den Erwartungen fügt, werden auch Einbildungskraft und Kreativität gefordert. Und es zeigt sich, wie schablonenhaft und vorgeprägt unser Fühlen, Vorstellen und Kombinieren ist und Neues nur schwer fassen kann, und in welcher Weise Umschichtungen von Vorstellungen stattfinden. Als Laufschrift lesen wir z.B. „Straße lecken“: Wer? Wie? Warum?

Man kann sich mit Bildern künstlerisch auseinandersetzen, ohne selbst Bilder machen zu müssen, sagt in seiner Einführung Prof. Schlüter aus Bonn. Mehr noch, das Medium Schrift bei dieser Installation verdeutlicht auf besondere Weise das, was auch für Fotos gilt, was wir dort aber gern ausblenden: das Fragmentarische, Bedeutungsunklare, das wir zurechtbiegen.

Weil aber Wörter im Gegensatz zu Bildern aus sich heraus diskursträchtig sind, kann die Reflexion und Analyse des Betrachters umso leichter einsetzen. Schließlich lässt sich an Buhrs „poetischer Setzung“ erkunden, dass und wie Bild, Vorstellung und Wort zusammenhängen. Worte sind auf Bilder, auf unsere Vorstellungen als vorgefertigte Bilder, angewiesen, sonst bleiben sie leer.

(Bis 18. November im Neuen Kunstverein Regensburg, Do/Fr 16-18 Uhr, Sa 12-15 Uhr.)

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